Haldensleben l „Für Frau Scheffler. Wir vermissen dich“, heißt es auf einer Seite. Zu sehen ist ein Bild, das Kinder der Haldensleber Kästner-Grundschule für ihre Schulsozialarbeiterin gemalt haben. Jana Scheffler hat ihren Beruf nicht aufgegeben. Sie ist an die Grundschule Wanzleben gewechselt. Doch bald könnte es viele solcher Bilder geben. Denn die Stellen aller 40 Schulsozialarbeiter im Landkreis Börde sind bedroht.

In 31 Fällen hängt das an der Förderung durch den Europäischen Sozialfonds (ESF). Zehn Jahre lang hat sie die Schulsoziarbeit ermöglicht, doch zum 31. Juli 2020 endet sie. Was dann kommt, ist unklar. Für neun weitere Schulsozialarbeiter war die Lage noch prekärer. Ihre Stellen wurden durch das Programm „Bildung und Teilhabe“ gefördert - und sollten zum 31. Juli 2019 wegfallen. Vergangene Woche hat der Kreistag eine Übergangsfinanzierung beschlossen. Die läuft aber auch nur bis zum Sommer 2020.

„Wir haben zehn Jahre lang erfolgreich gearbeitet und eine wunderbare Bildungssituation für die Kinder geschaffen“, erklärt Enrico Viohl. Er arbeitet in der Netzwerkstelle „Schulerfolg sichern“ der Awo. Sie unterstützt die Schulsozialarbeiter und wird ebenfalls durch ESF-Mittel gefördert. Damit droht auch ihr das Aus. Die neue Broschüre wurde von der Awo herausgegeben. Im Inneren werden zehn Aspekte genannt, die mit Schulsozialarbeit zusammenhängen. „Sie sollen dazu einladen, sich näher mit dem Thema zu beschäftigen“, verdeutlicht Schulsozialarbeiterin Samira Riegraf.

Früh in Bildung investieren

Einer der Punkte lautet: Je früher in Bildung investiert wird, desto größer ist der Erfolg. Wie Enrico Viohl ausführt, bestand das Ziel von Schulsozialarbeit anfangs vor allem darin, die Zahl der Schulabbrüche zu verringern. Das hat sich verändert. Heute wolle man Kinder möglichst früh erreichen. Dadurch könne Problemen vorgebeugt werden. Das sei besser, als sie später zu bekämpfen.

Schulsozialarbeit sei eine Schnittstelle. Sie verknüpfe schulische Bildungsangebote mit außerschulischen Aktivitäten. Es gebe viele Projekte wie Sportturniere oder Musikworkshops. Dadurch werde nicht zuletzt das soziale Miteinander gefördert. Kinder, die im Unterricht nicht die Besten seien, könnten andere Talente entdecken und entwickeln. Auch das sei wichtig: „Wenn jemand emotional gefährdet ist oder eingeschränkte soziale Fähigkeiten hat, kann er nicht gut lernen“, so Viohl.

Um den fachlichen Austausch zu ermöglichen, haben sich sogenannte Regionalgruppen gebildet. In ihnen geben die Schulsozialarbeiter Ideen und Erfahrungen weiter. Als Verbindung zwischen den Regionalgruppen fungiert die Netzwerkstelle. So können Projekte realisiert werden, die für einzelne Schulsozialarbeiter zu groß sind. Externe Partner sind ebenfalls Teil des Netzwerks. Kinder und Jugendliche, an deren Schulen es keine Sozialarbeit gibt, können bei Projekten trotzdem mitmachen.

Fachkräfte halten

Diese Strukturen hängen laut Enrico Viohl jetzt am „seidenen Faden“. Hinzu kommt: Sollte die Schulsozialarbeit nach einer Unterbrechung wieder ins Leben gerufen werden, stehen die alten Fachkräfte nicht mehr zur Verfügung. Diese Erfahrung habe die Zeit von 2003 bis 2008 gebracht. Da gab es in Sachsen-Anhalt keine Schulsozialarbeit. Notgedrungen hätten sich die Betroffenen andere Berufe gesucht. Dabei sei gerade Nachhaltigkeit von Bedeutung. „Es dauert, bis man jemanden als Bezugs- und Vertrauensperson annimmt“, so Enrico Viohl.

Um sich für den Erhalt von Schulsozialarbeit stark zu machen, gibt es unter anderem eine landesweite Unterschriftensammlung. Laut Enrico Viohl sind bislang rund 118 000 Unterschriften zusammengekommen, davon mehr als 22 000 aus dem Landkreis Börde. In der neue Broschüre kommen darüber hinaus Betroffene zu Wort. „Wenn unsere Schulsozialarbeiterin nicht wäre, würde ich die Schule zumachen“, wird die Leiterin der Grundschule Beendorf zitiert. „Ohne die Schulsozialarbeiterin wäre das Potential unserer Tochter nicht erkannt und gefördert worden“, schreibt eine Mutter. Landrat Martin Stichnoth weist im Vorwort auf die Bedeutung der geleisteten Arbeit hin. Um diese zu unterstreichen, wird es laut Enrico Viohl am 26. September einen öffentlichen „Fachtag“ auf dem Domplatz in Magdeburg geben. An diesem Tag will der Landtag entscheiden, wie es mit der Schulsozialarbeit in Sachsen-Anhalt weitergeht, ob das Land die Finanzierung komplett übernimmt.

In vielen anderen Bundesländern ist das Viohl zufolge bereits der Fall. Aus Sicht der Schulsozialarbeiter hätte es sogar Vorteile, die über eine weitere ESF-Förderung hinausgingen. „Unsere Arbeitsverträge wären nicht mehr auf Förderzeiträume begrenzt. Schulsozialarbeit wäre mehr als ein Projekt“, führt Nicole Güldenpfennig an. Sie ist Sozialarbeiterin an der Gemeinschaftsschule Wanzleben.

Von der neuen Broschüre gibt es 500 Exemplare. Sie sind unter anderem an Schulen zu finden, aber auch unter www.awoboerde.de unter „Projekte“ und „Netzwerkstelle für Schulsozialarbeit“.