Calvörde l Stricken, sticken, häkeln, knüpfen, nähen: Alle zwei Wochen montags kommen zwölf Frauen aus Calvörde und Umgebung im Haus der Begegnung zusammen, um sich gemeinsam verschiedenen Handarbeiten und Basteleien zu widmen. So können sie sich gegenseitig Tricks und Kniffe abschauen und dabei noch die Geselligkeit genießen.

Der Textilzirkel hat seine Ursprünge bereits in den 1980er Jahren. Inge Dietz, Edeltraud Veit und Sabine Veit gehören zu den Frauen, die vor 40 Jahren die Nadeln zum „Glühen“ brachten. „Es ist die Gemeinschaft und das gemeinsame Interesse an den verschiedenen Handarbeitstechniken. Das hält zusammen“, weiß Sabine Veit, die den Zirkel der 51 bis 82-Jährigen leitet.

Christa Schönborn aus Flechtingen gehört schon zum festen Stamm. „Jeder von uns hat Ideen, die wir dann gemeinsam umsetzen. Und wenn mal jemand etwas nicht kann, helfen wir uns gegenseitig“, betont die Flechtingerin. Inge Dietz zählt zu den Frauen der ersten Stunde. „Man lernt von den anderen immer etwas Neues“, sagt sie und erzählt von den Nachmittagen, bei denen die Handarbeitsdamen auf Einladung der Hortkinder werkeln. In den Wichtelwerkstätten profitieren Kinder und Handarbeitsfrauen voneinander. Die Mädchen und Jungen lieben es, mit den Omas etwas aus Naturmaterialien zu zaubern und dabei den alten Geschichten zu lauschen. Die Damen genießen es, der Jugend Handarbeitstechniken nahe zu bringen. So manches junge Stricktalent wurde dabei schon entdeckt.

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Abgucken erlaubt

Beate Künnemann sitzt erst seit August 2019 mit am Tisch. „Sabine ist meine ehemalige Kollegin, wir waren als Lehrerinnen an einer Schule. Weil ich auch sehr gern Handarbeiten mache, hat sie mich mitgenommen“, erzählt die Neueinsteigerin, die in Flechtingen zuhause ist. Doris Kiel wohnt in Mannhausen und schwärmt: „Ich komme gern hier her, denn es ist immer eine lustige Runde.“

Auch Evelyn Wehrmeister aus Flechtingen gibt gern ihre Handarbeitstricks weiter. „Abgucken ist erlaubt – sogar erwünscht“, betonen die Damen lachend. Kaum Zeit zum Hochschauen hat Hildegard Merz beim Stricken. Sie ist die betagteste Dame im „Club der heißen Nadeln“. „Ich bin 2009 nach Calvörde gezogen. Vorher habe ich in Wanzleben gewohnt. Dort war ich in einem Strick-Klub“, erzählt Hilde Merz, die sichtlich froh ist, dass sie ihre Leidenschaft in Calvörde weiter fronen kann. Aus Dorst kommt Sigrid Kausch. Sie blättert in der Chronik des Zirkels und fasst zusammen: „In der Runde fühle ich mich sauwohl.“ Wilma Lindner und Liane Grothe kommen gemeinsam immer in einem Auto aus Zobbenitz in den Flecken gefahren. „Handarbeit ist für mich Erholung und Ausgleich zum alltäglichen Stress“, beschreibt Liane Grothe. „Manchmal meckert die Frau Chefin, dann wird alles wieder aufgeribbelt“, verraten die Zobbenitzerinnen. „Wir freuen uns immer schon auf den Montag“, ergänzt Wilma Lindner. Edeltraud Veit sagt von sich selbst, dass sie zu den Urgesteinen gehört: „Ich habe schon als Kind gern Handarbeiten gemacht. Damals hatte mich Frau Kunze mit zum Zirkel genommen. Seitdem bin ich dabei.“ Einig sind sich die Frauen, dass sie ihre gemeinsamen Nachmittage nicht mehr missen möchten. Froh sind sie, das sie im Haus der Begegnung ein Domizil für ihr Hobby gefunden haben. Ein Dankeschön geht deshalb an Detlef Schmahl, dem Hausherrn und Geschäftsführer der Seniorenhilfe.

Auszeichnung als Volkskunstkollektiv

„Zu DDR-Zeiten haben wir auch an den Arbeiterfestspielen im Bezirk Magdeburg teilgenommen und sogar eine Auszeichnung bekommen“, erinnert sich Sabine Veit und zeigt auf die Urkunde für das „Hervorragende Volkskunstkollektiv“.

Bei besonderen Jubiläen verschenken die Zirkeldamen meist riesige Wandbehänge. Diese Stoffapplikationen werden mit besonderen Techniken angefertigt. Passend zum Thema wurden Entwürfe erarbeitet und dann in Gemeinschaftsarbeit umgesetzt. So gibt es heute noch im Feuerwehrgerätehauses ein Kunstwerk, das die Brandschützer zum 140. Geburtstag ihrer Wehr geschenkt bekamen. Im Bürgerhaus der Gemeinde hängt ein Werk mit dem Titel „Roter Mohn“ und in der evangelisch-lutherischen Gemeinde ein Wandbild „300 Jahre Calvörder Kirche“. Zum Kirchengeburtstag hatten die Frauen nicht nur aus verschiedenen Materialien in blauem Farbton die Kirche nachgebildet, sondern auch noch für den einstigen Pfarrer Andreas Knauf Socken gestrickt.

Das Bedauern ist groß, denn der 4 mal 1,80 Meter große Wandbehang mit den „Früchten des Jahres“ für den Volkseigenen Betrieb OGEMA scheint verschwunden. „Das Wandbild hing damals im Speiseraum. Vielleicht weiß jemand, wo es abgeblieben ist?“, fragen die Frauen und zeigen den mit Bleistift gezeichneten Entwurf.

Über die Jahre hat sich eine stabile Gemeinschaft entwickelt. Zu runden Geburtstagen gibt es Sekt und besondere Köstlichkeiten. Das Plaudern ist den Frauen ebenso wichtig wie die Handarbeit. „Alles kann, nichts muss“, heißt es. Selbst wenn eine aus der Runde mal keine Lust zum Stricken hat, sei das nicht schlimm. Dann wird eben nur ein bisschen erzählt. „Das mache ich heute“, ruft fröhlich eine Dame aus der Runde.