Schönhausen l „Sensible Uferbereiche“ – dieser Begriff findet sich im neuen Entwurf zur Natura-2000-Verordnung des Landes erstmals. Darum ist er gelb unterlegt, denn nur dazu kann ab sofort eine Stellungnahme abgegeben werden. Die Vorschriften dazu haben es allerdings in sich: Vom 15. April bis 31. Juli würde – wenn der Entwurf so bleibt – dort niemand mehr ans Elbufer gelangen. Es ist Brutzeit.

Diese sensiblen Bereiche grenzen überall dort, wo es keine Schutzzonen gab, an die Zuwegungen zur Elbe. Auch an den drei einzigen öffentlichen Elbzugängen zwischen Schönhausen und Sandau – den Fährstraßen in Sandau und Neuermark-Lübars sowie der Panzerüberfahrt Hohengöhren. Also an den einzigen Stellen, wo man noch mit einem Fahrzeug bis an die Elbe heranfahren könnte.

Doch auch Fußgänger und Radler haben das Nachsehen, denn an den Feldwegen sind im Entwurf ebenfalls solche sensiblen Uferbereiche ausgewiesen – oder aber die höherwertigen Schutzzonen.

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Die sensiblen Uferbereiche umfassen laut Entwurf „die Fläche von der sichtbaren Wasserkante der Elbe bis zur landwirtschaftlichen Nutzungsgrenze landeinwärts“. Ist eine solche nicht vorhanden, „bildet die Böschungsoberkante auf Höhe der Beschilderung der Elbekilometer die Grenze“.

Anfüttern und Bau von Stegen verboten

Am meisten von der neuen Regelung betroffen sind die Angler. Hieß es im ersten Entwurf noch, dass bis zum 30. Juni in geschützten Zonen nicht geangelt werden darf, soll dieses Verbot in den sensiblen Uferbereichen nun bis Ende Juli gelten. Gruppenveranstaltungen sind trotz der vielen Hinweise der Angler auch weiterhin tabu, ebenso das Anfüttern sowie der Bau von Stegen.

„Unsere bei vielen Gesprächen vorgetragenen Einwände wurden beim neuen Natura-2000-Entwurf überhaupt nicht mit berücksichtigt – ganz im Gegenteil wurden die Vorschriften für uns sogar noch verschärft“, ist Bernd Witt, der Vorsitzende des Schönhauser Angelvereins, stinksauer.

Beim Lesen des neuen Entwurfs schrillten bei ihm alle Alarmglocken, am Donnerstagabend fand im Vereinsheim der Schönhauser Petrijünger eine eilig einberufene Krisensitzung statt.

„Mit diesem neuen Entwurf kann ich nicht leben, unser Hobby wird dadurch sehr stark eingeschränkt“, ärgert sich Bernd Witt. Seit 2012 habe er sich mit dem Thema als damaliger Verbandsbürgermeister befassen müssen, seit zwei Jahren wurde über den Entwurf in ungezählten Gesprächsrunden und Versammlungen diskutiert – und nun dieses für die Angler üble Ergebnis!

Eigentlich war man sich schon einig

Zum Krisentreffen gekommen war auch Hartmut Glock, der Präsident des Landesverbandes Deutscher Sportfischer (VDSF). Er war erst im Frühjahr in Brüssel beim EU-Parlament gewesen und hatte dort gesehen, dass die Vorgaben der EU für Natura-2000-Gebiete auf einem DIN-A 4-Blatt Platz fanden. Die Vorschriften des Landes Sachsen-Anhalt nehmen hingegen 800 Seiten in Anspruch.

„Wir Angler selbst sind mit die besten Naturschützer“, meinte Hartmut Glock. Der VDSF setzt sich unter anderem auch für Renaturierungen und den Gewässerschutz ein – mitsamt der angrenzenden Natur.

„Eigentlich waren wir schon so weit, dass wir mit dem Entwurf leben konnten – und nun wurden alle unsere Hinweise einfach ignoriert!“ ist auch Eckhard Habiger vom Schönhauser Verein entrüstet. Man hatte sich mit den amtlichen Naturschützern vom Hallenser Landesverwaltungsamt unter anderem geeinigt, gewisse Areale am Elbufer zu schützen und auch die Schonzeiten von Hecht und Zander anzugleichen. Er fühlt sich jetzt von den Hallensern hintergangen. Der VDSF sei ein anerkannter Naturschutzverband, den könne man doch nicht so einfach ignorieren. Als Beispiel für die Naturschutzarbeit verwies der Schönhauser darauf, dass die Angler beim jüngsten Arbeitseinsatz erst wieder 40 Säcke Müll an ihren Pachtgewässern eingesammelt hätten.

Bei den Zusammenkünften zum ursprünglichen Natura-2000-Entwurf wurden eindeutige Absprachen getätigt und sogar protokolliert, ergänzte Andreas Schlüter, der Vorsitzende des Landesfischereiverbandes. Er dachte, die gelb gefärbten Textpassagen im neuen Entwurf seien die Änderungen, doch die stehen gar nicht drin. Die Angler sollten prüfen, ob sie nun womöglich rechtliche Schritte einleiten. Ansonsten könne es passieren, dass man seinem Hobby künftig nur noch an einer Kaimauer nachgehen könne.

Im Elbe-Havel-Land mit seinen 32 Kilometern Elbe gibt es laut neuem Entwurf allein acht sensible Uferzonen sowie acht große Schutzzonen, informierte Fischermeister Gernot Quaschny aus Hohengöhren. Das größte Problem für die Angler dürfte nun das Herankommen ans Gewässer werden. Ausgerechnet an den drei öffentlichen Zugängen grenzen Schutzzonen an. Warum muss man ausgerechnet neben einer viel befahrenen Fährstraße einen sensiblen Bereich ausweisen? Schutzzonen sollten seiner Überzeugung nach überall dort eingerichtet werden, wo Ruhe herrscht.

Neuer Entwurf grenzt den Menschen aus

Der neue Entwurf ist fernab der Realität, der Mensch bleibt außen vor, waren sich Angler und Jäger in der Schönhauser Runde einig. Schließlich seien Tourismus und Fischerei in der strukturschwachen Elbe-Havel-Region auch wichtige Wirtschaftsfaktoren. Außerdem fehlen noch immer die Durchführungsbestimmungen und Erläuterungen.

 

Vom 9. August bis 10. September sind in den betroffenen Verbands- und Einheitsgemeinden ausgewählte Karten und Verordnungsdokumente erneut öffentlich ausgelegt. Gelb unterlegt sind Passagen, zu denen eine Stellungnahme abgegeben werden kann. Das muss bis zum 25. September erfolgen. Der Entwurf ist unter „www.natura2000-lsa.de“ auch im Internet einsehbar.