Schönfeld l Integriertes Entwicklungskonzept (IEK) lautet der sperrige Name des Zukunftsplanes, welchen die Verbandsgemeinde Elbe-Havel-Land möglichst noch in diesem Jahr auf den Weg bringen möchte. Im Vorfeld hatten dazu fünf Veranstaltungen – unter anderem in Kamern, Sandau, Schönhausen und Kabelitz – stattgefunden, es gab eine Befragung aller Haushalte, Arbeitstreffen sowie Ortsbegehungen.

Nun ist alles Nötige zusammengetragen, der Entwurf so gut wie fertig. Im flutsanierten Mehrzweckgebäude auf dem Schönfelder Campingplatz fand am Dienstagabend das Abschlussforum zum IEK statt.

„Ich hätte mir im Vorfeld eine regere Bürgerbeteiligung an den Veranstaltungen gewünscht und hoffe, dass die Räte den Entwurf, in dem viele Ideen stecken, annehmen“, sagte Verbandsbürgermeisterin Steffi Friedebold bei der Begrüßung. Ein weiterer Wunsch ist, dass das IEK zum Zusammenwachsen der sechs Orte beitragen möge.

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22 Einwohner leben auf dem Quadratkilometer

Denn das Wir-Gefühl in der Verbandsgemeinde ist laut IEK-Umfrage nicht besonders ausgeprägt, die Bürger fühlen sich eher ihren Heimatorten verbunden. Aktuell wohnen 8086 Menschen in dem Gebiet, was einer Bevölkerungsdichte von 22 Einwohnern je Qua­dratkilometer entspricht. Das ist recht wenig, 1985 lebten in diesen Orten noch über 11 000 Einwohner. Seitdem sanken die Zahlen kontinuierlich, einen kleinen Aufschwung gab es nur von 2015 bis 2017 – durch die Flüchtlinge in Klietz. Im Jahr 2030 könnten laut Prognose nur noch 7185 Bürger im Elbe-Havel-Land wohnen.

Darunter werden immer mehr Senioren sein, was bei der Gestaltung der kommunalen Infrastruktur zu beachten sein wird. Wegen der demografischen Entwicklung wurde das Schulnetz auf nur noch drei Grundschulen ausgedünnt. Allerdings gibt es in allen Gemeinden Kindertagesstätten – für welche im Internet durchaus mehr Werbung gemacht werden könnte. In diese genannten Einrichtungen zu investieren, war denn auch der größte Wunsch bei der Befragung der Haushalte.

Ersatz für Konsum in Kamern

Positiv vermerkten die Erarbeiter des Konzeptes – Sibylle Paetow, Björn Gäde und Florian Hallmann – die vorbildliche Jugendarbeit. Einkaufsmöglichkeiten gibt es leider nur noch in wenigen Orten – ein Lichtblick war hier Kamern, wo nach der Schließung des Konsums der Kiosk am See eine Alternative bietet. Geldinstitute gibt es nur noch in Schönhausen.

Beim Breitband gibt es im Elb-Havel-Land aktuell zwei Klassen: Voll erschlossenen Orten wie Kamern und Sandau steht der Rest gegenüber, wo es derzeit mit schnellem Internet eher düster aussieht. Krasse Unterschiede gibt es auch beim Leerstand – in Ferchels sind alle Häuser bewohnt, in Rehberg stehen etliche leer. Am meisten aufgesucht wird Schönhausen, hier gibt es diverse Dienstleister und eine Kaufhalle.

Zudem erfuhr man bei der Erarbeitung des IEK, dass zwölf Prozent der hier Beschäftigten in der Landwirtschaft tätig sind – das liegt weit über dem Landesdurchschnitt von drei Prozent. Die meisten Pendler wohnen in Wust-Fischbeck (85 Prozent) und die wenigsten in Klietz (73 Prozent).

Fünf Handlungsfelder

Im Rahmen der IEK-Strategie wurden fünf Handlungsfelder definiert. Unter der Bau- und Siedlungsentwicklung ist denn neben dem Rückbau der Plattenbauten in Klietz auch die Sanierung des Sandauer Rathauses und dessen Umfeldes aufgelistet – der Auslöser für die Erarbeitung des Konzeptes. Denn ohne ein solches werden künftig keine Fördergelder mehr ausgereicht. Deshalb hat die Stadt Sandau den nötigen Eigenanteil auch aus eigener Tasche bezahlt, die restlichen beiden Drittel teilten sich Land und Landkreis.

Unter dem Punkt „Mobilität und technische Infrastruktur“ finden sich der Breitbandausbau, der Öffentliche Nahverkehr, der Ausbau des Radwegenetzes sowie die Fähre Sandau – für letztere wurde eine Anhebung der Zufahrtsstraße vorgeschlagen. Für Fischbeck gibt es die Idee, im Gewerbegebiet eine Raststätte zu etablieren, zudem wurde ein zentraler Technikhof für die Verbandsgemeinde angeregt.

