Havelberg l Als Horst Boltze 1978 als damals Jüngster seinen Dienst als Rettungssanitäter in der Havelberger Rettungswache begann, gab es noch keinen Funk auf dem Barkas. Brachte er einen Patienten nach Magdeburg ins Krankenhaus, achtete er auf dem Rückweg in Schönhausen genau auf die Apotheke. Hing dort eine DRK-Fahne draußen, musste er anhalten und mit der Leitstelle in Havelberg telefonieren. „Dann gab es einen neuen Einsatz, um zum Beispiel einen Patienten von Klietz mit nach Havelberg zu nehmen“, berichtet der heute 63-Jährige. In den 40 Jahren seiner Dienstzeit hat sich viel geändert. Damals war der Rettungssanitäter oft allein auf dem Wagen. „Musste ein ­Patient per Trage ins Auto gebracht werden, fassten die Nachbarn mit an.“

Am Vormittag des Dreikönigstages ist es in der Rettungswache der Johanniter in Havelberg voller als sonst. Etliche Kollegen sind gekommen, um Horst Boltze zu verabschieden. „Er ist die gute Seele der Wache. Horst war immer bereit, Dienste zu übernehmen. Ich habe nie ein Nein von ihm gehört“, sagt der Rettungswachenverantwortliche Andreas Schulz. Als sehr bescheidenen, ruhigen und umgänglichen Kollegen hat ihn Sebastian Kempe, seit 1. Januar dieses Jahres Bereichsverantwortlicher für den Landkreis Stendal Nord, schätzen gelernt. „Dass jemand im Rettungsdienst so lange gesundheitlich durchhält und bis zum letzten Tag arbeitet, ist eher selten. Horst ist hier immer der Ruhepol gewesen, immer neutral, immer kollegial, fachlich sehr gut und hoch motiviert.“

Fahne kündete von neuem Einsatz

Als Horst Boltze angefangen hatte, gab es noch Acht-Stunden-Dienste, dann kamen zwölf Stunden, dann 24 Stunden. Ihm persönlich hätten die zwölf Stunden gereicht. Denn er wohnt in Sandau, hat keinen weiten Anfahrtsweg. Für Kollegen, die weiter weg wohnen, machen die 24-Stunden-Dienste von 7 bis 7 Uhr jedoch Sinn.

Dass er gesundheitlich so fit ist, liegt bestimmt auch daran, dass er stets mit dem Fahrrad zur Arbeit gekommen ist. Egal, ob es regnete oder schneite, Glatteis herrschte oder das Thermometer minus 15 Grad zeigte – Horst Boltze kam per Rad. Und immer pünktlich, egal wie schlecht die Witterungsverhältnisse waren. „Radfahren ist neben den täglichen Spaziergängen mit meinem Hund ein guter Ausgleich zur Arbeit“, sagt der Sandauer.

2497 Einsätze sind die Johanniter im Jahr 2018 im Bereich Havelberg gefahren. Davon hat Horst Boltze 230 absolviert. Das Territorium deckt den Altkreis Havelberg ab und es gibt die nachbarschaftliche Hilfe im Brandenburgischen, wenn zum Beispiel Einsätze im Glöwener Bereich zu fahren sind. Die Einsatzzahl liegt im Durchschnitt, sagt Sebastian Kempe. Der heiße Sommer hatte keine Auswirkungen. Offensichtlich hatten sich die Menschen in der Region gut darauf eingestellt.

Die Johanniter haben im Regionalverband Altmark in den Landkreisen Stendal und Salzwedel 160 Mitarbeiter im Rettungsdienst. Rettungswachen gibt es im Landkreis Stendal in Stendal, Kläden, Tangermünde, Tangerhütte, Osterburg, Seehausen und Havelberg. In der Hansestadt gehören 21 Notfall- und Rettungssanitäter zur Stammbesatzung der Rettungswache.

Pro Schicht sind ein Rettungstransportwagen mit einem Notfall- und einem Rettungssanitäter, ein Mehrzweckfahrzeug mit einem Notfall- und einem Rettungssanitäter, ein Notarzteinsatzfahrzeug mit Notarzt und Notfallsanitäter im Einsatz. Zudem wird der kassenärztliche Bereitschaftsdienst von einem Arzt und einem Rettungssanitäter in den Zeiten übernommen, in denen kein Arzt Sprechzeit hat. Dafür gibt es ein Zimmer in der Rettungswache in Havelberg und eines bei der Bundeswehr in Klietz – je nachdem, wo der diensthabende Arzt wohnt, wird es genutzt.

Möglichkeiten zur Beschäftigung

24 Stunden Dienst in einer Rettungswache können lang sein. Doch gibt es neben den Einsätzen, um gesundheitlich in Not geratenen Menschen zu helfen, genug zu tun. Da sind die täglichen Aufgaben wie die Kontrolle der Medikamente auf den Autos, Autos waschen und pflegen sowie Bäder und Küche säubern. „Wir haben Sportgeräte hier, um uns fit zu halten. Das ist wichtig, da wir auch viel heben müssen“, sagt Andreas Schulz. Buch lesen, sich weiter bilden, Fernseh gucken, Dart oder Tischtennis spielen sind weitere Beschäftigungsmöglichkeiten. „Langeweile muss nicht sein. Und es macht auch Sinn, sich mittags zum Schlafen hinzulegen, denn man weiß nie, wie viele Einsätze in der Nacht gefahren werden müssen.“

Für Horst Boltze ist das alles nun Geschichte. Jetzt hat er noch Urlaub. Am 1. Februar beginnt sein Ruhestand. Er freut sich auf Radtouren mit seiner Frau und darauf, den Garten zu genießen. Zu tun gibt es da natürlich immer was. Reisen zur Ostsee etwa kann er sich gut vorstellen. Seine Freizeit will er zudem mit seinem fünfjährigen Enkel nutzen, der übrigens auch schon gern Fahrrad fährt. Von seinen Kollegen erhielt er zum Abschied am Sonntag ein Geschenk. Eine zentrale Veranstaltung folgt noch. Zweimal im Jahr werden Ruheständler bei den Johannitern feierlich verabschiedet, berichtet Sebastian Kempe.