Haldensleben l Wenn ein Kind von seiner Familie getrennt wird, ist das ein schwerer Einschnitt in das Leben. Nichts ist mehr, wie es vorher war. Insgesamt 122 Kinder und Jugendliche hat das Jugendamt Börde allein im Jahr 2019 in seine Obhut genommen. Umso wichtiger ist es, dass es Familien in der Börde gibt, die sich dieser Kinder liebevoll annehmen. Doch dem Jugendamt, unter anderem zuständig für Pflegekinder und -familien, werden nun Amtsverstöße vorgeworfen.

Die Vorwürfe kommen vom Verein „Paul Niedersachsen“, ein unabhängiger Landesverband, der Pflege- und Adoptiveltern berät und bei Problemen beisteht. Laut der ersten Vorsitzenden Silke Hagen-Bleuel sei der niedersächsische Verein in der Börde aktiv geworden, weil die Hilferufe immer lauter geworden seien. Statt anfänglich einer betreuten Familie seien es inzwischen zwölf. „Ich habe noch nie so eine Arbeitsweise gesehen. Das Wohl des Kindes steht nicht im Vordergrund“, sagt Silke Hagen-Bleuel.

Jugendamt wehrt sich

Gegen die Vorwürfe wehrt sich Matthias Wendt, der seit vier Jahren die Position des Jugendamtsleiters innehat. Er verweist darauf, dass es um komplexe Sachverhalte gehe. „Das Feld der Jugendhilfe ist für alle Beteiligten hochemotional“, sagt er. Er verweist ebenfalls darauf, dass der Verein Paul nur im Hintergrund aktiv gewesen sei und bisher nie das Gespräch mit dem Jugendamt selbst gesucht habe.

Der Verein dementiert das. In der vergangenen Woche sollte ein Treffen des Vereins mit Matthias Wendt sowie Dirk Michelmann als Leiter des Dezernats Bildung, Jugend, Soziales und Migration stattfinden. Silke Hagen-Bleuel lässt verlauten, dass der Termin einen Tag vorher „ohne Angabe von Gründen“ abgesagt wurde. „Die Verwaltung schiebt das Thema weiter auf die lange Bank und das, obwohl unser Verein bereits seit Oktober 2019 auf die Missstände aufmerksam macht“, sagt sie. Damals habe es ein Treffen zwischen Landrat Martin Stichnoth, Dirk Michelmann, Matthias Wendt und ihr gegeben. Die Probleme sind dem Landkreis also seit längerem bekannt.

Der Verein wirft dem Jugendamt unter anderem vor, dass die Mitarbeiter nicht prüfen würden, was das Beste für das jeweilige Kind sei. „Es wird der einfachste Weg gewählt, nicht der beste für das Kind“, ist sich Hagen-Bleuel sicher. Jugendamtsleiter Matthias Wendt hält dagegen: „Es ist unsere oberste Prämisse, dass es diesen Kindern, die oftmals einen schweren Rucksack zu tragen haben, wieder besser geht.“

Von familiärer Betreuung profitieren

Die Vereinsvorsitzende behauptet außerdem, dass Kinder willkürlich und ohne eingehende Prüfung aus ihren Pflegefamilien genommen und in Heime gesteckt werden. „In diesen Fällen wird wohl eher auf die finanziellen Belange geschaut als auf das Wohlergehen des Kindes“, vermutet Silke Hagen-Bleuel. Dabei würden die Kinder von einer familiären Betreuung in einer Pflegefamilie mehr profitieren als von der Unterbringung in einem Heim.

Das weist Jugendamtsleiter Wendt von sich: „Es gibt für uns keinen Vorrang, ob ein Kind in eine Pflegefamilie oder eine Heimeinrichtung kommt.“ Das werde im Vorfeld geprüft. Außerdem werde auch bei der Auswahl der Pflegefamilie darauf geachtet, dass die Chemie zwischen Kind und Pflegeeltern stimmt.

Des weiteren berichtet Silke Hagen-Bleuel von mehreren Fällen, in denen Pflegekinder nach vielen Jahren in der Pflegefamilie ohne Vorbereitung „herausgerissen“ worden seien. Es gebe auch Kinder, die ohne Prüfung zurück an ihre leiblichen Eltern gegeben worden seien. „Die Kinder erfahren hier eine Retraumatisierung“, sagt sie. Diese Fälle würden zeigen, dass das Elternrecht im Landkreis Börde offenbar mehr wiege als das Kinderrecht.

Hilfeplan wird erstellt

„Kinder sollten grundsätzlich zu ihren leiblichen Eltern zurückkehren“, sagt Wendt dazu. Dafür werde mit allen Beteiligten ein Hilfeplan erstellt sowie über die Rückkehroptionen zu den leiblichen Eltern gesprochen. Dies geschehe jedoch nicht plötzlich. „Es gibt keine Rückführung von einen auf den anderen Tag. Das muss vorbereitet werden“, wehrt sich der Jugendamtsleiter gegen die Vorwürfe. So erhöhe man beispielsweise über Monate den Kontakt zu den leiblichen Eltern. Diese müssen nachweisen, dass sie wieder für ihr Kind sorgen können.

Für Silke Hagen-Bleuel ist es kindeswohlgefährdend, wenn Kinder nach vielen Jahren in der Pflegefamilie zu ihren Eltern zurückkommen. „Sie haben sich dort eingelebt und ihr gesamtes Leben hat sich dort abgespielt“, sagt sie. In einigen Fällen müsse man abwägen, wie sinnvoll eine Rückführung zu den leiblichen Eltern nach so vielen Jahren sei oder ob es nicht noch mehr kaputt mache.

„Es handelt sich um Grenzfälle, wenn Kinder jahrelang in einer Pflegefamilie untergebracht waren“, pflichtet Matthias Wendt ihr bei. Trotzdem besage der gesetzliche Auftrag, dass grundsätzlich die leiblichen Eltern für ihre Kinder zuständig sind. „Natürlich ist diese Situation für die Pflegeeltern nur schwer zu ertragen. Sie haben das Kind wie ihr eigenes angenommen“, sagt Wendt. Doch dort bestehe eben auch die Gefahr, denn die Rolle der Pflegeeltern könne nach so langer Zeit verwischen.

Weitere Vorwürfe

Ein weiterer Vorwurf seitens des Vereins „Paul Niedersachsen“ lautet, dass Pflegeeltern moralisch erpresst werden. So hätte das Jugendamt laut Silke Hagen-Bleuel mit den Herausnahme des Kindes gedroht, wenn Pflegeeltern die Vorgaben des Jugendamtes nicht einhalten.

„So etwas gibt es hier nicht. Wir schauen auf das Kind und erpressen keine Pflegeeltern. Wir sind nicht für deren Erziehung zuständig“, sagt der Jugendamtsleiter. Selbst bei offensichtlichen Problemen werde den Pflegeeltern nicht sofort das Kind entzogen. Zuerst werde das Gespräch gesucht – im Wohle des Kindes. Grundsätzlich seien die Pflegeeltern Dienstleister, so hart das auch klingen mag. „Wir sind der staatliche Durchsetzer. Natürlich trifft nicht jede unserer Entscheidungen auf Gegenliebe.“