Haldensleben l Das Haus mit der Nummer 46 hat in den letzten Jahren viel erlebt. Eigentlich sollte es abgerissen werden. Das Grundstück sollte im Rahmen des Programms „Mut zur Lücke“ für einen symbolischen Euro verkauft und neu bebaut werden. Doch dann gab es eine Überraschung: „Bei einer bauhistorischen Untersuchung wurde festgestellt, dass das Gebäude Denkmaleigenschaften aufweist und geschützt werden muss“, erklärt der städtische Bauamtsleiter Holger Waldmann.

Tatsächlich blickt das Gebäude auf eine lange Geschichte zurück. Bert Ulrich vom Bauamt erklärt, dass es eine dendrochronologische Untersuchung einiger Balken gegeben habe. Dabei werden die Jahresringe von Hölzern in den Blick genommen. In guten Wachstumsjahren sind sie breiter, in schlechten schmaler. Die Abfolge der Ringe versuchen Experten mit einer bestimmten Zeit in Einklang zu bringen. Das Ergebnis ist verblüffend exakt. Laut Bert Ulrich ist der Bau der alten Mühle „relativ sicher“ auf den Sommer 1710 zu datieren. Es handelte sich übrigens um eine Wassermühle. Das Rad senkte sich in den Schmiedegraben.

Haus wuchs über die Jahrhunderte

Im Laufe der Zeit hat sich das Haus immer wieder verändert. „Es wurde vielfach umgebaut. Die Tragkonstruktion wurde ebenfalls verändert, teilweise auch nicht sachgerecht“, berichtet Architekt Matthias Rau. Darüber hinaus umfasst das Haus auch Teile der alten Haldensleber Stadtbefestigung und des ehemaligen Magdeburger Tores. Seit Ende der 1990er Jahre steht das Gebäude leer. Wie Holger Waldmann erklärt, habe es zuletzt als Lager einer Firma gedient.

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In gewisser Weise gleicht die Mühle einem über Jahrhunderte gewachsenen, dreidimensionalen Puzzle. „Es ist ein Riesenunterschied, an so einem Gebäude zu arbeiten statt an einem modernen Haus. Dazu gehört viel Arbeit. Und es braucht die richtigen Fachbetriebe, die ihr Handwerk in besonderer Weise beherrschen“, betont Matthias Rau.

2017 wurde die Mühle entrümpelt. Es gab eine Reihe von Voruntersuchungen. Im Juli 2018 begannen die Sicherungsarbeiten unter der Federführung der Stadt. Dazu gehörte zunächst die Entkernung. „Die eigentliche Konstruktion ließ sich erst erkennen, als alle Decken und Fußböden weg waren“, führt Matthias Rau aus.

Ständige Absprache mit Statikern

„Immer, wenn man etwas freilegte, brauchte es eine enge Abstimmung zwischen Handwerkern und Statikern. Das ist sehr viel aufwändiger als bei einem herkömmlichen Gebäude“, verdeutlicht Holger Waldmann. Wie Matthias Rau ausführt, mussten die Pläne alle zwei Wochen aktualisiert und an die vorgefundene Situation angepasst werden. Auch sonst gab es viel zu tun: Viele Balken waren schadhaft und wiesen in ihrem Inneren nur noch einen relativ kleinen, gesunden Kern auf. Deshalb gibt es im Inneren mittlerweile ein Nebeneinander von historischen und neuen Balken.

Wie Matthias Rau betont, ist das Ziel der Arbeiten aber, die Konstruktion des Hauses denkmalgerecht zu sanieren und dabei möglichst viel alte Substanz zu erhalten. Wie Bert Ulrich sagt, habe die Denkmalschutzbehörde bei einigen besonders alten Balken die Auflage erteilt, dass diese unbedingt zu erhalten seien, weil sie zur ursprünglichen Gestalt des Hauses gehören. Das historische Fachwerk musste an einigen Stellen aber ertüchtigt und verstärkt werden.

Wie Matthias Rau erklärt, haben die Arbeiten im Erdgeschoss begonnen. Mittels einer Injektion wurde in den Wänden eine sogenannte Horizontalsperre gegen aufsteigende Feuchtigkeit hergestellt. Die alte und defekte Holzkonstruktion des Fußbodens wurde entfernt und durch einen Massivboden ersetzt. Der alte Kriechkeller, in dem sich einst die Aufhängung des Wasserrades und die Transmission befanden, wurde verfüllt. Der Gewölbekeller des Hauses blieb erhalten. Anschließend wanderten die Arbeiten Stück für Stück höher. „Wir befinden uns derzeit im letzten Drittel der Rohbau-Arbeiten“, führt Matthias Rau aus. Es gehe nun um den Ausbau des Dachstuhls, die Dachdeckung, die Fenster und die Fassade. Wie Bert Ulrich ausführt, habe sich beispielsweise der Ostgiebel im Laufe der Zeit leicht nach außen geneigt. Er sei bereits gesichert und so weit wie möglich zurück in die ursprüngliche Position gebracht worden.

Weitere Aufträge werden nötig

„Der Aufwand war teilweise größer als vorher erkennbar“, führt Holger Waldmann mit Blick auf die Gebäudesicherung aus. Unter anderem hätten die Arbeiter mehr tragende Hölzer als gedacht austauschen müssen. Das macht sich auch im Zeitplan bemerkbar. Eigentlich sollte die Sicherung des Gebäudes im Dezember 2018 abgeschlossen sein. „Wir werden jetzt noch zwei bis drei Monate zu tun haben“, schätzt Matthias Rau ein.

Finanziert werden sollte die Sicherung durch eine hundertprozentige Förderung aus dem Programm „Stadtumbau Ost“ in Höhe von 500.000 Euro. Im Zuge der Stadtsanierung werde man nun voraussichtlich weitere Aufträge vergeben müssen, so Holger Waldmann. Auf der anderen Seite könne das Gebäude so zu einem Schmuckstück der Innenstadt werden.

„Es ist nicht ganz selbstverständlich, dass eine Gesellschaft einen so großen Aufwand betreibt, um ein Stück des alten Stadtgesichtes zu erhalten“, führt Matthias Rau aus. „Ohne eine so höhe Förderquote wäre es auch nicht machbar“, verdeutlicht Holger Waldmann.

Wobau übernimmt den Innenausbau

Bis das Haus wieder bewohnbar wird, braucht es noch einen weiteren Schritt: Nach Abschluss der Sicherung will die Stadt die alte Mühle an die Wohnungsbaugesellschaft (Wobau) Haldensleben übertragen. Diese führt dann die eigentliche Sanierung durch. Laut Holger Waldmann arbeitet das Unternehmen noch an der genauen Planung.

Am Ende sollen in der alten Mühle drei Wohnungen mit einer Größe von etwa 100 Quadratmetern entstehen. Geplant ist, dass sie nebeneinander liegen und sich über alle drei Etagen erstrecken. Das hänge laut Matthias Rau unter anderem mit den Möglichkeiten der Schalldämmung in einem denkmalgeschützten Fachwerkgebäude zusammen. Wo immer möglich solle die Fachwerkkonstruktion sichtbar bleiben, um den Charme des Hauses wirken zu lassen.