Haldensleben l „Wir erfahren hier keine Wertschätzung unserer Arbeit, es ist, als hätte man kein Interesse an uns“, sagt eine Krankenschwester der „Inneren 1“, einer Station des Haldensleber Ameos-Klinikums. Ihre Stationskolleginnen stimmen zu – gemeinsam nehmen die Damen am Donnerstag, 5. Dezember, an einem Warnstreik von Verdi teil. „Wir können gar nicht so schlecht arbeiten, wie wir bezahlt werden“, ist auf einem ihrer Protestschilder zu lesen. Sie unterstreichen, dass sie teilweise bis zu 1000 Euro weniger verdienen, als Pflegekräfte in anderen Krankenhäusern der Ameos-Gruppe. „Und warum?“, fragt eine der Frauen. „Arbeiten wir etwa schlechter oder sind weniger wert?“

Im Gegensatz zu Häusern beispielsweise in Halberstadt unterliegen fünf der zehn Standorte von Ameos in Sachsen-Anhalt keiner Tarifbindung. Neben der Klinik in Haldensleben gehören dazu jene in Aschersleben, Staßfurt, Bernburg und Schönebeck. Die Gewerkschaft Verdi hatte die Ameos-Gruppe in diesem Jahr schon fünf Mal zu Verhandlungen um einen Tarifvertrag aufgefordert. Ameos zeigte sich dazu nicht bereit.

Fünf Krankenhäuser mit Streik belegt

In Haldensleben hatte Verdi die ganze Woche lang zu „Aktiven Mittagspausen“ aufgerufen, in denen laut Gewerkschaft jeweils rund 50 Mitarbeiter auf ihre Situation aufmerksam machten. Zu Warnstreiks kam es in dieser Woche auch an den anderen vier Standorten von Ameos, die keinem Tarifvertrag unterliegen. In Haldensleben nahmen rund 80 der insgesamt 600 Krankenhausmitarbeiter an dem Streik teil, darunter laut Manuela Hase neben Pflegepersonal auch Ärzte, technische Mitarbeiter und andere Beschäftigte.

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Insgesamt fordert Verdi die einheitliche Bezahlung der Haldensleber Krankenhaus-Mitarbeiter nach Tarif. Die Erfüllung dieser Forderung würde laut Regionalgeschäftsführer Ameos Ost, Dr. Lars Timm, „den schnellen Abbau von 800 Arbeitsplätzen“ zur Konsequenz haben. „Daher werden wir zum Erhalt der Arbeitsplätze keine Tarifverhandlungen führen“, erklärt Lars Timm. Stattdessen habe Ameos an verschiedenen Standorten Mitarbeitergespräche mit alternativen Angeboten geführt. „Wir bieten zehn Prozent (mehr Lohn, Anm. d. Redaktion) und einen Schutz vor betriebsbedingten Kündigungen bis Ende 2024 an“, sagt Lars Timm.

Mitarbeiter wollen Angebot nicht annehmen

Verdi bezeichnet dieses Angebots-Paket als „Päckchenpackerei“, die ein Trugschluss sei. Und auch die Haldensleber Krankenschwestern sagen, sie sollen so mit „einem Appel und einem Ei abgespeist werden“. „Es herrscht Pflegenotstand und jeder sucht gutes Personal“, echauffiert sich eine Mitarbeiterin. „Wir sind entschlossen und lassen das nicht mit uns machen“, sagt sie. So hätten viele der Haldensleber Mitarbeiter nicht auf das Angebot von Ameos reagiert.

Lars Timm schweigt über die Quote der unterschriebenen Verträge. „Bei einer Zeichnungsquote von weniger als 85 Prozent können wir Klinikabteilungen in der bisherigen Form nicht mehr vorhalten“, blickt der Geschäftsführer voraus. Die Ameos-Mitarbeiter sehen das als Drohung an.

Verdi will Urabstimmung durchführen

„Es gibt keine Sanktionen oder Drohungen bei uns“, erwidert Lars Timm. Bei seinen Aussagen handele es sich „schlichtweg um harte Fakten in der Krankenhausfinanzierung, die wir unseren Mitarbeitenden erklären wollen. Sollte es zu massiven Strukturveränderungen bei uns kommen, kann mir keiner nachsagen, dass ich die Szenarien nicht rechtzeitig erklärt habe“, so Timm.

Verdi kündigt unterdessen an, Anfang 2020 eine Urabstimmung unter den Ameos-Mitarbeitern durchzuführen. Dadurch könne es laut Manuela Hase mitunter auch zu einem generellen Streik kommen, der sich solange, wie es Gewerkschaft und Mitarbeiter für nötig erachten, hinziehe.

Keine Auswirkung auf Versorgung

Ameos betonte, dass der Warnstreik keinerlei Auswirkungen auf die Krankenhausversorgung hatte und eine Notversorgung jederzeit sichergestellt war.