Havelberg l Mit einem großen Glas Orangensaft kommt ein junger Mann aus dem Haus und setzt sich zu seinen Mitbewohnern und Dolmetscher Adil im Eingangsbereich der DRK-Unterkunft für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Am Vormittag hat der Junge aus Afghanistan bei einer in Havelberg lebenden Familie beim Übersetzen geholfen. In den zehn Monaten seines Aufenthaltes in Deutschland hat er die Sprache schon gut gelernt. Aus der afghanischen Hauptstadt Kabul hat er sich vor fast einem Jahr auf den weiten Weg nach Europa gemacht, erzählt er. Die Stadt ist vom Krieg zerstört, immer wieder gibt es Terrorakte. Schweden war sein Ziel, so wie für manch anderen jugendlichen Flüchtling auch. Weil dort die Bestimmungen einfacher sein sollen als in Deutschland und auch das Nachholen der Familie leichter möglich sein soll.

Lob fürs Schülerpraktikum

Doch der Weg zu Fuß, in Auto, Lkw oder Zug über den Iran, die Türkei, im Boot nach Griechenland und weiter Richtung Norden endete in Deutschland. „Mein Vater ist tot, meine Mutter und mein Bruder sind krank, meine anderen drei Geschwister sind klein“, berichtet der 14-Jährige, dass er nun der Verantwortliche für seine Familie ist. Er wollte nach Europa, um zu arbeiten, Geld zu verdienen und seine Familie unterstützen zu können. Aber in Deutschland besteht Schulpflicht. An Arbeiten ist nicht zu denken. Der Freund eines Vaters unterstützt nun seine Familie. Doch der Junge würde gern selbst helfen oder seine Familie nachholen.

Sechs Jahre ist er in Kabul zur Schule gegangen. Dann hat er gearbeitet, Holzarbeiten erledigt. So wie andere jugendliche Flüchtlinge ist er unzufrieden mit seiner Situation. Die Schulzeit dauert viel zu lange. Doch will er sich dem stellen. Seit Mai besuchte er die 8. Klasse der Sekundarschule in Havelberg. Sein Ziel ist ein Hauptschulabschluss und dann möglichst eine Automechanikerlehre. Talent dafür hat er. Das hat er beim einwöchigen Schülerpraktikum in einem Autohaus bewiesen. „Es gab viel Lob für ihn“, sagt Erzieherin Charlene Leppich.

Heimatstadt ist kaputt

Zurück nach Afghanistan kann er vorerst nicht. Für unter 18-Jährige ist das Jugendamt der Vormund. Er würde in ein Kriegsgebiet zurück geschickt, dem stimmt niemand zu. Die Jugendlichen würden vermutlich auch niemals bei ihren Familien ankommen. Außerdem: Wer geflüchtet ist, gilt in seinem Land als Verräter. In den Ferien macht der 14-Jährige Hausaufgaben in Mathematik, übt mit den Betreuern auch das Lesen und Schreiben. Gern würde er Ferienarbeit leisten oder ein Praktikum machen. Und boxen. Im Freizeitraum steht ein Boxsack. Einen Sportverein, der Boxen anbietet, hat Havelberg nicht. Der Junge aus Afghanistan hat schon einige Freunde gefunden. Kontaktscheu ist er nicht.

Ein anderer junger Mann, der sich mit in die Runde gesetzt hat, ist aus Syrien geflüchtet und seit neun Monaten in Deutschland. Er übt sich in der deutschen Sprache, Adil hilft ihm beim Gespräch mit der Volksstimme. Er spricht arabisch. Die Grammatik ist das schwierigste an der deutschen Sprache, wenn man sich bereits an die lateinischen Buchstaben und das Schreiben von links nach rechts gewöhnt hat. Der 18-Jährige besucht die Berufsschule in Stendal, vor allem um Deutsch zu lernen. Von seiner Zukunft hat er klare Vorstellungen. Politikwissenschaftler will er werden. Allerdings sind die Hürden für ein Studium in Deutschland sehr hoch.

