Martin Luther

Kirchenrelikt aus Flechtingen reist nach Worms zur Landesausstellung

Flechtingen (aro). „Der Flechtinger Tetzelkasten geht in den kommenden Monaten auf Reisen nach Worms. Hier wird er ein Teil der Landesausstellung sein“, verkündet Rabea M. Reinhold, ordinierte Gemeindepädagogin im pfarramtlichen Dienst im Evangelischen Pfarramt Flechtingen des Kirchenkreises Haldensleben-Wolmirstedt. In der Kirche öffnet sie noch mal den schweren Deckel des Kastens. Bei Besichtigungen des Gotteshauses werfen Besucher ab und zu ein paar Geldstücke hinein. Die Münzen holt die Pfarrerin für die Kirchenkasse heraus. Und schon ist der Kasten reisefertig.

Währenddessen laufen die Vorbereitungen für die Landesausstellung in Worms (Rheinland-Pfalz) auf Hochtouren. 2021 jährt sich zum 500. Mal die Erinnerung an den Wormser Reichstag 1521. Die Ausstellung „Hier stehe ich. Gewissen und Protest – 1521 bis 2021“ nimmt das Jubiläum der Widerrufsverweigerung Martin Luthers auf dem Reichstag zum Anlass, die Entwicklungsgeschichte der „Gewissensfreiheit und des Protests“ anhand zahlreicher Beispiele bis in die Gegenwart aufzuzeigen und kritisch zu hinterfragen, erklärt Iris Kühn, die für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Rahmen der Ausstellung zuständig ist.

Der Mythos Martin Luther

Im Mittelpunkt der Ausstellung stehen – nach ihren Ausführungen – zunächst der Auftritt Martin Luthers in Worms und dessen Bedeutung sowie der Mythos, der zeitnah mit dem historischen Ereignis entstand und bis heute eine ungeheure Dynamik entwickelt.

Die Organisatoren der Landesausstellung hatten die Existenz des Flechtinger Tetzelkastens in ihrem Archiv entdeckt und im Flechtinger Pfarramt um den Verleih des Geldkastens gebeten. „In der Ausstellung gibt es ganz viele Textdokumente. Sie brauchen aber auch Ausstellungsstücke zum Anfassen“, schildert Rabea Reinhold. Der Tetzelkasten sei - nach ihren Ausführungen - ein idealer Zeitzeuge. „Der Baumstamm, aus dem der Kasten gebaut wurde, ist laut Gutachten tatsächlich aus Luthers Zeit vor 500 Jahren. Ob es wirklich ein Kasten ist, auf dem der Mönch Johann Tetzel seine Hand gelegt hatte, weiß man nicht“, erklärt die Pfarrerin. Sicher sei, dass Tetzel wirklich durch die Region gezogen ist und seinen Ablasshandel betrieben hat. Einer Legende nach zog Tetzel 1517 durch den Walbecker Forst, als er plötzlich von Reitern umringt wurde. Unter ihnen war Barward von Schenck, der zuvor für eine Sünde einen Ablass gekauft haben soll. Der Edelmann forderte den Kasten mit dem Geld. Vom erbeuteten Geld ließ von Schenck die Flechtinger Kirche erbauen.

In einem zweiten Teil fokussiert die Landesausstellung dann das Thema „Gewissensfreiheit und Protest“ selbst, und zwar sowohl mit als auch ohne Bezug zu Luthers Wirken in historischen Kontexten der letzten 500 Jahre. Die Ausstellung präsentiert darum neben Martin Luther weitere bedeutende Persönlichkeiten, die seit dem 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart für ihre Ideale in Wort und Tat mutig und entschlossen eintraten und nicht selten für ihre Zivilcourage auch mit ihrem Leben bezahlten. „Die streitbare Schriftstellerin Olympe de Gouges oder die junge Sophie Scholl fesseln uns noch heute mit ihrem mutigen Beispiel und werden auf faszinierende Weise in der Sonderausstellung durch Exponate, Dokumente und Schlüsselsituationen ihres Lebens vorgestellt“, schildert Iris Kühn.

Ebenso vertreten sind Vorkämpfer für Gleichberechtigung und Freiheit wie Martin Luther King und Nelson Mandela, Georg Büchner, die Protagonisten der friedlichen Revolution, die zur Wiedervereinigung Deutschlands führte.

Großes Rahmenprogramm

Zahlreiche Veranstaltungen sowie ein umfangreiches museumspädagogisches Angebot für verschiedene Altersgruppen begleiten die Ausstellung. Das Rahmenprogramm thematisiert dabei unter anderem auch die Herausforderungen der Gegenwart im Zusammenhang mit Gewissensfreiheit — auch um heutigen Entwicklungen gerecht zu werden. In der Wormser Magnuskirche, in der bereits 1522 evangelisch gepredigt wurde, wird unter Beteiligung der Filmakademie Ludwigsburg ein studentisches Filmprojekt mit dem Titel „Die unerschrockenen Stimmen“ präsentiert. „Der experimentelle Dokumentarfilm widmet sich der Frage, wofür Menschen heute gemeinsam einstehen und mit ihrer Stimme bürgen können. 16 ganz unterschiedliche Menschen aus den 16 Lutherstädten wurden nach Worms eingeladen, um gemeinsam 16 Aussagen zu formulieren und diese als Sprechchor vorzutragen“, beschreibt Iris Kühn.

Die Ausstellung ist vom 3. Juli bis 30. Dezember 2021 im Städtischen Museum im Andreasstift zu sehen.

Die Landesausstellung ist Teil eines umfangreichen Jahresprogramms der Stadt Worms und der Evangelischen Kirche zum Thema „Luther und die Reformation“. In der Nacht zum 18. April wird Luthers Bedenkzeit in einer großen Multimediashow rund um die Dreifaltigkeitskirche inszeniert. Vom 16. Juli bis 1. August zeigen die Nibelungen-Festspiele die Uraufführung eines Lutherstücks. Die Stationen des Bildungs- und Erlebnisparcours zwischen Heylshof und Dreifaltigkeitskirche können ganzjährig besucht werden. Außerdem gibt es Gästeführungen, Konzerte, Lesungen und über 100 weitere Veranstaltungen.

Weitere Informationen gibt es unter www.luther-worms.de