Schönhausen l „Ein bisschen dünner ausrollen! Und schön dicht zusammenlegen, dann passt mehr aufs Blech. Nicht zu viel von den Streuseln! Kostet mal!“ Auch wenn Achmed (6), Mohamed (11) und Omar (12) nicht alles verstehen, so sind die Gesten doch eindeutig. Und am Ende des Backnachmittages sind die Schüsseln voll mit vier verschiedenen Plätzchen. Die sind nicht perfekt, schmecken aber. Und die Drei hatten Spaß. Die Vier! Denn auch Berbel Wischer hat trotz des Trubels in ihrer kleinen Küche und den nicht so geschickten Kinderhänden selbst große Freude an der Weihnachtsbäckerei. Den ganzen Vormittag hatte sie in der Küche gestanden und die vier Teige vorbereitet. Dann setzte sie sich ins Auto, fuhr rüber nach Tangermünde und holte die drei Jungs ab. Die kennen Berbel Wischer schon gut. Denn die Väter von Omar und Mohamed sind Paten von Berbel Wischer.

Patin für drei Syrer

Eigentlich wollte sie vor einem Jahr, als die Flüchtlingswelle über Deutschland rollte, eine Familie bei sich zu Hause aufnehmen. Das Haus, in dem einst ihre drei Kinder aufgewachsen sind, ist groß genug. „Weil ich aber keine separate Küche hatte, ging das nicht.“ Davon erzählte sie bei einem ihrer Besuche im Klietzer Begegnungscafé. Das hörten auch die Mitarbeiter des Netzwerkes Flüchtlingshilfe und fragten, ob sie denn nicht Patin werden wolle. Wollte sie! Gleich dreier Syrer, die zu diesem Zeitpunkt in der Klietzer Erstaufnahmestelle lebten, nahm sie sich an – die Väter von Omar und Mohamed.

Als es hieß, dass sie nach Tangermünde umziehen, half sie bei allen Behördengängen, beim Einrichten der Zimmer zunächst in einer WG und dann beim Umzug in eigene Wohnungen, beim Anmelden der Kinder in der Sekundarschule ... Während sich die Kinder in der Schule schnell einleben – „ja, ich hab Freunde“, strahlt Omar –, besuchen die Väter den Integrationskurs. „Sie stehen kurz vor dem Abschluss. Wenn sie den in der Tasche haben, können wir auf Arbeitssuche gehen.“ Denn die Syrer sehen beim Blick auf ihr zerstörtes Land ihre Zukunft in Deutschland. Sie hoffen inständig, dass auch ihre Frauen, die unter anderem in einem Lager in Griechenland festhängen, bald ankommen. „In ein, zwei Monaten kommt Mama“, leuchten Mohameds Augen voller Vorfreude. Berbel Wischer gibt zu verstehen, dass sich Vater und Sohn das zwar wünschen, „aber wer weiß, wie lange es wirklich dauert“.

Fassungslosigkeit nach Anschlag

Natürlich vermissen gerade die Kinder ihre Mütter. Deshalb ist der sechsjährige Achmed auch so anhänglich, „wenn ich komme, springt er mich gleich an und will mich gar nicht loslassen“, streicht die Schönhauserin ihm über den Kopf. Omars Papa Amer, der schon in Klietz schnell gut Deutsch gelernt hat, war in Damaskus Französischlehrer, hat hier schon gut Fuß gefasst. „Der Terroranschlag in Berlin belastet alle sehr“, sagt Berbel Wischer. Am Tag nach dem Anschlag war sie mit der Familie von Achmeds Vater im Stendaler Krankenhaus, um ihn zu besuchen. „Alle haben fassungslos mit Tränen in den Augen auf ihr Handy gestarrt und die Nachrichten verfolgt. Sie wissen, dass diese abscheuliche Tat ein schlechtes Licht auf alle Flüchtlinge wirft.“

Von den Sorgen ihrer Väter bekommen die drei Jungs in der Backstube noch nicht so viel mit, sie sollen möglichst unbeschwert leben. Dabei hilft Berbel Wischer. Ihre Tage sind angefüllt mit Terminen. Über das Netzwerk wird sie immer wieder gebeten, Möbel und andere Spenden zu transportieren, Wohnungen einzurichten und bei Behördengängen zu helfen. Leute rufen bei ihr an, bieten Spenden an, die sie abholt und verteilt. Auch im Tangermünder Begegnungscafé im katholischen Gemeindehaus ist sie regelmäßig dabei. Und sie lädt auch zu sich nach Hause ein. „Vor ein paar Tagen waren meine Schönhauser Freundinnen zu Besuch und ich hatte noch vier syrische Frauen dazu eingeladen – es war ein schöner Nachmittag!“

Afrikanischer Ziehsohn ist verstorben

Berbel Wischers Haus war auch zu Weihnachten voll. Denn die eigene Familie war zu Gast. Fünf Enkel und ein Urenkelkind gehören dazu. Alle unterstützen die Mutter. Das war schon so, als sie sich um den Mosambikaner Raschid kümmerte. Zu DDR-Zeiten gehörte der in Staßfurt lebende Junge quasi zur Familie. Als er mit der Wende zurück in seine Heimat musste, kümmerten sich Wischers weiter um Raschid, einmal kam er sogar für ein paar Tage nach Schönhausen. Dank des Geldes aus Deutschland konnte er in würdigen Verhältnissen leben, sogar studieren. Doch vor wenigen Monaten gab es schlechte Nachrichten aus Afrika: Raschid ist gestorben. Unter welchen Umständen, ist nicht bekannt. Berbel Wischer hatte keine Antwort mehr auf ihre E-Mails bekommen und dann nur die Nachricht, dass er auf der Reise zu seiner kranken Schwester verstorben und bereits beerdigt ist.

Warum sie sich so sehr in der Flüchtlingshilfe engagiert? „Ich hatte schon immer eine soziale Ader“, sagt die 67-Jährige, die mit Leib und Seele Grundschullehrerin gewesen ist. Im Gemeinderat ist sie ebenfalls tätig, auch hier sind es die Kinder und Jugendlichen, für die sie sich besonders einsetzt. „Es macht mir einfach Freude, zu helfen. Die Flüchtlinge müssen integriert werden, nur so können wir gut miteinander leben. Es ist schön, die Kinder so unbeschwert zu sehen“, blickt sie zu den drei Plätzchenbäckern, die gerade viel zu viele Streusel auf den Plätzchen verteilen.