Sanierung

Leben in Tilda Sonnenschein: Mutiges Paar saniert altes Fachwerkhaus in Hörsingen

Als Herausforderung und Chance haben Sven Johanson und Sylvia Sordel den Kauf ihres Fachwerkhauses gesehen. Rund 300 Jahre alt, haben sie dem Hörsinger Urgestein mit nachhaltiger Restaurierung wieder Leben eingehaucht - und ein - wenn auch noch nicht ganz fertiges - Schmuckstück daraus gemacht.

Von Carina Bosse
Sylvia Sordel, Sven Johanson und Luise stehen in der frisch restaurierten Küche ihres nachhaltig sanierten Fachwerkhauses.
Sylvia Sordel, Sven Johanson und Luise stehen in der frisch restaurierten Küche ihres nachhaltig sanierten Fachwerkhauses. Foto: Carina Bosse

Hörsingen - „Nicht wir haben es gefunden, sondern das Haus uns.“ Sven Johanson und Sylvia Sordel haben eines der, wenn nicht gar das älteste Haus in Hörsingen - so vermuten sie - gekauft und liebevoll restauriert. Sie gehen davon aus, dass es schon 300 Jahre alt ist - also um 1720 gebaut wurde, aber es hat auch heute noch Charme und Seele, vorausgesetzt natürlich, man kümmert sich um dessen Erhalt. Das haben Sven Johanson, seine Tochter Luise und Sylvia Sordel in den vergangenen eineinhalb Jahren nahezu ununterbrochen getan. 

„Das Fachwerk war gar nicht mehr zu sehen“, zeigt Sven Johanson auf die äußere Balkenkonstruktion. Das Gerüst steht noch davor, fertig ist die kleine Familie noch längst nicht auf ihrem Grundstück im Büschen. Doch sie wohnen darin - und fühlen sich pudelwohl. Angefangen haben sie im Januar vergangenen Jahres. Zuerst kam die obere Etage mit Bad, Schlaf- und Kinderzimmer an die Reihe. Der Fußboden musste komplett restauriert werden.

„Wir haben wert darauf gelegt, nur nachhaltige und ressourcenschonende Materialien zu verwenden“, sagt der Bauherr. Natürliche Baumaterialien gab es am Haus genügend, nur reichten die natürlich nicht, um bei ihrer Wiederverwertung alle denkmalgerechten Instandsetzungsmaßnahmen abzudecken. Da Sven Johanson bereits in Schwanefeld einem alten Haus neues Leben eingehaucht hatte, wusste er schon, wo ökologische Baustoffe zu haben sind. So wurde Hanf zum Dämmen verwendet und Lehm zum Verputzen. „Wir haben so um die vier Tonnen Lehm zu den Altstoffen hinzugenommen“, schätzt er. Für die äußere Hülle wurde Kalkputz verwendet.

Das meiste wird selbst gemacht

Die traditionellen Fenster aus Eichenholz ließ sich die Familie von einem Fachmann einbauen, einige weitere Gewerke kamen ebenfalls zum Einsatz, aber was mit den Händen eines Laien zu machen war und ist, schaffen Sven Johanson und Sylvia Sordel selbst. „Es macht Spaß, mit den Händen zu schaffen, dem Haus die Aura zu erhalten“, so die Bauherrin. Gegenüber vom Eingang sitzen sie auf einer alten Bank und können ihrer Hände Arbeit bewundern. Die Fachwerkfront mit den doppelt verglasten, aber durch die Fensterverstrebungen auf alt getrimmten Rahmen ist der ganze Stolz der Bauleute.

 Beide gehören mittlerweile zur Interessengemeinschaft (IG) Bauernhaus, die sich für den Erhalt historischer Gebäude und deren schonende Restaurierung einsetzt. Hier gab es wie auch vom Berater der Unteren Denkmalschutzbehörde viele wertvolle Tipps. 