Punkt drei der IEK-Strategie ist Wirtschaft und Tourismus gewidmet, hier wurde ein Unternehmerstammtisch als „Ideenschmiede“ angeregt. Das Breitband könnte künftig die Versorgung mit ergänzen (Bestellungen übers Internet). Zudem sollen die Touristinformationen neu strukturiert werden. – Auch hier gilt: Weniger ist mehr. Es soll eine Zen­trale geben, in den Orten könnten digitale Infotafeln stehen.

Niedrigseilgarten für Klietz

Als Pfund, mit dem die Verbandsgemeinde wuchern kann, wird unter dem vierten Punkt „Soziale Infrastruktur“ die Freie Schule in Kamern gehandelt. Im Internet sollte stärker Werbung (Stichwort Kitas) betrieben werden, so kann man vielleicht junge Fami­lien zum Zuzug bewegen. Auch Angebots-Ideen für Senioren finden sich hier, wie das betreute Wohnen. In Klietz sollen ein Trainingsraum und ein Niedrigseilgarten entstehen. Auch die Spielplätze – wo oftmals Sanierungsbedarf besteht – finden sich hier.

Den Themen „Freizeit, Gemeinschaft und Ehrenamt“ ist der letzte Strategiepunkt gewidmet. Auch hier kam die Anregung, dass sich die vielen Vereine übers Internet jungen Leuten öffnen. Räume sollten multifunktionell genutzt und Veranstaltungen besser abgestimmt werden, eine Willkommenskultur für Rückkehrer und Geflüchtete wird angeregt. Hier findet sich auch der Vorschlag aus Neuermark-Lübars, eine Miniaturlandschaft zur Elb-Havel-Region einzurichten.

Jede der sechs Mitgliedsgemeinden setzte ihre Akzente, entsprechend wurden die Entwicklungsschwerpunkte im IEK benannt: Schollene ist das „Gesundheitsdorf“, Wust-Fischbeck wegen Sommerschule und Muuuhseum das „Kultur- und Kreativdorf“, der Bismarck-Ort Schönhausen „Geschichtsort“, Klietz wird wegen seiner vielen Sportvereine als „Aktivdorf“ bezeichnet und Sandau als „Mehrgenerationenstadt“. Kamern, was schon zu DDR-Zeiten weitaus mehr Erholungssuchende als Einwohner aufwies, wird als „Entschleunigungsdorf“ betitelt. Was aber nicht bedeutet, das künftig nur Projekte gefördert werden, welche in die genannte Richtung weisen.

Wird der Entwurf letztendlich von den Räten in den Orten sowie dem Verbandsrat bestätigt, geht ein Exemplar auch ans zuständige Ministerium nach Magdeburg. Im Jahr 2021 wird es prüfen, was das Konzept gebracht hat und was umgesetzt wurde.

Die Stadt Sandau könnte dann vielleicht schon auf den Rathausumbau verweisen, welcher sich über mehrere Jahre erstrecken wird. Hierzu berichtete Florian Hallmann, dass dort danach wieder Bürgermeister und Bauamt einziehen sollen, geplant sind zudem eine Arztpraxis und eine Begegnungsstätte. Offen ist der Verbleib der Touristinformation, diese Aufgabe könnte womöglich der Förderverein der Kirche übernehmen – das Gotteshaus ist in der Saison ohnehin täglich geöffnet. Zum Sanierungsgebiet gehören auch die Marktstraße und die einstige Kaufhalle – letztere hat die Stadt erworben und will das Gebäude abreißen. Auch die alte Post befindet sich im Planungsareal, diese befindet sich aber in Privatbesitz – hier soll womöglich der Innenhof umgenutzt werden.

Leere Gebäude oft vorschnell abgerissen

In der anschließenden Diskussion meldete sich auch Dirk Michaelis vom kreislichen Bauordnungsamt zu Wort. Er bedauerte, dass oftmals ungenutzte Gebäude abgerissen werden – mit den richtigen Planern hätten sie oftmals noch modern umgebaut werden können.

Aus Sicht des Landkreises sei der Elb-Havel-Winkel als Erholungsgebiet von Bedeutung. Diverse Kirchen – wie Sandau und Schönhausen – sind Bestandteil der Straße der Romanik, welche wiederum zur europäischen Touristenroute „Transromanica“ gehört. Mit diesem Pfund sollte man noch viel mehr um Touristen werben.

Kamerns Bürgermeister Arno Brandt bezweifelte die Ergebnisse der Leerstandsanalyse. Auch vertrat er die Ansicht, dass durchaus auch am Ortsrand gebaut werden sollte. Dem widersprach Dirk Michaelis, in Deutschland sei eine Bebauung der Innenbereiche erwünscht – Landwirtschaftsflächen sind schließlich nicht unendlich vorhanden.

Der Konzeptentwurf wird in den nächsten Wochen in den Gemeinden ausgelegt, dann kann man letztmalig Vorschläge einbringen. Der genaue Auslegungstermin wird noch bekannt gegeben. Steffi Friedebold hofft, dass möglichst viele Bürger davon Gebrauch machen. Letzten Endes geht es um nichts Geringeres als um die Zukunft der Heimatregion.