Havelberg l Viele Jahre lang leerstehend und einer neuen Nutzung harrend, ist es nun bald soweit. In den Kornspeicher am Ufer der Havel ziehen in wenigen Wochen die ersten Mieter ein. Zuvor lädt Bauherr Markus Hinz zu einem Tag der offenen Tür ein. Am Sonntag, 8. September, zum Tag des offenen Denkmals, erhalten Besucher die Gelegenheit, sich in dem Haus umzuschauen. Dann können sie den Wandel mit eigenen Augen sehen, den der Speicher innerhalb von neun Monaten erfahren hat.

Kurz vor Weihnachten hatte er schon einmal in den Speicher eingeladen. Da war er noch in seinem ursprünglichen Zustand, zeugten etwa eine Waage und die dicken Betontrichter von seiner ursprünglichen Bedeutung. Dort, wo seit 1940 am Havelufer in Havelberg tonnenweise Getreide mit Schiffen antransportiert und im Speicher zur Weiterverarbeitung gelagert und in Säcke gefüllt wurde, sind moderne Wohnungen entstanden. Für Mieter und für Feriengäste.

Alle Gewerke haben gut ineinander gegriffen

„Wir öffnen den Speicher am Sonntag von 13 bis 17 Uhr für Besucher. Sie können sich den fertigen Rohbau anschauen und bekommen einen Eindruck von den Wohneinheiten und Ferienwohnungen“, sagt Markus Hinz. Aus Sicherheitsgründen wird nur eine bestimmte Anzahl an Personen gleichzeitig ins Haus gelassen. Deshalb kann es zu kurzen Wartezeiten kommen. Die große Buga-Bank draußen mit bestem Blick auf die Havel bietet aber Sitzgelegenheiten, falls gewartet werden muss. Der Fahrstuhl ist noch nicht in Betrieb. Deshalb muss sich jeder Besucher überlegen, ob er die Treppen bis in den fünften Stock hochlaufen möchte. Doch auch schon im unteren Bereich lassen sich die Veränderungen vom Getreidespeicher zum Wohnhaus wunderbar erkennen. Ein Besuch lohnt sich auf jeden Fall.

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Vom Bauzustand her liegt der Speicher fast in der Zeit. In dieser Woche wurde der Fußbodenbelag eingebracht. In den Badezimmern wird der Fußboden gefliest. Mitte September kommen die Badmöbel rein. Das Treppenhaus muss noch komplett gefliest werden. Steckdosen und Lichtschalter sind noch zu montieren. Auch die Küchen fehlen noch. Sind diese eingebaut, folgen in der letzten Septemberwoche die Türen. „Dann können die Mieter zwar später als versprochen, aber termingerecht einziehen“, berichtet Markus Hinz, dass der vorgesehene Puffer von einem Monat bis zum Einzug am 1. Oktober doch ausgereizt werden muss. Die Firma, die den Fahrstuhl einbaut, hat den Termin um zwei Wochen nach hinten verschoben, so dass einige Gewerke erst später ihre Arbeit erledigen können. Dennoch ist er froh über das Geschaffte.

Die Bauarbeiten hatten im Januar dieses Jahres begonnen. Mit der Baufirma seines Schwagers aus Polen standen ausreichend Bauleute zur Verfügung. „Durch diese Manpower konnten wir die Bauzeit, die normalerweise bei zwei Jahren gelegen hätte, um mehr als die Hälfte verkürzen. Auch die deutschen Firmen haben ihren Anteil geleistet, dass wir den Einzugstermin halten können. Das war eine handwerkliche und logistische Meisterleistung. Alle Gewerke haben ineinander gegriffen, jeder war bereit, da mitzumachen“, ist der Bauherr voll des Lobes. Von außen ist die Wandlung in den vergangenen Monaten gut nachzuvollziehen gewesen. In den Wintermonaten erhielt der Speicher bereits sein neues Dach. Die Fenster, die der neuen Nutzung entsprechend in Absprache mit dem Denkmalschutz teilweise größere Öffnungen erhielten beziehungsweise an der Ostseite neu eingebaut wurden, folgten, ebenso Balkone und Terrasse. Im Innern wurde jede Menge Beton raus- und wieder reingebracht. Markus Hinz hofft, dass es keine Komplikationen mehr gibt und die Bauabnahme vor dem 1. Oktober erfolgen kann.

Andacht für verunglückten Bauarbeiter

Die Statik des Hauses ist bereits abgenommen. Für die Balkone und den Brandschutz etwa muss das noch erfolgen. „In Absprache mit dem Bauordnungsamt ist das kurzfristig möglich.“ Dass er die sechs Mieter für die Wohnungen vertrösten muss, tut ihm leid. Denn avisiert war, dass sie vor dem geplanten Fertigstellungstermin am 1. Oktober bereits mit dem Umzug beginnen können. „Ich weiß, dass man nicht an einem Tag umziehen und die alte Wohnung übergeben kann. Ich hoffe aber, dass wir den Einzug in der letzten Septemberwoche doch noch machen können und hoffe auf gute Zusammenarbeit, Verständnis und Geduld.“ Wenn alles fertig ist, wird das Treppenhaus noch einmal gemalert.

Was viel schwerer wiegt, ist der tragische Unfall auf der Baustelle vor drei Wochen, bei dem ein Mann ums Leben kam. Das überschattet alles. Er war nicht nur ein Bauarbeiter, sondern ein guter Freund und Teil der Familie. „Die Erinnerung wird in aller Zeit bleiben. Er hat das Kostbarste gelassen, was man hat. Im Moment überwiegt die tiefe Trauer. Ich hoffe aber, dass wir uns irgendwann über das Geleistete freuen können, ohne Schuldgefühle wegen unserer Freude zu haben. Letztendlich machen wir aber auch für ihn weiter. Krzysztof hat einen maßgeblichen Anteil am Gelingen dieses Bauvorhabens gehabt, hat ihm seinen Stempel aufgedrückt. Er war ein Mann mit einem großen Herz, der immer geholfen hat, nie eine Bitte abgeschlagen hat. Sein Tod ist ein großer Verlust“, würdigt Markus Hinz den Verstorbenen. Krzysztof Celmer war bei Arbeiten im Fahrstuhlschacht vier Etagen abgestürzt. Er wurde 41 Jahre alt. Am Sonntag wird es ihm zu Ehren um 15 Uhr eine Andacht mit Pfarrer Scholz aus Bad Wilsnack geben. Dafür wird die Besichtigungszeit kurz unterbrochen.

Für die Hansestadt ist die Sanierung des Kornspeichers ein Gewinn. Über Jahre stand das stadtbildprägende Gebäude leer. Es war nicht so einfach, jemanden zu finden, der sich dieser ambitionierten Aufgabe stellt. Im Dreiklang mit dem Dom und der Stadtkirche bestimmt der Speicher die Silhouette Havelbergs vom Süden her. Die Bedeutung des Gebäudes würdigte auch der Stadtrat, indem er Fördergelder aus dem Stadtumbau Ost in Höhe von 600 000 Euro bewilligte. Die Gesamtkosten liegen bei gut 1,5 Millionen Euro.