Protest

Krankenschwester aus Havelberg entdeckt die Revolutionärin in sich

Sie ist Krankenschwester mit Leib und Seele. Seit Bekanntwerden der Schließungspläne für das Krankenhaus in Havelberg hat Sandra Braun gezeigt, dass auch eine Revolutionärin in ihr steckt.

Von Andrea Schröder
Sandra Braun kämpft seit Januar 2020 für die Gesundheitsversorgung in Havelberg. Oft dabei ist Enkel Helge, der  bei den zig Donnerstags-Demos auf dem Domplatz das Laufen gelernt hat.
Sandra Braun kämpft seit Januar 2020 für die Gesundheitsversorgung in Havelberg. Oft dabei ist Enkel Helge, der bei den zig Donnerstags-Demos auf dem Domplatz das Laufen gelernt hat. Foto: Andrea Schröder

Havelberg/Schönfeld - Den Schwesternkittel hatte Sandra Braun lange nicht mehr getragen, bevor sie Anfang Mai an ihrer neuen Arbeitsstelle begann und nun wieder hauptsächlich ihrer eigentlichen Berufung nachgeht. Demonstrationen vorbereiten und leiten, Petitionen schreiben, Interviews geben, Plakate entwerfen, mit Politikern und Verantwortlichen aus dem Gesundheitsbereich verhandeln – seit 10. Januar 2020 standen plötzlich andere Aufgaben im Vordergrund als jene, weshalb sie 1982 ihre Ausbildung zur Krankenschwester begonnen hatte und mit denen sie seither am Krankenhaus Havelberg betraut war. Die Schließungspläne wurden an jenem Tag öffentlich bekannt. Und Sandra Braun entdeckte die Revolutionärin in sich.

„Wir konnten im Januar 2020 überhaupt nicht einschätzen, was auf uns zukommt. Wir hatten uns bis dahin sicher gefühlt in unserem Krankenhaus, hatten nicht damit gerechnet, dass es geschlossen werden könnte. Uns wurde immer gesagt, uns kann hier nichts passieren. Die Lage schützt uns. So lange es keine Brücke, sprich Verbindung zur Altmark rüber gibt, sind alle Wege zu lang“, denkt die 55-Jährige zurück. Sie war die Vorsitzende des vierköpfigen Betriebsrates des Krankenhauses. Als Erstes organisierten sie eine Versammlung der Belegschaft, in der die KMG-Leitung die Karten auf den Tisch legen sollte – die Mitarbeitenden hatten durch die Medien und nicht vom Arbeitgeber von den Schließungsplänen erfahren. „An eine Demonstration haben wir erstmal gar nicht gedacht. Schwester Karola Schulze und Rosi Busse aus Kamern ergriffen die Initiative dafür. Es waren die richtigen Leute da, die sich einig waren: Das lassen wir uns nicht gefallen“, denkt Sandra Braun an die Anfänge zurück. Zur ersten Großdemo am 20. Januar 2020 kamen rund 600 Leute vors Krankenhaus.

In der Zeit des Protestes viel gelernt

Gemeinsam vor allem mit der stellvertretenden Betriebsratsvorsitzenden Anke Görtz, mit der sie noch heute ein gutes Team in dem im Herbst gegründeten Verein „Pro Krankenhaus“ bildet, weiteren ehemaligen Kolleginnen und engagierten Menschen kämpft die Schönfelderin unentwegt zunächst für den Erhalt des Krankenhauses und seit der Schließung im September für eine Alternative, die eine vernünftige medizinische Grundversorgung an sieben Tagen in der Woche rund um die Uhr mit stationären Betten sichert. Aufgeben stand nie zur Debatte, auch wenn dieses Auf und Ab der Gefühle nicht einfach zu verkraften ist. „Irgendwie habe ich schon immer gespürt, dass mir Klassenkampf liegt, dass ich zur Revolution tauge“, schätzt sie heute nach all den Erfahrungen ein.

„Als Krankenschwestern haben wir einen Blick für die Menschen und können einschätzen, von wem wir was zu erwarten haben. Wir haben viel gelernt in dieser Zeit. Zum Beispiel, dass die Politik oft nicht ehrlich ist und versucht, sich rauszureden. Wir waren ja erst kurz als Betriebsrat zusammen, hatten noch nicht viele Weiterbildungen. Der Kampf ums Krankenhaus war unser großes Praktikum.“ Über Monate ging es neben der Frage zur Zukunft der medizinischen Versorgung in Havelberg auch um die Absicherung der Kollegen, von denen viele über Jahrzehnte im Krankenhaus gearbeitet haben. Zahlreiche Verhandlungen zum Sozialplan waren dafür erforderlich.

