Fischbeck/Scharlibbe l Mehr geht nicht! In der Eberstation Fischbeck und in der Läuferaufzuchtanlage der Scharlibber Agrargenossenschaft gelten höchste Hygienevorschriften – nicht nur wegen der totbringenden Schweinepest, die aus Afrika nach Europa geschwappt und bereits in Deutschlands Nachbarländern Polen und Tschechien bei Wildschweinen aufgetreten ist. „Wohl nur eine Frage der Zeit, bis ...“ mag Frank Schirmer aus Scharlibbe nicht aussprechen, was man fürchtet. 7000 Schweine – Sauen und ihre Nachzucht – stehen in den Scharlibber Ställen. Dass die Pest direkt im Betrieb ausbrechen könnte, ist wegen der hohen Standarts zwar unwahrscheinlich. „Aber selbst wenn hier in der Nähe befallene Wildschweine gefunden werden und das Gebiet zur Sperrzone wird, hat das für uns verheerende Folgen.“

Kein Handel in Sperrzone

Denn Sperrzone heißt: Kein Handel mehr! Dabei verlassen einmal pro Woche die dann 70 Tage alten Läufer die Anlage, um in Mastbetrieben weiter zu leben. „Eine Woche könnten wir überbrücken, aber dann ist kein Platz mehr da“, spricht Frank Schirmer die größte Sorge an. Als im Juni 2013 nach dem Deichbruch die Anlage geflutet war, konnten mit Mühe und Not drei Wochen überbrückt werden, „aber auch nur, weil wir vorher noch schnell 2000 zu leichte Läufer verkauft und somit Platz hatten“.

Es gibt kaum noch mehr, was man tun kann, um den Betrieb vor dem Einschleppen von Krankheiten zu schützen. „Wir haben jetzt den Personenverkehr noch weiter eingeschränkt. Nur, wer wirklich muss – die Mitarbeiter und die spezialisierten Handwerker – kommen rein. An Besuche von Delegationen wie beispielsweise einer vitnamesischen Reisegruppe oder auch der Presse ist vorerst nicht mehr zu denken.“ Und wer in den Stall geht, muss das machen: ausziehen, duschen, Haare waschen, betriebseigene Arbeitskleidung anziehen. Alles, was mit rein muss aus dem Schwarz- in den Weiß-Bereich, muss durch eine Materialschleuse. Darin tötet UV-Licht Keime ab.

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Gereinigt und desinfiziert

Und noch mehr: Die Hochwasserschutzmauer, die die Anlage jetzt fast vollständig umgibt, hat einen Durchwühlschutz, auch durch den Zaun kommt kein Wildtier durch. Fahrzeuge, die unbedingt in den Betrieb müssen, durchfahren eine Desinfektionswanne. Die Fahrer, die die Schweine abholen, haben keinen Kontakt zu den Mitarbeitern, müssen sich aber dennoch vor Betreten der Verladerampe betriebseigene Stiefel und einen Overall anziehen. Überhaupt müssen die Fahrzeuge, in die die Läufer verladen werden, gereinigt und desinfiziert sein, „das ist bei unseren Partnern eine Selbstverständlichkeit“, so Frank Schirmer.

550 Eber

Das Sperma, das die Scharlibber Agrargenossenschaft für die Produktion der Ferkel benötigt, kommt auch aus dem 15 Kilometer entfernten Fischbeck. Die Eberstation gehört zur Genossenschaft zur Förderung der Schweinehaltung (GFS) mit insgesamt neun Stationen. Der Betrieb in Fischbeck wird seit zehn Jahren von Adriaan Dingemanse geleitet. 350 Eber stehen in Fischbeck, 200 in Kleinmangelsdorf. Nachdem die Anlage beim Deichbruch geflutet war – die Eber wurden gerade noch rechtzeitig evakuiert – läuft nach umfassenden Baumaßnahmen inzwischen wieder alles wie am Schnürchen. Der Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest in Deutschland wäre eine neuerliche Katastrophe. Anders als in Scharlibbe hätte der Fund eines betroffenen Wildschweines in unmittelbarer Nähe nicht ganz so gravierende Folgen. Zwar könnte der in der Sperrzone liegende Betrieb auch nicht mehr handeln und kein Sperma verkaufen – für die Eber wäre das aber nicht bedrohlich. „Allerdings weiß man nie, wie die Politik entscheidet und welche Festlegungen getroffen werden“, will Adriaan Dingemanse nicht ausschließen, dass die sogenannte Keulung des Bestandes angeordnet wird.

