Lockstedt/Seggerde l Als erster stand der Esel an der Krippe, der Wiege von Gottes Sohn. Der langohrige Geselle blieb sein Begleiter auf vielen Wegen, wie der Einzug Jesus in Jerusalem, am ersten Tag der Karwoche beweist. So ist es wohl kein Zufall, dass zwei der vier Esel, die Simone Wendt und Frank Bendewald gehören, Maria und Joseph heißen.

Ihre Passion sind Poitou-Esel. Das spürt der Beobachter sofort. Wenn Simone Wendt liebevoll ihre Vierbeiner vorstellt, leuchten ihre Augen. Drei Exemplare der seltenen Rasse gehören seit kurzem ihnen.

Entstanden ist diese Groß-eselrasse im Südwesten Frankreichs, der Region um die Stadt „Poitiers“, bekannt als „Poitou“. „Der Zeitpunkt ist heute nicht mehr sicher zu bestimmen. Es muss wohl etwa im 10. Jahrhundert gewesen sein. 1972 stand die Rasse vor dem Aussterben. Es gab noch 25 reinrassige und im Stutbuch eingetragene Tiere. Neben einer verstärkten Zucht mit diesen Tieren wurde versucht, andere Großeselstuten einzukreuzen, um frisches Blut in die Rasse zu bekommen sowie um Krankheiten und Unzucht zu vermeiden. Weltweit gibt es davon jetzt etwa 1000“, erzählt Simone Wendt. Reine Poitou-Esel soll es – ihrer Schätzung nach – nur noch 250 bis 400 Exemplare geben.

Auf den Esel kam das Paar, das seit einigen Monaten auf einem idyllisch im Wald gelegenen Grundstück bei Seggerde wohnt, durch ihre Pferde. „Unsere Idee war es, Esel als Wolfsschutz zu den Pferden zu stellen“, denkt Frank Bendewald zurück. Durch einen Fernsehbericht sei er auf die seltenen Poitou-Esel aufmerksam geworden. Das Wesen der Tiere, also ihr Mut, ihre Anhänglichkeit und Dankbarkeit haben ihn überzeugt.

„Esel sind im Gegensatz zu Pferden keine Fluchttiere“, weiß Frank Bendewald. Sie kommen ursprünglich aus gebirgigen Gegenden – Fluchtverhalten könnte in dieser Region für sie lebensbedrohlich sein. „Berührungen haben für Esel eine besonders große Bedeutung. Sie kuscheln indem sie den Kopf auf den Rücken des anderen legen, dieses Verhalten wird auch gegenüber dem Menschen gezeigt. Man kann das Verhalten gut durch Kraulen nachahmen. Viele Esel fordern regelrecht zum Kuscheln auf“, erklärt Simone Wendt und krault Maria die Stirn.

Im Internet gefunden

Zufällig ist das Paar im Internet auf die vier Esel, die zum Verkauf standen, gestoßen. „Die Herde soll zusammen bleiben. Es sind ja sehr sensible Tiere. Sie müssen erst mal ganz in Ruhe ankommen und sich wohl fühlen“, weiß die Eselherrin.

Esel bestehen im Umgang mit ihnen auf Beachtung. So laufen sie mit vertrauten Menschen auf der Weide mit und machen mit Anstupsen auf sich aufmerksam. Sie zeigen auch deutlich Missgunst oder wenn ihnen etwas nicht gefällt.

In der Ausbildung von Eseln haben Zeit, Geduld und Einfühlungsvermögen einen besonders hohen Stellenwert. Esel sind sehr intelligente Tiere. Einmal Erlerntes kann auch noch Jahre später abgefragt werden. „Beim Training mit Eseln sollte man neben Konsequenz auf Abwechslung achten. Zu viele Wiederholungen langweilen sie sehr schnell“, weiß Bendewald.

Zur Eselherde gehören noch Poitou-Esel-Dame Gretel und Steffi, eine spanische Groß-eselstute. Nachdem der Tierarzt sich die Esel angeschaut hat, ist nun die Hufpflege dran. „Wir kümmern uns um alle Huftiere. Es spielt keine Rolle, ob es Pferde, Ponys oder eben Esel sind“, sagt Hufschmied Olaf Kusian. „Ein Esel hat eine andere Hufform, aber sonst ist es nicht anders, als bei einem Pferd“, erklärt der Uthmöder, der gemeinsam mit seinem Angestellten Manuel Panicke die Hufe der Neuankömmlinge bearbeitet. „Störrisch sind Esel nicht. Es kommt darauf an, wie sie aufgewachsen sind. Es gibt artige, aber auch welche, die besonders vorsichtig sind und sich nicht drängen lassen“, weiß der Hufschmied und verpasst Joseph eine Schönheitsbehandlung.

Beim Umgang mit Eseln wählt der Mensch nicht das Tier aus, sondern es ist umgekehrt. Michelle Kuschel und Marcel Gliemann sind mit den Eselbesitzern befreundet. Tochter Lilli Kuschel hat einen ganzen Korb mit Mohrrüben dabei. Sofort bedienen sich die flauschigen Großesel. Joseph hat auf Anhieb das Herz des zehnjährigen Mädchens erobert. Klar wird, der Esel sucht sich seine zweibeinigen Freunde aus.

Viel mehr als störrisch

„Esel sind unglaublich gute Lehrer. Es steckt viel Fuchs in einem Esel!“, weiß sein Besitzer. Esel seien nicht störrisch, sie sind eher vorsichtig und haben ihren eigenen Kopf. Sie versuchen, Zeit zu schinden und auszuloten, wie weit die Geduld des Partners geht. Man müsse Vertrauen aufbauen und viel Zeit mitbringen. Auf Druck würde jeder Esel mit Gegendruck reagieren. Am Ende sei es der Esel, der entscheidet.

Unbeeindruckt seien die langohrigen Vierbeiner vom Status des Menschen, der sich auf ihn einlässt. Esel bringen die Menschen zur Ruhe und zur Entschleunigung. „Dies ist eine effektive Therapie für unsere rasend schnelle Zeit“, ist sich Simone Wendt sicher.

Frank Bendewald und Simone Wendt wollen die Art schützen und helfen, diese Eselrasse zu erhalten. Groß ist deshalb die Hoffnung, auf Fohlen. Gut können sich die Eselfreunde vorstellen, dass später Menschen mit Handicap Kontakt mit den Eseln aufnehmen und Vier- und Zweibeiner von einander profitieren.

Esel haben sich im Arbeitsfeld der tiergestützten Pädagogik und Therapie sehr bewährt. Durch ihr ruhiges und freundliches Wesen eignen sie sich insbesondere in der Arbeit mit Kindern, die besonderen Förderbedarf benötgen.

„Kinder und Jugendliche können sich bei einem einfühlungsvollen Umgang mit einem Esel in einer positiven Führungsrolle erleben. Aber auch wir Erwachsenen können noch viel mit und von den liebenswerten Langohren lernen“, weiß Bendewald.

Wer die Esel streicheln möchte, kann Kontakt mit den Besitzern unter Handy 0179/143 89 34 aufnehmen und einen Termin vereinbaren.

Auf keinen Fall sollten Spaziergänger das Gehege betreten. Füttern ist streng verboten. Eine falsche Fütterung habe katastrophale Folgen.