Elbe-Havel-Land l In Sandau und im benachbarten Elbdorf Schönfeld brachte früher nicht nur der Osterhase den Kindern die bunten Eier, sondern auch der „Ostervoss“, also der Fuchs. – Meister Reineke ließ sich schließlich häufiger im Dorf blicken als das scheue Langohr. An diesen Brauch aus seiner Kindheit erinnert sich Dr. Wilhelm Velten aus Schönfeld, der Senior ist 91 Jahre alt.

Im Mittelelbegebiet gab es damals sogar Redewendungen, die sich auf die „Fuchseier“ bezogen – so braun wurden die Ostereier übrigens durch Kochen in Zwiebellaub. Verlangte jemand Unmögliches, bekam er zur Antwort, dass er wohl von „Fosseiern dröme“. Und ein Besserwisser wurde mit „du hesst wohl Fosseier gefreten“ zurechtgewiesen.

Osterwasser holen

Der Schönfelder Senior kennt auch die Tradition des Osterwasserholens, in Schönfeld geschah dies am Priestergraben. Das Wasser durfte von den Mädchen im heiratsfähigen Alter nur einem Fließgewässer – und zwar gegen die Strömung – entnommen werden. Dabei durfte der Wind nur von Ost nach West wehen, heißt es in einem alten norddeutschen Sagenbuch über die selbe Tradition im Elbdorf Neuermark.

Dem in aller Herrgottsfrühe entnommenen Osterwasser wurde schönheitsfördernde Wirkung nachgesagt – allerdings nur, wenn beim Wasserholen kein Wort gesprochen wurde. Und schaute das Mädchen ganz genau in dieses Wasser, konnte es in dem Bottich sogar seinen zukünftigen Ehemann erkennen …

Farben für die Tage

Bunt waren nicht nur die versteckten Eier, auch die Ostertage erhielten teils Farbe: blauer Montag, gelber Dienstag, weißer Mittwoch, grüner Donnerstag, stiller Freitag und trubliger Sonnabend – schließlich war Kuchen zu backen.

Noch 1952 wurde in Kamern und den Dörfern der Umgebung der Karfreitagsgang der Jugend hoch in die Kamernschen Berge zelebriert. Ziel war der Frau-Harke-Berg – die sagenhafte Namensgeberin hatte in den Bergen als Riesin gehaust. Geheimnisvolle Wege führten durch das Reich dieser Frau Harke: Hellgrund, Diebessteig und Schäfertrift hießen sie. Höchste Erhebung war der Lärmstangenberg, dessen Name daher rührt, weil auf ihm früher in Notzeiten ein Alarmfeuer entzündet wurde. Dieses brannte in einem an einer langen Stange befestigten Fass.

Vom Diebessteig wird berichtet, dass dort in der Raubritterzeit die Räuber entlangschlichen, um den Kaufleuten auf ihrem Weg nach Rathenow aufzulauern. Zu finden ist in den mystischen Bergen übrigens auch die 80 Meter hohe Teufelskanzel: Zu Neujahr und Walpurgis versammeln sich hier die Hexen – und in grauer Vorzeit soll es eine Richtstätte gewesen sein.

In Kamern und Havelberg Eier getrudelt

In Kamern gibt es ebenso wie in Havelberg einen Eierberg, wo Ostern die Eier heruntergetrudelt wurden. Im Eierberg bei Havelberg ist laut einer Sage sogar ein goldener Bischofssarg zu finden – und zwar an jener Stelle, wo ein Ei beim Herabtrudeln plötzlich auf dem Hang liegenbleibt.

Die Kirche hatte Ostern als Feier der Auferstehung von Jesus Christus etwa im 4. Jahrhundert für sich entdeckt. In vorchristlicher Zeit war es ein Frühlingsanfangs- und Mondfest gewesen – noch heute fällt Ostermontag auf den ersten Vollmond nach der Tag-und-Nacht-Gleiche im Frühling, ist also frühestens am 22. März und spätestens am 25. April möglich. Der Karfreitag als Jesus’ Todestag ist für evangelische Christen der höchste Feiertag im Jahr.

Vor allem das Osterei ist Sinnbild der Fruchtbarkeit und des wiedererstehenden Lebens. Früher wurde es mit Naturmaterialien gefärbt: Zwiebelschalen machten es braun, Pappelkätzchen oder junge Roggenhalme färbten es grün. Lila wurden die Eier, wenn man sie mit einer Pflanze namens Kuhschelle färbte. Erhielten die Eier vorm Färben Zeichen mit Kernseife, blieben diese Stellen weiß. Die bunten Schalen wurden nicht einfach weggeworfen, sondern an der Türschwelle, im Garten oder auf der Wiese vergraben.

