Haldensleben l Durch die herunterhängenden Teile der Decke tropft Wasser. Unter den Füßen knirschen Glasscherben. Einige wenige Möbelstücke stehen einsam und verlassen in den Fluren. Im großen Saal ist eine fast mystische Stimmung. Einst von Musik erfüllt, heult hier jetzt nur noch der Wind. Vom einstigen Glanz des Hauses ist nicht mehr viel übrig geblieben.

Es scheint, als habe der Volkspark eine Wunde in das kollektive Gedächtnis der Haldensleber gerissen. Als sich 2001 endgültig die Türen zu dem Veranstaltungszentrum an der Masche schlossen, blieben zahlreiche Jugenderinnerungen an dem Gebäude haften. Heute ist der Volkspark ein vergessener Ort, der zunehmend verfällt und von Vandalismus gezeichnet ist.

Die Zerstörungswut hat deutliche Spuren hinterlassen. „Es wird ständig eingebrochen. Dabei werden sogar Betonklötze mit Gewalt durchbrochen. Ich kann es nicht verhindern“, sagt der Eigentümer des Volksparkes, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen will. Im Jahr 2017 hat er das geschichtsträchtige Gebäude ersteigert. Es war das dritte Mal, dass das Objekt zwangsversteigert wurde.

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Dabei war das Haus über zwei Jahrhunderte lang begehrt. Im Hause des Assessors Müller an der Masche, erbaut 1820, erfolgte im Jahr 1822 erstmals die Einrichtung einer Schankwirtschaft, zu dieser Zeit auch „Tabagie“ genannt, quasi als Erinnerung an die „Franzosenzeit“. Im Jahr 1860 wurde mit einem neuen Eigentümer eine Gärtnerei angefügt.

Um 1881 wurde die Herzogsche Restauration beträchtlich erweitert und modernisiert. So erfolgte 1907 der Anbau eines großen Saales (der spätere große Volksparksaal) an den bereits bestehenden Tanzsaal. Mit diesen beiden Sälen erhielt die Gaststätte nun den Namen „Herzogs Festsäle“. Im Außenbereich richtete man dann noch einen Bier- und Kaffeegarten ein.

Großer Saal als politische Tagungsstätte

Um 1945 war der große Saal eine bevorzugte Tagungsstätte der Parteien der Weimarer Republik und später der NSDAP. Hier fanden Kundgebungen und Konferenzen statt. Aber auch Tanzveranstaltungen und kulturelle Darbietungen wie Theateraufführungen und Konzerte zogen die Haldensleber Bürgerschaft in die beliebten „Herzogs Festsäle“.

Nach der Modernisierung und Wiedereröffnung des Kreiskulturhauses „Volkspark“ 1956 war dieses wieder eine gute Adresse für namhafte Künstler, bekannte Bands und Orchester geworden.

Von 1968 bis 1988 hatte der Rat der Stadt die Rechtsträgerschaft über den Volkspark. In dieser Zeit wurde das Haus zu einem Zentrum der kulturellen Arbeit. Zahlreiche künstlerische Arbeitsgemeinschaften, Tanzzirkel, Laienspiel- und Singegruppen hatten hier ihren Wirkungsbereich. So war aus dem Volkspark auch ein „Pionierhaus“ geworden.

Im Jahr 1986 wurden umfangreiche Instandsetzungs- und Modernisierungsarbeiten im großen Saal vorgenommen. Außerdem wurde das Haus durch einen Neubau erweitert. Mit dem Neubau entstanden nun ein modernes Foyer mit Garderobe und WCs, ein kleiner Saal mit Bar und weitere Schankräume, ein moderner Küchentrakt, Kühl- und Lagerräume sowie mehrere Büroräume.

Der neugestaltete Volkspark wurde mit Beginn der Arbeiterfestspiele am 19. Juni 1986 wiedereröffnet. Er erfüllte nun optimal seine Funktion als Kreiskulturhaus, als Zentrum der Kulturarbeit in der Stadt und im Kreis Haldensleben. Von 1985 bis 1990 erreichte das „...Haus den Höhepunkt seines Wirkens“.

Die gesellschaftliche Wende in der DDR bedeutete für das Kreiskulturhaus Volkspark eine totale Veränderung, den totalen Abbruch der vielen kulturellen Aktivitäten, die hier bis 1990 ihren Platz hatten. Zuletzt fanden hier die großen Bürgerversammlungen der Wendezeit statt. Vor allem mussten die Eigentumsverhältnisse neu eingerichtet werden. Die Kreisverwaltung hatte den Volkspark zum Verkauf ausgeschrieben.

Am 18. Februar 1991 legte er der Kreisverwaltung seine Konzeption vor, was aus dem Kulturhaus werden sollte: „Ziel der Übernahme ist, es als kulturelles Zentrum der Stadt Haldensleben zu erhalten. (...) Der große Saal wird als Veranstaltungsort und Diskothek umgestaltet. (...) Konzerte, Liveauftritte, Radio- und Fernsehveranstaltungen könnten hier stattfinden...“

Zwei Versuche nach der Wende

Damit bekam das Haus auch einen neuen Namen: „Ginetti-Parque“. In der ersten Zeit kamen viele Neugierige, aber sie blieben nicht auf Dauer und wanderten ab zur sogenannten „Traumfabrik“ am Bierkellerberg. Der „Ginetti-Parque“ wurde 1999 geschlossen, die erhofften Einnahmen blieben aus.

Am 3. September 2000 erfolgte bereits die Wiedereröffnung als „Tanzpalast“. Es sollte ein Musiktheater sein für „Leute ab 25“. Aber auch die Idee scheiterte. Im Jahre 2001 wurde das Haus geschlossen, die Einnahmen waren zu gering, um die Kosten zu decken.

Der heutige Investor indes weiß um die Bedeutung des Volksparkes und dass er vor drei Jahren nicht wirklich ein Schnäppchen gemacht hat – auch nicht bei einem Verkehrswert von 7 Euro. Denn zu denen kommen noch nachrangige Forderungen bei der Grundsteuer. Ein Teil davon ist bereits im Mindestgebot enthalten gewesen. Doch noch weitere 121 000 Euro an Grundsteuern und Säumniszuschlägen mussten vom neuen Eigentümer beglichen werden.

Bereits bei der Ersteigerung sprach der neue Eigentümer davon, dass er die Immobilie abreißen und an selber Stelle Wohnungen entstehen lassen will. An den Plänen hat sich bis heute nichts geändert. Bis es soweit ist, bleibt das Haus der Jugend noch erhalten – für ein wenig Nostalgie.