Havelberg l Im Jahr 2019 steht die Jahreszahl 200 nicht nur für den Geburtstag des in Neuruppin geborenen Heimatdichters Theodor Fontane – in dessem Geburtsjahr 1819 wurde auch das Havelberger Domkapitel aufgelöst. Ein Grund für den Geschichtsverein, seine Mitglieder mal wieder in die „Wiege der Prignitz“ nach Havelberg zu laden.

Anlässlich des Jubiläums fungierten auch der Heimatverein der Domstadt und die Arbeitsgemeinschaft für Kirchengeschichte der Prignitz als Ausrichter. Vorsitzender der AG ist Fred Sobik aus Königsberg in der Ostprignitz, er referierte nach dem Mittagessen über die Dorfkirchen unter dem Patronat des Domkapitels.

Rückblick auf 20 Jahre

Den ersten Vortrag hielt Uwe Czubatynski – er hielt einen kurzen Rückblick auf die 20-jährige Vereinsgeschichte. Das Gründungsdatum ist leicht zu merken – es war der 9. September 1999. Mit dabei waren elf Gründungsmitglieder – mit Uwe Czubatynski war nur noch einer jetzt in Havelberg dabei, alle anderen – wie der Stellvertreter Professor Bernhard von Barsewisch – konnten wegen Krankheit oder aus Altersgründen nicht anreisen.

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Der Verein förderte diverse Projekte wie jetzt die Infotafeln am Schloss Wolfshagen. Auf dem Jahresplan stehen zudem die beiden Tagungen an wechselnden Orten sowie Exkursionen, welche unter anderem zum Hünengrab Mellin, nach Putlitz oder Meyenburg führten.

Die nächste Tagung ist am 4. April 2020 in Perleberg, wobei auch wieder ein neuer Vorstand gewählt werden muss. Aktuell hat der Verein 113 Mitglieder – darunter ist auch der Heimatverein Havelberg.

Schwerpunkt sind Publikationen

Ein Schwerpunkt des Prignitzer Geschichtsvereins ist die Herausgabe von Publikationen, im nächsten Jahresheft wird eine Bachelor-Arbeit über Perleberg im Dreißigjährigen Krieg abgedruckt. Finanziell gefördert wurden ferner zwei Bücher über die Dombaugeschichte – mit Dr. Joachim Hoffmann aus Fell an der Mosel war einer der Autoren anwesend.

Der Autor berichtete im Anschluss über die verschiedenen Bauformen des Havelberger Marien-Domes. Seine Dissertation über die Baugeschichte des Havelberger Domes wurde 2012 als Buch herausgegeben und kann im Museum erworben werden. Sowohl der Förderverein des Museums als auch der Geschichtsverein förderten das Projekt.

Rentamt wickelte das Stift ab

Mit der Auflösung des Domkapitels geriet der Dom auch in den Blick der Geschichtsforscher. Das Stift wurde 1819 dem Königlichen Rentamt unterstellt, Säkularisationskomissar Professor Johann Büschig beschrieb erstmals den Dom. Er reiste von Rathenow aus an und beschrieb die Landschaft mit Heidekraut und Gebüsch als „zurückschreckende Einöde“.

Den Dombezirk umgab damals noch die schützende Mauer, über dem Eingang des Domes befand sich das Relief mit der Anbetung der Heiligen Könige. Den Lettner bezeichnte der Professor als „Scheidewand“, der Chor beschränkte den Blick ins Kirchenschiff.

Herbe Kritik am Zustand der Glasmalereien

Herbe Kritik wird am Zustand der Glasmalereien geübt, sie hatten sehr gelitten. War durch den Wind ein Stück herausgefallen, wurde das Fenster nicht gleich repariert – und wenn doch, wurden die Segmente oft falsch eingesetzt. Kinder spielten zudem mit herumliegenden Stücken.

Dank der Forschungen des damaligen Doktoranden wurden auch einige sich lange haltende Fehleinschätzungen zum Dom ausgeräumt. So konnten zum Beispiel keine Teile von einem Vorgängerbau aus dem 10. Jahrhundert nachgewiesen werden. Dazu passt der Fund eines Rüstholzrestes in der unteren Fassade: Es stammte aus dem 12. Jahrhundert. Das Datum passt zur Bautätigkeit in den Jahren 1150 bis zur Weihe im Jahre 1170.

Vorbild für den Umbau im 13. Jahrhundert – dieser war nach Brand und Schändung erforderlich – war die Liebfrauenkirche in Magdeburg. Spätestens 1290 wurde er neu geweiht, 1311 wurde das Chordach errichtet und 1330 der Hochaltar geweiht.

Typologisch ist der Havelberger Dom mit keinem anderen Bau des Prämonstratenser-Ordens vergleichbar. Einzigartig ist auch sein Grundriss. Der Westturm besaß vormals einen Zinnenkranz, welcher im 13. Jahrhundert mit einer Glockenstube überbaut wurde. Die Dächer waren versetzt, wie man einer Zeichnung von Merian entnehmen kann. Ergo gibt es keinen Bau, welcher mit dem Marien-Dom verglichen werden kann.

Über das Ende des Havelberger Domstiftes – der 200. Jahrestag war der Anlass zur Tagung – informierte anschließend Museumsleiterin Antje Reichel. Mit dem königlichen Edikt vom 30. Oktober 1810 wurde auch das Ende des Havelberger Domkapitels eingeläutet. Grund war die Besetzung Preußens durch Kaiser Napoleon – um die Kontributionszahlungen an Frankreich aufbringen zu können, mussten kirchliche Besitztümer verkauft werden.

Das Domstift besaß laut seinem Hausbuch von 1748 zu jener Zeit insgesamt 400 Hufen Land – umgerechnet waren das 3040 Hektar. Das Domkapitel bestand aus acht in Havelberg residierenden Majoren und fünf weiteren Domherren. Hinzu kamen acht Bedienstete und 13 weltliche Angestellte wie Oberpfarrer, Diakon und Rektor beziehungsweise Syndikus, Ökonom, der für die Fischerei zuständige Tokieper oder der Flötenwärter, welcher die Fähre beaufsichtigte. Bis zur Reformation hatten 48 Kirchen zum Kapitel gehört, darunter Sandau, Wittstock und Perleberg.

Um 1800 waren etliche Umbauten im Gange, 1790 entstand eine Gerichtsstube, der Paradiessaal wurde anders strukturiert und die Domschule entstand. Und zwar ganz modern als Industrieschule, wo Handarbeiten gelehrt wurden.

„Frieden von Tilsit“ besiegelte Ende

Der am 9. Juli 1807 von Preußen mit Frankreich geschlossene „Frieden von Tilsit“ schrieb den Preußen enorme Entschädigungen vor, weshalb 1810 das Edikt zur Verstaatlichung des Kirchenbesitzes vom preußischen König unterzeichnet wurde. In Havelberg gab es gegen die Auflösung erhebliche Widerstände, ein reger Schriftverkehr setzte ein, doch es half alles nichts: Am 20. April 1819 wurde das Stift aufgelöst, ein Rentamt übernahm dessen Abwicklung. Letztendlich erzielte der preußische Staat aus dem Verkauf der Liegenschaften Einnahmen in Höhe von umgerechnet 1,2 Millionen Euro. Die Domherren wurden natürlich entschädigt.

Der deutsche Staat zahlt der Kirche dafür noch immer Entschädigung: Allein in Sachsen-Anhalt fast 40 Millionen Euro im Jahr.