Calvörde l „Noch hat die Refresco-Geschäftsführung nicht auf den ersten Warnstreik – vor einer Woche - reagiert. Darum legen wir jetzt eine Schippe nach“, sagte gestern Holger Willem, Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) Magdeburg. In einem zweiten Warnstreik legten gestern zum Schichtwechsel etwa 100 der 230 Beschäftigten des Getränkeherstellers in Calvörde für zwei Stunden die Arbeit nieder.

Hintergrund ist die Tarifrunde in der Obst- und Gemüse verarbeitenden Industrie und Mineralbrunnenindustrie Niedersachsen/Bremen, in dessen Tarifgemeinschaft der Calvörder Betrieb Mitglied ist.

Mehr Einfluss gewünscht

„Wir hätten uns gewünscht, dass die Geschäftsführung nach dem ersten Streik auf den Verband Ernährungsindustrie Einfluss nimmt und der Verband dann Signale sendet, dass es ein verhandlungsfähiges Angebot gibt“, erklärte Willem.

Die Gewerkschaftler fordern für die Beschäftigten sechs Prozent Lohnerhöhung. „2020 soll es keine Erhöhung geben. Die erste Erhöhung – ohne eine Prozentzahl zu nennen – wurde uns ab 2021 für zwei Jahre angeboten. Damit geben wir uns nicht zufrieden“, betonte der NGG-Geschäftsführer.

Auf einem der Plakate der Streikenden auf dem Parkplatz vor dem Werktor stand: „Wir wollen endlich eine angemessene Entgelterhöhung als Zeichen der Wertschätzung in unsere Arbeit.“

Streikende sind entschlossen

Willem sagte: „Diese Losung bringt die Entschlossenheit der Streikenden auf den Punkt. Wir gehören zum Tarifgebiet Niedersachsen/Bremen. Es ist das letzte Gebiet, indem noch kein Tarifvertrag zustande gekommen ist.“

Der Ernährungswirtschaft gehe es – nach Willems Ausführungen – wirtschaftlich gut. „Die Beschäftigten haben in dem systemrelevanten Produktionsbetrieb in der Zeit der Pandemie ihren Anteil dazu geleistet, dass die Versorgung der Bevölkerung mit Erfrischungsgetränken aufrecht erhalten werden konnte“, erklärte er.

Keine Reaktion

Thomas Michaelis, Vorsitzender des Betriebsrates am Refresco-Standort Calvörde und Mitglied der NGG-Tarifkommission, sagte, dass er nach dem ersten Warnstreik keine Reaktion von der Geschäftsführung erwartet habe. „Die dritte Schicht, die letzte Woche nicht gestreikt hat, hat uns bedrängt, dass sie auch streiken wolle. So hoch ist die Streikbereitschaft“, erklärte Michaelis. Seiner Ansicht nach müsse noch mehr Druck auf die Geschäftsführung ausgeübt werden.

Auch beim zweiten Streik dabei war Staplerfahrer Michael Rieke aus Zobbenitz. „Ich finde es unfair, dass es für unsere Kollegen in Nordrhein-Westfalen eine Lohnerhöhung gab und für uns nicht. Bei uns hier in Calvörde soll wieder gespart werden, obwohl wir schon im Lohnniveau hinterher hängen“, sagte Rieke, der 1999 seine Lehre zur Fachkraft für Lagerlogistik absolvierte und seitdem im Unternehmen tätig ist und nun als stellvertretender Schichtführer arbeitet. Der junge Mann beschrieb: „Die Arbeit macht mir Spaß, aber sie hat eben einen bitteren Beigeschmack.“

Sein Kollege Normen Görke ergänzte: „Wir haben mehr verdient. Wir wollen mit dem Streik den Druck auf den Arbeitgeber erhöhen.“ Görke erzählte, dass er seit September 2017 im Betrieb beschäftigt ist und noch nicht lange in der Gewerkschaft sei.

Neuer Termin vereinbart

Warum wieder gestreikt wird, kann sich Michael Andritzky nicht erklären. Er ist der Verhandlungsführer des Verbandes der Ernährungswirtschaft, der die Interessen des Refresco-Unternehmens vertritt. „Wir haben bereits im Mai in diesem Verhandlungsgebiet einen Verhandlungstermin für Ende August vereinbart. Was der Streik nun soll, entzieht sich meiner Kenntnis“, sagte Andritzky gestern. Er beklagte, dass Gewerkschaftspolitik auf Kosten des Unternehmens betrieben werde.

„Es wird nur dieses Unternehmen bestreikt. Es ist ja eigentlich eine Tarifgemeinschaft, die in Niedersachsen beheimatet ist. Refresco Calvörde haben wir dort angeschlossen, um gleiche Bedingungen zu schaffen“, erklärte Andritzky. Er betonte, dass der Termin für den 26. August einvernehmlich vereinbart wurde. Dass die Terminvereinbarung in diesem Jahr langwierig und schwierig sei, liege nicht am Verband der Ernährungswirtschaft, sondern daran, dass durch die Corona-Pandemie Monate lang nicht verhandelt werden konnte.

„Es ist völlig unverständlich, was der erneute Streik soll. Hier wird ein Unternehmen sinnlos beschädigt – und das jetzt mitten in der Hochsaison. Das wird nicht dazu führen, dass sich bei uns irgendetwas an der Einstellung ändert“, sagte Andritzky.

Die Forderung der Gewerkschaft von einer Lohnerhöhung von sechs Prozent beschrieb er als „völlig unrealistisch“. Andritzky sagte: „Wir haben eine Preissteigerungsrate von unter einem Prozent. Wir haben keine Produktivitätsfortschritte. Im Gegenteil – wir haben bedingt durch die Corona-Einschränkungen massive Rückgänge.“

Auch Till Alvermann, Geschäftsführer der Refresco Deutschland GmbH, wunderte sich, dass es einen zweiten Warnstreik gab. „Ich kenne das nicht, dass man vor einem feststehenden nächsten Tarifverhandlungstermin noch ein zweites Mal streikt“, sagte Alvermann. Er verwies auf die Tarifkommission, die zuvor zwei Mal telefonisch verhandelt habe. Von der Gewerkschaft habe es keine aktuelle Anfrage auf eine Reaktion gegeben. „Es steht der Gewerkschaft frei und es ist ihr gutes Recht, einen Warnstreik durchzuführen. Es ist ein klares Signal. Wir nehmen den Streik ernst. Es ist wie es ist und die Welt geht davon nicht unter“, sagte der Refresco-Geschäftsführer.

Willem kündigte an, dass bis zum Verhandlungstermin in zwei Wochen die anderen Betriebe der Tarifgemeinschaft in Niedersachsen auch Aktionen planen, um ihren Unmut kundzutun.