Haldensleben l „Wenn Nitrat im Körper abgebaut wird, entstehen krebserregende Stoffe“, erklärte Harald Gülzow. Er ist sowohl Diplom-Physiker als auch Pressesprecher der gemeinnützigen Organisation „VSR-Gewässerschutz“. Mit seiner Kollegin Dagmar Seidel und einem Labormobil war Gülzow auf dem Haldensleber Marktplatz zu Besuch. Der Andrang war enorm, es bildete sich eine lange Schlange.

Bürger hatten die Möglichkeit, ihr Brunnenwasser auf Belastungen prüfen zu lassen. Vor Ort konnten der Nitrat- sowie der Säure- und der Salzgehalt bestimmt werden. Weitere Untersuchungen, zum Beispiel im Hinblick auf Eisen, Phosphat oder Bakterien, konnten auf Wunsch in einem stationären Labor beauftragt werden. Die Ergebnisse werden zugeschickt. Im Mittelpunkt stand die Frage, wofür das Grundwasser geeignet ist - für das Gießen von Blumen und Gemüse, für das Befüllen des Pools oder auch für die Versorgung von Tieren beziehungsweise zum Trinken? Dabei zeigte sich: In Haldensleben und dem Landkreis Börde gibt es Probleme mit deutlich zu hohen Nitratwerten. Um das zu verdeutlichen, steckte Harald Gülzow ein Röhrchen mit Wasser in das Messgerät. Auf dem Display stand: über 250 Milligramm pro Liter. Der Grenzwert liegt bei 50.

Dünger als Problemquelle

„Sachsen-Anhalt hat ein Problem“, sagte der Diplom-Physiker. „Es gibt gute Böden mit intensiver Landwirtschaft. Dadurch wird viel Dünger in den Boden eingebracht.“ Das Nitrat bleibt aber nicht auf den Äckern. Das Wasser aus fast jedem zweiten Brunnen weise zu hohe Werte auf. Der EU-Grenzwert von 50 Milligramm pro Liter stamme aus der Nitratrichtlinie von 1991. Zwischenzeitlich sei Deutschland sogar wegen der Nichteinhaltung verklagt worden. „Das ist ein Beleg dafür, dass wir ein massives Problem haben, das die Politik nicht in den Griff bekommt“, so Harald Gülzow. „In den neuen Bundesländern gab es bis zum Jahr 2000 eine leichte Verbesserung. Dann wurde es wieder schlechter.“

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Auch die Gärreste von Biogas-Anlagen würden hohe Nitrat-Werte aufweisen. Doch ein großer Teil der Verantwortung komme tatsächlich der Landwirtschaft zu. „In städtischen Gebieten, wo es nur private Gärten gibt, haben wir wesentlich bessere Werte“, betonte Gülzow. In landwirtschaftlich intensiv genutzten Regionen seien sie dagegen meist sehr hoch. Einer solchen Darstellung tritt der Bauernverband Börde vehement entgegen. Er betont, dass das Trinkwasser in der Region von „besonderer Güte“ sei. Vor diesem Hintergrund sei es unnötig, Verbraucher zu verunsichern. „Es ist wichtiger, das Vertrauen in die heimische Landwirtschaft und deren streng überwachte Lebensmittelproduktion zu stärken“, heißt es in einer Pressemitteilung. Die hat der Bauernverband Börde unter expliziter Bezugnahme auf den Besuch des mobilen Labors verschickt.

Grund- und Trinkwasser sind verschieden

Doch laut Harald Gülzow werden dabei zwei Dinge durcheinander gebracht, nämlich Grund- und Trinkwasser. Trinkwasser werden aus Wasserschutzgebieten gewonnen. In diesen gebe es besondere Vereinbarungen hinsichtlich eines geringeren Einsatzes von Düngemitteln.

Der Verein „VSR-Gewässerschutz“ engagiert sich seit 38 Jahren für den Schutz von Grund- und Oberflächenwasser vor Verunreinigungen. Die Abkürzung VSR steht für „Verein zum Schutze des Rheins und seiner Nebenflüsse“ und verweist auf die Ursprünge des Engagements. Seit Jahren ist der Verein aber bundesweit aktiv. Dementsprechend hat er auch eine Deutschlandkarte der Nitrat-Werke erarbeitet. „Wir wenden genormte Verfahren mit der entsprechenden Genauigkeit an“, informierte Harald Gülzow. Nicht zuletzt verwies er auf das Bundesumweltministerium. Das führt eine eigene Karte der Nitrat-Werte. Die stimme mit der VSR-Karte weitgehend überein.

Nicht nur Vorwürfe erheben

Trotzdem hält der Diplom-Physiker fest: „Man darf Landwirten gegenüber nicht nur Vorwürfe erheben. Man muss miteinander reden.“ Außerdem warnt er vor Verallgemeinerungen. Es gebe industrielle Landwirtschaft, aber auch ökologischen und bäuerlichen Landbau. Landwirte seien Unternehmer und müssten Geld verdienen. Das Problem der Bodenbelastung lasse sich nur gemeinsam lösen. Dabei sei auch der Verbraucher gefragt. Er müsse bereit sein, höhere Preise für Lebensmittel zu zahlen. Dann kämen auch andere Anbau-Methoden in Frage.

Nicht zuletzt verweist der Bauernverband Börde auf die Düngemittelverordnung, die seit dem 2. Juni 2017 gilt. Diese gebe strenge Regeln vor. Laut Harald Gülzow steht aber noch nicht fest, welche Auswirkung die Verordnung hat. Die Veränderung im Boden vollziehe sich in ein bis zwei Jahren. Anschließend brauche es statistisches Material, um den langfristigen Effekt zu untersuchen.