Doch zurück zum Baugeschehen: Im vergangenen Winter wurde noch im Wohnwagen unter der Toreinfahrt gekocht, während das Untergeschoss mit Wohn- und Küchentrakt noch darauf wartete, fertig erschlossen zu werden. „So manchen kuscheligen Abend haben wird im Wohnwagen verbracht“, sagt Sylvia Sordel, die im Oktober 2019 aus Hankensbüttel zu ihren Freund Sven Johanson nach Schwanefeld gezogen war.

Da kannten sich die beiden erst ein paar Monate, nachdem sie sich bei gemeinsamen Freunden bei einem Sofakonzert in Wolfsburg erstmals begegnet waren. Es funkte, wie man so schön sagt, und zwar auch, als sich beide nach einer e-bay-Kleinanzeige das Verkaufsobjekt in Hörsingen ansahen. Sven Johanson:  „Schon auf der Rückfahrt im Auto war uns klar: Das ist es!“

Ebenfalls im Auto, aber zu einem späteren Zeitpunkt, bekam das Domizil der Familie einen Namen. Kurios dabei, dass Sylvia Sordel und Luise, die tatkräftig bei der Restaurierung dabei war und ist, die gleiche Idee hatten: „Das Haus ist eine Tilda“, waren sich alle sofort einig, später kam noch Sonnenschein hinzu: Also wohnen Johanson/Sordel jetzt in Tilda.Sonnenschein. Ein wenig kurios wie das Leben eben so spielt: Nachdem der Name Tilda feststand, fand die Familie in einem Fensterbrett verborgen, ein altes Buch mit genau diesem Namen drauf.

Moderne Geräte in historischem Ambiente

Die inzwischen fertiggestellte Küche verfügt über eine riesige Kreidetafel mit jeder Menge Memos. Ganz oben steht - natürlich - Tilda! Moderne Küchengeräte sind eingebettet in historisches Ambiente, was dem Teil des Hauses einen ganz besonderen Charme verleiht. Unter dem modernen Gasherd ist eine gemauerte Herdmulde eingelassen. Geschickt wurde die Balkenkonstruktion in die zweckmäßige Möblierung einbezogen. Diese Bauweise zieht sich auch durch das gesamte Untergeschoss. Der gesamte Ess- und Wohnbereich ist bewusst offen gestaltet, vom Ofenkamin in der Mitte zu beheizen. Kuschel- und Sofaecken wechseln mit Essbereich und Küchenvitrine - verwinkelt

Alles ist noch längst nicht fertig, die sogenannte Schwarze Küche, in der früher über offenem Feuer gekocht wurde, soll beispielsweise noch zur Speisekammer werden. Sylvia Sordel zeigt durch die Hintertür nach draußen. Eine Terrasse muss noch her, zeigt Sven Johanson auf die Schüttwüste vor der Hintertür. Davor hat Sylvia Sordel bereits als Gärtnerin agiert, wenn sie mal am oder im Haus nicht mithelfen konnte. Verwunschene und zauberhafte Grün- und Blühecken wechseln mit kleinen, scheinbar willkürlich verteilten Kunstwerken aus Holz, Ton und Eisen.

Beide sehen die Arbeit an der Tilda als Ausgleich zum nicht weniger anstrengenden Berufsleben am Computer beziehungsweise in der Pflegebranche. Ganz fertig werden sie wohl noch lange nicht sein, denn nicht nur das Wohnhaus, sondern auch eine Stallanlage gehört noch zum Anwesen, die es noch anzupacken gilt. Nach und nach, nicht alles auf einmal. Jetzt, wo das Wohnhaus restauriert und gemütlich eingerichtet ist, kann es sukzessive weiter gehen. Aber, auch dieses Datum ist auf der Tafel unter „Tilda“ zu lesen: Demnächst wird erst einmal geheiratet - im Oktober soll es soweit sein - standesamtlich in Sylvia Sordels Heimat, im nächsten Jahr dann auch noch kirchlich in Hörsingen.