Calvörde l Zum Schichtwechsel versammelten sich gestern etwa 130 der 230 Beschäftigten des Getränkeproduzenten Refresco vor dem Haupteingang des Unternehmens in Calvörde zum Warnstreik. Auf den Transparenten war „Ohne Moos nix los“, „Systemrelevant aber nichts wert“, „Wir haben mehr verdient“ und „Gute Leute, gute Arbeit, gutes Geld“ zu lesen.

Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) hatte zu dem zweistündigen Warnstreik aufgerufen. Hintergrund ist die Tarifrunde in der Obst- und Gemüse verarbeitenden Industrie und Mineralbrunnenindustrie Niedersachen/Bremen, in dessen Tarifgemeinschaft der Calvörder Betrieb Mitglied ist.

Mehr Lohn gefordert

Holger Willem, Geschäftsführer der Gewerkschaft NGG Magdeburg, erklärte: „Wir fordern sechs Prozent Lohnerhöhung. Wir gehören zum Tarifgebiet Niedersachsen/Bremen. Es ist das letzte Gebiet, indem noch kein Tarifvertrag zustande gekommen ist. Die anderen westlichen Gebiete haben bereits Ergebnisse und sind bereit, etwas zu regeln.“

Seit Januar 2020 gebe es – nach den Beschreibungen von Willem – eine offene Tarifsituation. „Mit Corona begründet der Arbeitgeberverband, wie schlecht es den Unternehmen geht. Aber warum geht es den Betrieben in den anderen Bundesländern besser, die hatten doch auch Corona“, fragte der Gewerkschaftler. In der Corona-Zeit habe es in Calvörde keine Kurzarbeit gegeben. „Im Gegenteil – es wurden Überstunden gemacht“, sagte Willem und lehnte das Angebot der Arbeitgeber als „unannehmbar“ ab.

Nach seinen Ausführungen würden Kollegen in vergleichbaren Branchen in Nordrhein-Westfalen etwa 300 Euro mehr im Monat verdienen. „Außerdem soll es eine Regelung geben, dass es, wenn es den Betrieben schlecht geht – das Weihnachtsgeld – also die Jahressonderzahlung – auf 80 Prozent reduziert werden kann. Das wollen wir nicht. Wir brauchen ein vernünftiges Angebot“, sagte Willem.

Der Geschäftsführer der Gewerkschaft sprach die Arbeiter an: „Systemrelevant ist mehr wert. Ihr habt unter den widrigsten Covid-19-Bedingungen den Betrieb am Laufen gehalten, damit die Regale gefüllt sind.“

Hohe Lebenshaltungskosten

Zu den Streikenden gehörte auch Tino Fromm. „Ich bin extra früher zur Schicht gekommen, um beim Protest dabei zu sein. Wir wollen mehr Geld, denn unsere Abgaben – wie Strom und Wasser – sind genau so hoch, wie die in Nordrhein-Westfalen“, sagte der Calvörder, der seit 21 Jahren im Unternehmen arbeitet. Seit 28 Jahren ist Bernd Schulze im Labor des Betriebes tätig. „Den Job mache ich sehr gern und möchte ihn auch noch eine Weile behalten, aber er muss vernünftig bezahlt werden. Wir haben alle eine Familie zu ernähren und wollen auch mal in den Urlaub fahren“, sagte der Oebisfelder.

Auch seine Kollegin Mona Krull sagte, dass ihr die Arbeit Spaß macht. „Gerade auf das Weihnachtsgeld zum Jahresende freut man sich, denn dann hat man zum Jahresende ein bisschen mehr Geld in der Tasche“, sagte die Rätzlingerin.

Thomas Michaelis, Vorsitzender des Betriebsrates am Refresco-Standort Calvörde und Mitglied der NGG-Tarifkommission, erklärte: „Von uns wird immer mehr Leistung, mehr Belastbarkeit, mehr Flexibilität abverlangt. Das jedoch spiegelt sich nicht im Portemonnaie wieder. Unsere Kolleginnen und Kollegen haben in der Krise die Versorgung der Bevölkerung durch extremen Einsatz sichergestellt. Sie waren und sind flexibel. Wir wollen einen Tarifabschluss, der dem gerecht wird.“

Verhandlungen gehen weiter

„Am 26. August werden die Tarifverhandlungen fortgesetzt“, sagte Till Alvermann, Geschäftsführer der Refresco Deutschland GmbH. Nach seinen Ausführungen hätten die Tarifverhandlungen nie aufgehört. Er zeigte sich verwundert über den Warnstreik. „Wir befinden uns ganz normal in Tarifverhandlungen. Da gibt es unterschiedliche Auffassungen. Wir sind stark durch Corona als Branche getroffen. Das sollte man nicht ver- nachlässigen“, sagte Alvermann.

Der Geschäftsführer hob die wirtschaftlichen Zwänge hervor. Demnach sei im Juni die Branche auf dem Gesamtmarkt der alkoholfreien Getränke extrem eingebrochen.

„Bisher haben wir die Kurzarbeit mit allen Möglichkeiten, die uns zur Verfügung standen, vermieden. Wir sehen natürlich dabei auch unsere Mitarbeiter und haben mit dem Abbau von Überstunden agiert“, beschrieb Alvermann.

Unterschiedliche Abschlüsse

Auf die Kritik, dass die Beschäftigten in Nordrhein-Westfalen mehr Geld bekommen, erklärte der Geschäftsführer: „Es gibt unterschiedliche Tarifabschlüsse. Sachsen-Anhalt ist genau wie Niedersachsen in einem Gebiet. In Mecklenburg-Vorpommern gibt es zum Vergleich etwa 300 Euro weniger als in unserem Tarifgebiet. Der Standort Calvörde ist auf Westniveau. Wir zahlen dort ordentliche Gehälter und sind in der Region ein sehr gut zahlender Arbeitgeber“, betonte der Geschäftsführer.

Die Forderung der Gewerkschaft von einer Lohnerhöhung von sechs Prozent beschrieb Michael Andritzky als „völlig unrealistisch“. Andritzky ist Verhandlungsführer des Verbandes der Ernährungswirtschaft, der die Interessen der Ernährungsindustrie vertritt.

„Wir haben eine Preissteigerungsrate von unter einem Prozent. Wir haben keine Produktivitätsfortschritte. Im Gegenteil – wir haben bedingt durch die Corona-Einschränkungen massive Rückgänge“, erklärte Andritzky. Einige Getränkeunternehmen hätten eine kurze Zwischensaison gehabt, in der die Leute die Getränke im Keller gebunkert haben.

Auf freiwilliger Basis

In puncto Weihnachtsgeld erklärte der Verhandlungsführer des Ernährungsverbandes: „Wir haben nie eine Absenkung der Jahressonderzahlung gefordert. Es gibt seit vielen Jahren einen Tarifvertrag zur Zukunftssicherung, der es ermöglicht, die Sonderzahlung zu flexibilisieren. Das heißt, das kann weniger, aber auch mehr werden. Diese Regelung ist ausgelaufen, die wollen wir verlängern“, sagte er. Die Betriebsvereinbarung sei auf freiwilliger Basis und verlange die Zustimmung der Tarifvertragsparteien.

Die nächste Tarifverhandlung soll am 26. August stattfinden. „Der erste Warnstreik ist der Auftakt von vielfältigen Aktionen in den Betrieben der Tarifgemeinschaft und soll ein deutliches Zeichen setzen, um Bewegung in die Verhandlungen zu bringen“, sagte Willem.