Was würde er tun, wäre er Politiker? „Friedensgespräche mit allen, damit in Syrien wieder Frieden einkehrt.“ Seine Heimatstadt Der Alzor im Osten des Landes ist zerstört. „Sie war sehr schön vor dem Krieg, wie ein Paradies, jetzt ist sie kaputt.“ Seine Mutter hat ihm geraten, er soll sich in Sicherheit bringen und einen Asylantrag stellen. Über einen Monat war er auf der Flucht. Griechenland, Mazedonien, Serbien, Kroatien, Ungarn, Österreich, Deutschland. Fast 2000 Euro musste er dafür aufbringen, andere sprechen von fünfstelligen Summen, die sie für die Flucht bezahlten.

Während der Junge aus Afghanistan beim Ramadan nicht mitmacht, hat der Fastenmonat für den 18-Jährigen aus Syrien große Bedeutung. Es ist für ihn eine Möglichkeit, Geduld zu lernen. Er will sich hineinversetzen in die Lage anderer, die nichts zu essen haben. Den Ramadan hier auszuüben, ist allerdings eine besondere Herausforderung, denn die Sonne geht hier wesentlich später unter als in seiner Heimat, wo dies um 19 Uhr der Fall ist.

Raus-Rufe betrüben

Vier Jahre hätte er in Syrien noch zur Schule gehen müssen, um dann studieren zu können. Wie es hier weitergeht, weiß er noch nicht. „Wenn es keinen Krieg mehr in Syrien gibt, würde ich gern wieder zurückgehen.“ Betrübt ist er ebenso wie seine Mitbewohner über die Rufe aus Autos heraus: Ausländer raus! oder: Geht nach Hause! Er wünscht sich, das in Havelberg nicht mehr beim Einkaufen oder auf dem Weg ins nahe Schwimmbad hören zu müssen.

Gefragt nach Wünschen hier in Deutschland, hört man vor allem diesen: eine Perspektive mit Schulbesuch, Berufsausbildung oder Studium. So sagt es auch ein junger Mann aus Palästina. Er ist zweimal geflüchtet. Einmal nach Syrien. Und als dort der Krieg ausbrach und es für ihn nicht mehr sicher war, ein zweites Mal nach Europa. Auch er wollte nach Schweden und seine Familie nachholen. Der 18-Jährige hat eine Highschool besucht, spricht perfekt Englisch. Altenpfleger zu werden, könnte er sich vorstellen. Oder sich als Verkäufer selbstständig machen. Ihn nervt, dass er in Deutschland immer wieder hört: Es geht nicht. Die Langeweile stört ihn, er würde gern mehr geistig gefördert werden.

Keinen Hass gelernt

Langeweile. Ein Zustand, gegen den die Mitarbeiter des Heimes natürlich angehen. Einerseits mit den oben erwähnten Beschäftigungen am und im Haus. Andererseits mit Erlebnissen in den Ferien, soweit es die finanziellen Möglichkeiten zulassen. Fußball spielen und anderer Sport stehen hoch im Kurs. Manche trainieren in Vereinen mit. Ein junger Mann aus dem Irak ist als Fußballer sogar so talentiert, dass er bei Lok Stendal mittrainiert. Sein Berufswunsch: Profi-Fußballer.

Die Jugendlichen kommen gut miteinander aus. Nationalitäten und Religionen spielen im Miteinander kaum eine Rolle. „Sie sind gebildet, sie haben keinen Hass gelernt“, sagt Dolmetscher Adil. Dass sie eher selten allein unterwegs sind, liegt daran, dass sie in ihrer Heimat viel länger Kind und somit mit ihrer Familie verbunden bleiben. Der Respekt vor den Eltern hat einen ganz anderen Stellenwert. Freiheit und Selbstständigkeit wie Jugendliche hierzulande kennen sie nicht. „Sie mussten noch nicht selbstständig sein, deshalb gehen sie oft in kleinen Gruppen, um sich zu schützen“, erklärt Adil, der vor 18 Jahren aus Marokko nach Deutschland gekommen ist.