Sogar die Brille wird gewechselt

Ein Ausbruch in der Anlage ist kaum vorstellbar, ist sie doch quasi hermetisch abgeriegelt. Natürlich gilt auch hier das Schwarz-Weiß-Prinzip: Ausschließlich die 15 Mitarbeiter und die GFS-eigene Tierärztin dürfen in die beiden Ställe, nicht einmal die Labormitarbeiter betreten den sensiblen Bereich. Sie müssen sich am Übergang vom Schwarz- in den Weiß-Bereich komplett entkleiden, duschen und betriebseigene Sachen anziehen, auch der Schmuck wird abgelegt. Brillenträger wechseln sogar die im Stall gelagerte Brille. Das Frühstück muss durch die UV-Schleuse, auf die Stulle darf nur Wärmebehandeltes, also keine Rohwurst wie Mett oder Salami, auch kein Rohkäse. Arbeitsvertraglich vereinbart ist, dass die Mitarbeiter zu Hause keine Klauentiere halten dürfen, denn auch so könnten Krankenheiten übertragen werden. Und ein kranker Eber bedeutet einen großen Verlust: Allein der Einkauf kostet 2000 Euro, 1000 Euro werden in Quarantäne ausgegeben.

Die Futtermittellieferanten kommen erst gar nicht auf das Gelände: beide Silos stehen direkt am zwei Meter hohen Zaun (mit Durchwühlschutz) in der Fährstraße. Sogar der Blaseschlauch zum Umfüllen des Futters, den der Lieferant eigentlich mitbringt, ist ein betriebseigener. Geliefert wird das Futter montagsfrüh – 48 Stunden lang hatte das Fahrzeug also keinen Kontakt zu einem anderen Schweinebetrieb.

Keimfrei aus der Quarantäne

Wenn die Eberstation neue Tiere kauft, kommen sie zunächst für bis zu acht Wochen in Quarantäne, um sämtliche Krankheiten auszuschließen. Dafür gibt es Ställe mit je 33 Plätzen in Wust und Kabelitz. Der Transport nach Fischbeck erfolgt in einem betriebseigenen Fahrzeug. Das ist mit einer UV-Anlage ausgestattet, um auch auf diesem Weg das Einschleppen von Keimen zu unterbinden. Der Mist aus den Ställen wird nicht auf keimfördernden Haufen gelagert, sondern in Schiffscontainern. Ist einer voll, holt ihn der benachbarte Landwirt ab, um ihn auf den Feldern zu verteilen.

Rund zwei Jahre bleiben die Eber der Fleisch-Rasse Pietrain in der Station. Verlassen sie diese, erfolgt das über eine am Rand des Betriebsgeländes liegende Schleuse, so dass der Viehhändler nicht in Kontakt mit dem Weiß-Bereich kommt.

Für den Stall in Mangelsdorf plant die GFS eine Luftfilteranlage, so dass sogar die Luft keimfrei ist. Bei der Schweinepest allerdings hat sie keine Auswirkung, denn die wird nur durch direkten Kontakt von Tier zu Tier übertragen.

Hoffen auf Impfstoff

Auch wenn er „nicht in Panik verfällt“, so macht sich Adriaan Dingemanse doch Sorgen, was in den nächsten Wochen und Monaten auf die Schweinezucht in Deutschland zukommt. „Unsererseits ist alles getan, was möglich ist.“ Er und Frank Schirmer sehen eine Chance in der Reduzierung der Wildschweinbestände und beim Sauberhalten von Rastplätzen an Fernstraßen oder Autobahnen hinsichtlich weggeworfener Lebensmittel. Diese eventuell kontaminierten Lebensmittel müssen vor dem „Zugriff“ durch Wildschweine und Ratten geschützt werden, um über diesen Weg die Ausbreitung zu verhindern Angebote zu Info-Veranstaltungen, die der Bauernverband organisiert, nehmen sie gern an, um die aktuellen Entwicklungen zu verfolgen. „Gut wäre ein Imstoff, den wir sofort einsetzen würden“, sagt Frank Schirmer. „Aber bis der entwickelt und einsatzbereit ist, vergeht Zeit – wohl zu viel Zeit.“

Die Pest könnte schneller in Deutschland sein.