Haldensleben l Katharina Zacharias ist Mutter. Die Haldensleberin hat zwei Kinder, die 1 und 3 Jahre alt sind. Wie viele andere Eltern, so sagt sie, hatte auch sie schon das Problem, dass Krankheiten nicht vor Uhrzeiten Halt machen, vor Sonn- oder Feiertagen. „Ich habe die unzureichende ärztliche Versorgung im Landkreis Börde schon am eigenen Leib erfahren“, sagt sie. „Als Eltern ist man verzweifelt, wenn das Kind plötzlich erkrankt und man keinen Arzt in der Nähe hat“, macht Katharina Zacharias die Situation deutlich, die nicht nur in Haldensleben sondern auch in den anderen größeren Orten der Börde – Wolmirstedt, Oschersleben und Wanzleben – herrscht.

Noch bis zum 1. April 2016 hat es einen fachgebietlichen Bereitschaftsdienst für Kinderheilkunde gegeben, der für den Altkreis Haldensleben zuständig war. Das bestätigt die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen-Anhalt (KVSA) auf Volksstimme-Anfrage. Dann, so erläutert Janine Krausnick von der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit, habe jedoch die Zahl der Kinderärzte nicht mehr ausgereicht, um einen kinderärztlichen Notdienst vorzuhalten. Gemeint ist damit, dass ein niedergelassener Kinderarzt außerhalb der üblichen Sprechzeiten an Wochenenden und Feiertagen im Bereitschaftsdienst für dringende Fälle zur Verfügung steht, die kein Fall für die Notaufnahme sind, aber auch nicht so harmlos, dass sie bis zu den nächsten Öffnungszeiten eines Arztes warten können.

Ein Kinderarzt fehlt

Grundsätzlich seien die Bereitschaftsdienste so zu gestalten, dass in einem Dienstbereich mindestens fünf Ärzte tätig sind, heißt es von der Kassenärztlichen Vereinigung. „In Fällen der Unterschreitung dieser Teilnehmerzahl wäre die vertragsärztliche Versorung zu den sprechstundenfreien Zeiten zumindest deswegen gefährdet, weil bei den Ärzten eine Überlastung durch zu häufige Inanspruchnahme und damit eine Gefährdung der Versicherten droht“, teilt die KVSA mit.

In Haldensleben gebe es momentan insgesamt vier Kinderärzte – also einen zu wenig für die Wiedereinrichtung eines kinderärztlichen Notdienstes. Katharina Zacharias wollte diesen Zustand nicht hinnehmen.„Mein Mann und ich haben nur ein Auto und er ist manchmal längere Zeit für die Arbeit unterwegs. Wenn wirklich etwas mit einem unserer Kinder ist, muss ich mich erst in den Bus oder den Zug setzen, denn die nächsten kinderärztlichen Notdienste stehen in Magdeburg oder Gardelegen zur Verfügung. Aber wer möchte sich mit einem Kind, das Magen-Darm-Grippe oder sehr hohes Fieber hat, ewig in die öffentlichen Verkehrsmittel setzen?“, verdeutlicht die junge Frau das Problem, das ihrer Erfahrung nach viele junge Eltern haben.

Katharina Zacharias unterhielt sich deshalb zunächst mit den Kinderärztinnen in Haldensleben. Zu einer Lösung des Problems führten die Gespräche aber nicht, denn an der Situation, dass die wenigen Ärztinnen mit einem Notdienst schnell überfordert wären, änderten sie nichts. Deshalb setzte sich die junge Mutter mit der KVSA in Verbindung. Ihre Idee: Wenn die Kinderärzte in Haldensleben nicht ausreichen, um einen kinderärztlichen Notdienst einzuführen, dann könnten sich die Kinderärzte im gesamten Landkreis Börde zusammentun, um einen Bereitschaftsdienst abwechselnd in den einzelnen Städten zu etablieren.

Schon 3000 Unterschriften gesammelt

Die Kassenärztliche Vereinigung sieht dafür aber keine Notwendigkeit. „Zum einen ist der allgemeine kassenärztliche Bereitschaftsdienst in der Lage, Kinder und Jugendliche zu versorgen (...). Zum anderen steht in Magdeburg täglich eine Bereitschaftsdienstpraxis zur Verfügung, in der auch Patienten aus dem Bördekreis fachgerecht behandelt werden“, heißt es aus der Pressestelle. Und weiter: „Um genügend Kinderärzte für einen entsprechenden Bereitschaftsdienst einsetzen zu können, müsste das Dienstgebiet so groß zugeschnitten werden, dass das Aufsuchen der Magdeburger Bereitschaftsdienstpraxis hiergegen die sinnvollere Variante darstellt.“

Für Katharina Zacharias ist diese Stellungnahme nicht zufriedenstellend. „Ich habe selbst mit Ärzten gesprochen, die den allgemeinen Bereitschaftsdienst abdecken. Unter ihnen sind Allgemeinmediziner aber auch Fachärzte wie zum Beispiel Gynäkologen. Einige überfordert es, wenn sie plötzlich ein krankes Kind behandeln sollen“, sagt die junge Frau. Katharina Zacharias erklärte der KVSA, dass es mit Sicherheit genug Eltern im Landkreis Börde gebe, die einen Kindernotdienst für erforderlich halten. Sie wurde darauf hingewiesen, dass sie das mit einer Petition beweisen könne.

„Ich habe nicht lange gefackelt, denn ich halte es für absolut inakzeptabel, dass es in einem Gebiet mit einer Ausdehnung vergleichbar mit der des Saarlandes keinen solchen Bereitschaftsdienst gibt“, erzählt Katharina Zacharias. Weil sie Mitglied der SPD ist, überzeugte sie auch die Jusos und den SPD-Kreisverband Börde von ihrem Vorhaben. Gemeinsam starteten die Beteiligten Ende April eine Petition, die mittlerweile schon fast 3000 Unterschriften gesammelt hat.

Die schnellste Reaktion auf ihre Petition erhielt Katharina Zacharias in den sozialen Netzwerken. So wurde die entsprechende Internetseite schon hundertfach geteilt, Eltern schrieben, wie gut sie das Vorhaben finden. Ziel ist es, insgesamt 20.000 Unterschriften für die Wiedereinführung eines kinderärztlichen Notdienstes in der Börde zu sammeln. Mittlerweile sind auch viele Politiker im Boot und eine Oschersleber Kinderärztin, die sich bereiterklärt hat, für Gespräche und fachliche Fragen zur Verfügung zu stehen.

„Ich glaube, wir werden die 20.000 Unterschriften erreichen“, ist Katharina Zacharias zuversichtlich. Über zehn Prozent der Einwohner des Landkreises hätten dann ihre Unterstützung signalisiert. Die Petition – egal wieviele Unterschriften sie am Ende haben wird – könne laut Katharina Zacharias die Kassenärztliche Vereinigung nicht zwingen, einen kinderärztlichen Notdienst einzurichten. „Aber wir können damit sozialen Druck aufbauen“, sagt die Haldensleberin. „Ich bin überwältigt von der bisherigen Teilnahme. Schon jetzt sieht man, dass das Thema den Bürgern in der Börde ganz und gar nicht egal und der Bedarf auf jeden Fall da ist.“

Unterschriftenlisten liegen in vielen Geschäften, Kinder- und Jugendeinrichtungen aus. Die Petition ist über hier abrufbar.