Havelberg l „Je dichter der Termin des Pferdemarktes kommt, desto mehr Anfragen haben wir dazu“, sagt Dieter Härtwig. Der Marktmeister würde normalerweise jetzt mit seiner Stellvertreterin Grit Lübeck, Mitarbeitern und Helfern im Havelberger Mühlenholz voll in Aktion sein und das Großereignis, zu dem jährlich am ersten Septemberwochenende bis zu 200 000 Besucher aus ganz Deutschland auf das Festgelände der Hansestadt strömen, vorbereiten. Doch ist der Pferdemarkt abgesagt. Der Stadtrat hatte ihn ebenso wie den Bootskorso Mitte Mai abgesagt.

Diese Entscheidung ist auf der Internetseite der Stadt seitdem zu sehen. Doch kursierten in sozialen Netzwerken immer wieder Fragen, ob zum Termin vom 3. bis 6. September ein Flohmarkt stattfindet. „Ich bekam auch immer mehr Anfragen am Telefon dazu“, erzählt der Marktmeister. Der Grund: Wer über Google nach dem Pferdemarkt suchte, stieß auf einen Eintrag mit dem Hinweis auf einen Flohmarkt. „Wir haben versucht zu ergründen, wo das herkommt und Kontakt aufgenommen, damit dieser Eintrag gelöscht wird.“ Inzwischen steht auch auf diesem Google-Hinweis groß zu lesen „Pferdemarkt 2020 - abgesagt“.

Zu viele Fragezeichen

Das Mühlenholz wird verwaist bleiben an diesem ersten Septemberwochenende 2020. Denn auch Überlegungen, etwas anderes stattfinden zu lassen, sind vom Tisch. Zum einen wollten die Opelfreunde Havelberg ein weiteres Opeltreffen anbieten. Zum anderen hatte Schausteller Lothar Welte bei der Stadt angefragt, ob er einen mobilen Vergnügungspark aufbauen könnte. Mit einem solchen gastierte er in Rostock und wollte ihn nach Havelberg auch in Magdeburg aufbauen. Abgesehen von dem Aufwand, der betrieben werden müsste, um die aktuellen Corona-Bestimmungen einhalten zu können – wozu etwa das Maximum von 1000 Besuchern und die Registrierungspflicht gehören –, hat die Stadtverwaltung, auch in Abstimmung mit dem Landkreis, darum gebeten, von diesem Vorhaben Abstand zu nehmen. Auch in Magdeburg gibt‘s keinen Vergnügungspark. „Solch ein Vergnügungspark würde suggerieren, dass doch Pferdemarkt ist. Egal, welchen Namen das hätte, die Leute würden sich fragen, was ist das denn, wie können die wo was machen“, nennt Dieter Härtwig die Bedenken. „Es gibt zu viele Wenn und Aber, zu viele Fragezeichen.“ Er berichtet von Gesprächen mit Schaustellern, die gesagt haben, „lasst uns im nächsten Jahr wieder richtig Pferdemarkt machen. Das ist so eine tolle Veranstaltung, wir hoffen und wünschen, dass er dann in altbewährter Form stattfinden kann“. „Das ist auch unser großer Wunsch. Einmal im Jahr steht Havelberg im Mittelpunkt. Wir haben jetzt auch viele Touristen, doch ist das natürlich kein Vergleich zum Pferdemarkt“, sagt Dieter Härtwig. Der Markt ist auch ein Wirtschaftsfaktor für viele. Allein für die Stadt liegt der Einnahmeausfall bei 200 000 Euro. Geld, das einerseits für Investitionen in den Pferdemarkt genutzt wird und andererseits für die Gestaltung von Bootskorso und Weihnachtsmarkt.

Reparaturen im Mühlenholz

Was bedeutet für den Marktmeister, der als Sachgebietsleiter im Ordnungsamt arbeitet, dieses Jahr ohne Pferdemarkt? „Es fehlt das Besondere, der Ausreißer. Der Pferdemarkt ist immer eine Ausnahmesituation, man steht von früh bis spät ständig unter Strom, muss Entscheidungen von jetzt auf gleich treffen. Nun haben wir den berühmten grauen Alltag. Die Verwaltungsaufgaben können kontinuierlich abgearbeitet werden.“ Das Augenmerk des Ordnungsamtes liegt derzeit verstärkt auf der Einhaltung der Straßenreinigungspflicht. 50 Anhörungen wurden bereits verschickt, weil Gehwege vor Grundstücken, wo die Besitzer oftmals nicht hier wohnen, nicht gepflegt sind.

Im Blick hat der Marktmeister den Pferdemarkt 2021. Auf dem Festgelände wurde begonnen, die Umzäunung zu reparieren. Technische Anlagen werden erneuert, soweit das ohne die diesjährigen Markteinnahmen machbar ist. Aus Bäumen wird das Totholz rausgeschnitten. Für die Schausteller läuft bis 31. Oktober die Bewerbungsphase. Die Verträge aus diesem Jahr zu übernehmen, geht nicht. „Aber wir versuchen, diejenigen zu berücksichtigen, die 2020 einen Vertrag hatten. Das haben wir 2013, als der Pferdemarkt wegen der Flutkatastrophe ausfallen musste, auch gemacht. 90 Prozent der Schausteller waren im Jahr darauf dabei.“ Für die Händler beginnt die Bewerbungsphase Anfang des Jahres, für den Pferdehandelsplatz im April/Mai – alles coronabedingt unter Vorbehalt.

„Normalerweise würde ich mir angesichts der Trockenheit jetzt schon wieder Gedanken machen, wie wir die Staubbelastung auf den Wegen eindämmen, und meinen Strohhut hätte ich wohl permanent auf“, sagt der Marktmeister. Und auf die Frage, was er statt Markt macht: „Am Bootskorso-Wochenende kann ich zum Geburtstag meiner Enkelin fahren. Fürs Marktwochenende habe ich noch keinen Plan.“