Das sagt die KMG:

Die Gründe für die beabsichtigte Schließung des Krankenhauses:

Zum einen, dass sich die Menschen in und um Havelberg – auch und insbesondere aufgrund der medizinischen Entwicklung und der zunehmenden Tendenz zu Zentrenbildungen – bereits seit vielen Jahren umorientiert haben und andere Krankenhäuser aufsuchen. Daraus ergibt sich der zweite Grund: Das KMG Klinikum ist hoch defizitär und kann bereits seit vielen Jahren nicht mehr rentabel betrieben werden.

Die Erklärung:

KMG hat mit Unterstützung des Landes Sachsen-Anhalt in den Standort Havelberg investiert und umfangreiche Sanierungsarbeiten inklusive Bettenhausneubau abgeschlossen. Zusätzlich wurde in moderne Medizintechnik investiert, um dem Trend entgegenzuwirken, dass die Patientenzahlen rückläufig waren. Leider haben diese Maßnahmen nicht zum Erfolg geführt.

Die Situation:

Stetig sinkende Patientenzahlen haben bereits im April 2018 dazu geführt, dass eine der beiden Stationen komplett geschlossen werden musste, da sie nicht mehr benötigt wurde und nicht mehr belegt werden konnte. Auch die seither interdisziplinär betriebene Station im Erdgeschoss mit 37 Betten erreicht keine Vollbelegung. Von Januar bis Oktober 2019 waren hier durchschnittlich 21 Betten pro Tag belegt, zuletzt teilweise nur noch elf Betten täglich.

Parallel dazu ist auch die sogenannte Fallschwere gesunken, das heißt, es wurden kaum noch schwierige Operationen am Klinikum durchgeführt. Ausreichende Patientenzahlen und eine durchschnittlich höhere Fallschwere sind Voraussetzung dafür, dass ein Krankenhaus dauerhaft bestehen kann.

Finanzielles:

Das Defizit liegt seit 2015 bei durchschnittlich 1,7 Millionen Euro im Jahr am Klinikum Havelberg. Das Krankenhaus hat 2019 nur noch rund 1500 stationäre Patienten behandelt und kann damit nicht mehr wirtschaftlich betrieben werden.

Die Umwidmung:

Das Land Sachsen-Anhalt und KMG hatten bei den Sanierungsmaßnahmen – von 2013 bis 2016 flossen dafür zwölf Millionen Euro, davon sechs Millionen Euro als Fördergelder – von Beginn an die Möglichkeit im Blick, dass zukünftig gegebenenfalls kein Krankenhaus mehr betrieben werden kann und deshalb schon damals den Weg für eine anderweitige Nutzung der Einrichtung eröffnet. Dafür gibt es einen Zuwendungsvertrag von 2013. Nach diesem Vertrag verpflichtet sich KMG, die Krankenhausimmobilie bei einer nicht mehr wirtschaftlichen Betreibung des Krankenhauses in eine Pflegeeinrichtung umzuwidmen.

Das Seniorenheim:

Die Anträge sind gestellt, um im März mit dem Betrieb eines Seniorenheims zu beginnen. Das Krankenhaus soll in ein Seniorenheim mit 58 Plätzen umgebaut werden. Statistiken zeigen für den Landkreis weiterhin eine älter werdende Bevölkerung auf. Die Wahrscheinlichkeit, demenziell zu erkranken, steigt mit höherem Lebensalter. KMG hat in den vergangenen Jahren eine hohe Expertise in der stationären Betreuung von Menschen mit demenziellen Erkrankungen in seinen Pflegeeinrichtungen erworben.

Weitere Pläne:

Die ambulante medizinische Versorgung mit einer chirurgisch- orthopädischen Arztpraxis soll erhalten bleiben. Damit Menschen in Havelberg mit eingeschränkter Mobilität ohne großen Aufwand eine hochqualifizierte stationäre Versorgung in Anspruch nehmen können, soll ein kostenloser Shuttle-Service für Patienten und deren Angehörige vom Havelberger Standort zum KMG Klinikum Kyritz und zurück eingerichtet werden. Für Menschen, die das Haus in der Domherrnstraße im Notfall aufsuchen, soll eine Notfallklingel eingerichtet werden, die mit der Rettungswache in Havelberg verbunden sein wird.

Die Mitarbeiter:

Von den Beschäftigten in den Bereichen ärztlicher Dienst, Pflege, Reinigung, Wäscheservice, Service, Küche, Technik und Verwaltung könne vielen – einschließlich sämtlicher Pflegekräfte - ein Arbeitsangebot für das Seniorenheim unterbreitet werden. Viele andere Mitarbeiter können in andere KMG Einrichtungen übernommen werden.