Eier als Sachleistung

Zu Ostern erhielt der Grundherr im Mittelalter Eier als Sachleistung für das gepachtete Land, Eier galten zeitweise gar als Berechnungseinheit für Zinsen und Pachten. Erste bemalte Eier stammen aus dem vierten Jahrhundert, sie wurden in Gräbern der Germanen gefunden.

Kamerns Jugend spielte mit Brautball

Natürlich schrieb man in germanischen Zeiten den Farben auch eine gewisse Bedeutung zu: Ein blaues Ei war der Totengöttin Hel geweiht und brachte Unglück, ein rotes hingegen bedeutete drei Tage Glück – es war dem Donnergott Thor geweiht, die gelben waren der Ostara gewidmet.

Die „Norddeutschen Sagen“ berichten über einen Osterbrauch aus Kamern: „Fast überall in Norddeutschland findet zu Ostern ein Ballspiel statt. In Camern bei Sandau an der Elbe ziehen zwei Sonntage vor Ostern die jungen Burschen allein und die Mädchen allein vor das Haus derer, die sich im vorigen Jahr verheiratet haben …“ Mit dabei haben sie die Kliese, eine Holzkugel und den gewaltigen Brautball aus Leder. Am zweiten Ostertag ziehen sie wieder dorthin und singen: „Grünlof, Grünlof! Pries öber alle. Düssen Sommer, düssen Sommer lewen de mäkens noch alle. Wir mahnen uns de Brudeball! Un wenn se uns den Ball nich gewen, denn will’n wi’n ihr verschenken – se soll da woll dran denken. Un is der Ball von Asche, so will’n wi uns woll waschen; un is der Ball von Golde, denn woll’n wir’n wol beholden; und wenn de Klocken klingen, denn will’n wi noch ens singen. Un wenn de Berge stille stehn, denn willen wir gleich weiter gehn. Adje, adje, adje!“

Das Ballspiel wird mit der Kliese gespielt, jeder versucht dabei den großen Brautball von seinem Loche aus zu treiben – und zwar so lange, bis dieser kaputtbricht. Laut Albert Freyhe wurde das Osterballspiel einst sogar in den Kirchen ausgetragen. Der Ball symbolisierte wohl die aufsteigende Sonne, das jüngste Ehepaar musste die Kosten des Spiels bestreiten – daher der Name Brautball. 1952 konnten sich Ältere in Kamern noch an jenes Spiel erinnern.

Wohl noch aus der Slawenzeit – diese siedelten im Elb-Havel-Land über einige Jahrhunderte – stammt die Osterfeuer-Sitte. Damit wurden die anderen Dörfer gegrüßt. Dazu wurde Brennholz gesammelt und um eine lange Stange oder einen Baumstamm aufgeschichtet. Auf dessen Spitze wurde ein Rad oder ein Teerfass befestigt – es leuchtete wie eine große Laterne.

Am Ostermorgen aß man auf nüchternen Magen einen großen Apfel, das sollte das Jahr über vor Sodbrennen bewahren. Mittags kam oft Lamm auf den Tisch. Jüngere Kinder gingen am Ostersonntag zu ihren Paten, um kleine Geschenke abzuholen. Zudem mussten der Garten umgegraben und das erste Gemüse angesät werden. Auf den Äckern fanden Feldweihen statt: Dazu wurden an jeder Ecke des Feldes heilige Kräuter wie Pfefferminze oder Schlüsselblume zusammen mit einer Kerze in den Boden gesteckt.

Die germanische Frühlingsgöttin Ostara soll Namensgeberin des Osterfestes gewesen sein. Das jedenfalls behauptete der Sprach- und Literaturwissenschaftler Jacob Grimm – bekannt waren die Gebrüder Grimm vor allem als Sagen- und Märchensammler – im 19. Jahrhundert. Er verwies dabei auf den englischen Kirchenhistoriker Beda Venerabilis (673 bis 735), in dessen Streitschrift „De temporum ratione“ folgendes steht: „Der Oster-Monat, heute als Passah-Monat bezeichnet, war früher benannt nach einer ihrer Göttinnen, welche Eostra genannt wurde, zu deren Ehren Feste in diesem Monat gefeiert wurden.“

In Norddeutschland sagte man „Paschen“

Die Bezeichnung Ostern war vor allem in Süddeutschland gebräuchlich. In Norddeutschland und Skandinavien wird Ostern über Jahrhunderte als „Paschen“ bezeichnet – abgeleitet aus dem hebräischen Passah-Fest. Der Leipziger Sprachwissenschaftler Theodor Frings führt die unterschiedlichen Bezeichnungen darauf zurück, dass im Mainzer Bischofsbereich des Bonifatius um 748 die angelsächsische Mission das Wort „Easter/Ostern“ als religiöses Fest durchsetzte. In der Kölner Kirchenprovinz wiederum fing das Jahr zu „pascua“ an, am 25. März zu Mariä Verkündigung.