Havelberg l Ein kleiner Fingerring mit blauem Stein zeugt von den Slawen, die einst in Havelberg gelebt haben. Gefunden wurde er 1997 auf dem Marktplatz in Havelberg zwischen Holzteilen der slawischen Holz-Erde-Konstruktion aus der Zeit um 1136. Dieses seltene Schmuckstück gehört zu den Exponaten, mit denen das Prignitz-Museum die Ausstellung „Germania Slavica“ bereichert. Am Sonnabend kamen 85 Interessierte in den östlichen Kreuzgang der früheren Klosteranlage, um einen ersten Blick in diese und in die zweite Sonderausstellung zu werfen, die „Havelberger im Porträt“ zeigt. Museumsleiterin Antje Reichel und Museologin Sabine Ball freuten sich angesichts des großen Interesses.

Umgezogen ist für die Ausstellung „Germania Slavica“, die Bestandteil des Veranstaltungsreigens anlässlich der Domweihe vor 850 Jahren ist, auch der Einbaum aus dickem Eichenholz. Er ist Bestandteil der Dauerausstellung zur Siedlungsgeschichte im Prignitz-Museum und Zeuge der slawischen Besiedlung. Antje Reichel hat diese Schau mit vielen Objekten und Informationen ergänzt. Sabine Ball kümmerte sich um die Havelberger Porträts (dazu in Kürze mehr).

Zur Vernissage am Sonnabend wurden der Vorsitzende des Spandauer Geschichtsvereins Karl-Heinz Bannasch und seine Stellvertreterin Sabine Zielke begrüßt. Der Historiker berichtete, dass die Menschheit seit Jahrhunderten in Bewegung, auf Wanderschaft und Flucht, war. Er nahm damit Bezug auf die Aktualität der Ausstellung. Bei deren Konzeption 2014 war an die Flüchtlingskrise von 2015 noch nicht zu denken. Sie symbolisiert aber „ein Stück weit das schon vor Jahrhunderten dringliche Thema der Migration und Mobilität von Menschen. Unter diesem Aspekt des Zusammenlebens in Europa kann die Aktualität der Ausstellung gesehen werden.“

Bilder

Noch heute gegenwärtig

Die Ausstellung beleuchtet die Geschichte der Slawen und Germanen, die zwischen dem 9. bis zum 12./13. Jahrhundert im Gebiet zwischen Elbe und Oder gesiedelt haben. „Der westliche Grenzraum des geschlossen von Slawen bewohnten Gebietes auf dem mitteleuropäischen Festland reicht von Ostholstein über die Elbe durch die spätere Altmark, dem Ostrand des Harzes beiderseits der Saale bis zum Fichtelgebirge und dem Böhmerwald“, umriss der Historiker das Gebiet.

Modern formuliert, waren die Germanen Wirtschaftsflüchtlinge, so Karl-Heinz Bannasch. In den ersten Jahrhunderten nach Christus verließen sie die Region Richtung Westen. Sie besiedelten andere Gebiete Europas und Nordafrikas in der Hoffnung auf ein besseres Leben. „Die Slawen besiedelten die frei gewordenen Räume von Osten kommend und verschmolzen mit den wenigen verbliebenen Germanen zu Neustämmen.“ Es war die zweite Völkerwanderung.

Erst nach 1157 haben die Germanen die Slawen als Herrscher abgelöst. Erster Herrscher war Albrecht der Bär aus dem Haus der Askanier/Anhalter. – Ihm ist eine Tagung gewidmet, die am 6. März in Tangermünde stattfindet und am 7. März bei einer Exkursion ins Prignitz-Museum führt. Drei Monate vor seinem Tod hatte Markgraf Albrecht am 16. August 1170 noch an der Weihe des Havelberger Domes teilgenommen.

Zum Domjubiläum

Die Slawen konnten über längere Zeit noch ihre Eigenheiten erhalten, was am besten in den Rechten der Fischer dokumentiert ist, die im Kietz lebten. „Slawentum begegnet uns an allen Ecken in Anhalt, Sachsen und Brandenburg, in Orts- beziehungsweise Straßennamen und in überlieferten Sagen.“ Hamburg, Havelberg, die Stadt Brandenburg und auch die Heimatstadt des Geschichtsvereinsvorsitzenden Spandau sind slawischen Ursprungs. „Die slawische Vergangenheit ist nicht nur bis heute gegenwärtig, sie ist ein erheblicher Teil unserer Geschichte und sollte auch immer als solche betrachtet werden“, so Karl-Heinz Bannasch.

Der Dom zu Havelberg ist ein beredtes Beispiel für die Eroberung der Gebiete östlich der Elbe durch Otto I. für das Heilige römische Reich. Bistümer und Kirchenprovinzen wurden gegründet. Vom Bistum Havelberg aus wurde der Kampf gegen die Slawen aufgenommen.

Die Ausstellung, die erstmals in Spandau und danach in Wustrau, Zerbst, Tangermünde und Genthin zu sehen war, enthält Anschauungsobjekte, die unter anderem vom Landesamt für Denkmalpflege und dem Archäologischen Landesmuseum Brandenburg zur Verfügung gestellt worden sind.

Hauch von Hollywood

Während die meisten Exponate viele Jahrhunderte alt sind, gibt es ein neueres, das dafür sorgt, dass über der Ausstellung ein Hauch von Hollywood schwebt. Um das slawische Heiligtum darstellen zu können, wurde „Hansi“ vom Berliner Präparator Ingo Kopmann, der für große Filmproduktionen weltweit arbeitet, präpariert. Die Slawen schützten mit einem Hengstschädel mit herauswachsendem Hirschgeweih ihre Burganlagen. Der Hengst „Hansi“ lebte bis 2015 auf einer Weide in der Uckermark. Nach seinem Tod erlangt er nun Berühmtheit als nachgebildetes Heiligtum. Es gibt bisher nur zwei Ausgrabungen solcher Heiligtümer: in Spandau und in Polen, berichtete der Historiker.

Beide Sonderausstellungen werden bis zum 1. Juni im Prignitz-Museum gezeigt. Ein Besuch lohnt sich.