Havelberg l Im Büro des Betriebsrates des KMG Klinikums Havelberg herrscht dieser Tage ein ständiges Kommen und Gehen. Mitarbeiter sprechen mit den Betriebsratsmitgliedern, bringen Ideen ein, was sie unternehmen können, um das Krankenhaus möglichst zu retten. Und natürlich fragen sich alle, wo sie künftig arbeiten. Das alles erfolgt neben dem normalen Krankenhausbetrieb. Denn diesen halten die Schwestern und Pfleger gemeinsam mit den Ärzten am Laufen. Noch ist das Krankenhaus in Betrieb. Ein genauer Termin, wann es geschlossen werden soll, ist noch immer nicht bekannt.

Der Betriebsrat hat gleich am Wochenende eine Stellungnahme verfasst. Wenn die Mitarbeiter auch nicht von der Geschäftsführung der KMG Kliniken über die Schließungsabsichten informiert worden sind, so war am Wochenende zumindest im Internet zu lesen, was KMG dazu bewegt, künftig keine stationäre medizinische Versorgung mehr in Havelberg anzubieten. Darauf hat Vorsitzende Sandra Braun mit den vier weiteren Betriebsratsmitgliedern reagiert und diese Stellungnahme an die KMG Geschäftsführung sowie unter anderem an die Sozialministerin, an Verdi und verschiedene Politiker geschickt. Sie schlüsseln Entwicklungen auf, kritisieren etwa den Weggang guter Fachärzte und Pflegekräfte, mangelnde Investitionen und geringere Bezahlung als in anderen KMG-Häusern und fordern die Geschäftsführung auf, „das Krankenhaus weiter für die Bevölkerung zur Verfügung zu stellen“. Von der Geschäftsführung wurde dieser Brief als Kriegserklärung angesehen.

„Wir stehen mit der Belegschaft im Kontakt und erleben eine große Solidarität untereinander. Auch mit Verdi, bei der gut die Hälfte der 50 Mitarbeiter gewerkschaftlich organisiert ist, und mit dem Anwalt des Betriebsrates laufen Gespräche“, berichtet Sandra Braun.

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System dahinter

Von 2016 noch rund 100 Mitarbeitern hat die Hälfte in den vergangenen Jahren das Havelberger Klinikum in Richtung Wittstock und Kyritz verlassen. Aus Sicht der Mitarbeiter war System dahinter, das Krankenhaus langsam aussterben zu lassen.

Sorgen bereitet dem Betriebsrat nicht nur die Zukunft der Mitarbeiter – auch wenn Pflegekräfte überall händeringend gesucht werden und das Angebot besteht, im Seniorenheim tätig sein zu können. „Wir haben sechs Auszubildende. Für zwei stehen im Sommer die Abschlussprüfungen an. Für die drei im ersten Lehrjahr bekommen wir die Zwischenprüfungen hier im Haus hoffentlich noch hin“, sagt Sandra Braun, die Praxisleiterin für die Ausbildung in Havelberg ist.

„Es tut weh, wenn sich immer mehr Mitarbeiter verabschieden. Nachdem wir von der Schließung erfuhren, habe ich viel darüber nachgedacht, was wir als Krankenhaus mal waren und wie es stets ein Stückchen weniger wurde. Das bewegt einen sehr. Wir haben immer zum Krankenhaus gestanden“, sagt Betrtiebsratsmitglied Kerstin Nicke. 1989 hatte sie ihre Ausbildung zur Krankenschwester in Havelberg begonnen. Die stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Anke Görtz ist seit 25 Jahren im Haus tätig. Sandra Braun hatte dort 1982 ihre Ausbildung begonnen.

Die Solidarität ist auch in der Bevölkerung groß. Die Unterschriftenlisten füllen sich. „Klar muss das Krankenhaus hier bleiben. Vor allem für die vielen älteren Menschen hier ist das wichtig, die ansonsten ein Problem haben, wenn sie schnell ärztliche Hilfe benötigen. Die Wege in die nächsten Krankenhäuser sind einfach zu weit“, sagt zum Beispiel Soldat Christian Klopp, der am Montag mit seinen Kameraden am Stand bei Edeka unterschrieb.

Allein am Dienstag sind über 900 Unterschriften an zwei Standorten zusammengekommen, berichtet Holger Hoffmann, der seit Montag mit Mitarbeitern unterwegs ist. Listen sind etwa in Tankstellen, Geschäften, Arztpraxen und in umliegenden Dörfern verteilt.

„Insgesamt müssten es jetzt schon weit über 1500 Unterschriften sein. Die Teilnahme und Solidarität der Bürger ist unglaublich hoch!“