Bis zum Sommer, als der Landrat verkündete, dass es seiner Einschätzung nach kein Krankenhaus mehr in Havelberg geben würde, waren sie noch viele. Dann blieb ein harter Kern über, der noch heute weiter kämpft. „Da hatte sich das Blatt gewendet. Manches Mal haben wir gezweifelt. Depressive Phasen sind da normal. Aber uns war immer klar: Hinschmeißen geht nicht. Irgendein Ziel müssen wir erreichen.“ Das zieht Sandra Braun weiter durch, auch wenn sie seit Anfang Mai als Praxisanleiterin im Krankenhaus Rathenow und damit wieder in ihrem Beruf arbeitet. In Havelberg war sie die letzten drei Jahre als Praxisanleiterin tätig, zuvor 20 Jahre als Mentorin. Jetzt ist alles neu in der Ausbildung der Gesundheits- und Krankenpfleger. Die Klinik kennenlernen, die Kollegen – ein wenig Bauchschmerzen hatte sie schon vor ihrem ersten Arbeitstag in völlig neuer Umgebung. Bei der Donnerstags-Demo Ende April dankten ihr die Mitstreiter und treuen Wegbegleiter für ihr Engagement auch mit Blumen. „Das waren aufregende Monate. Zeit zum Luftholen hatte ich nicht.“

Aufmundernde Sätze in der WhatsApp-Gruppe

Sie ist der Ruhepol, denkt lieber noch mal über das, was zu tun ist, nach. „Man muss auch mal still halten können. Und es hat sich bewahrheitet, dass alles nicht so heiß gegessen wird, wie es gekocht wird.“ Auch mit Freundlichkeit lässt sich viel erreichen. „Meine Mutti hat immer gesagt, mit wem du im Krieg bist, schüttel ihm die Hände.“ Sandra Braun lässt nicht locker, sagt genau, was sie will. Als Kurzschläferin ist sie manche Nacht aufgestanden, hat sich Notizen auf einem Zettel gemacht oder Gedanken ins Handy gesprochen. Überhaupt hat die neue Technik dazu beigetragen, Verbindungen zu halten. In die WhatsApp-Gruppe der Mitstreiter hat sie manche aufmunternde Sätze geschrieben, um den Kampf um die Gesundheitsversorgung weiter zu führen.

„Vor dem 10. Januar 2020 hatten wir von Krankenhausschließungen bewusst nie etwas gehört. Jetzt wissen wir, dass jedes Jahr Krankenhäuser geschlossen wurden. Auch den Krankenhaus-Strukturfonds kannten wir nicht. Insoweit hat sich unser Horizont auch in politischer Hinsicht enorm erweitert. Wir wissen jetzt um die Zusammenhänge gut Bescheid. Welche Rolle Lobbyisten, Bertelsmann-Stiftung und ähnliches spielen, ist einem jetzt bewusst. Man hat dafür feine Antennen entwickelt. Auch die Menschen, mit denen wir ins Gespräch kommen, sind hoch erstaunt, dass der Staat die Schließung von Krankenhäusern fördert. Wer hält sowas auch für möglich? Die Augen haben uns vor allem die jungen Leute geöffnet, die Bündnispartner, die immer und immer wieder dieses Thema aktivieren. Diese jungen Leute machen das wirklich aus Überzeugung.

Ihnen sind Geld und Macht nicht wichtig. Dass wir in unserer Situation auf solche Menschen getroffen sind, ist nur ein Gewinn für unser Leben. Das sehen meine Vereinsmitglieder genauso. Ich denke, auch die Demo-Teilnehmer waren immer recht beeindruckt, wenn zum Beispiel Christopher oder Luca vor ihnen gesprochen haben. So viel Ehrlichkeit und Elan könnte die Politik gut vertragen.“

Kraft geschöpft hat Sandra Braun auch aus ihrer Familie. Tochter Juliane und Enkel Helge begleiten sie oft bei den Demos und jüngst auf dem Pilgerweg zum Sozialministerium in Magdeburg. „Viele Leute haben am Anfang gedacht, dass wir nur unsere Arbeitsplätze retten wollen. Doch wir wollen was für die Allgemeinheit erreichen. Das ist unsere Motivation. Deshalb lassen wir auch nicht nach. Druck auf die Politik ist wirklich nötig“, bleibt sie revolutionär.