Klötze l „Zum Plaudern sitze ich nicht da“, sagte Jörg Kägebein und zeigt auf seinen Direktoren-Schreibtisch. Wir machen es uns am Tisch davor bei einem Käffchen gemütlich. Kaum zu glauben: Jörg Kägebein, Leiter der Klötzer Sekundar- und Ganztagsschule, geht in Rente. Das können sich Lehrer und Schüler nur schwer vorstellen. Denn Jörg Kägebein ist die Sekundarschule, die Sekundarschule ist Jörg Kägebein.

Seit dem 1. August 1977 arbeitet der gebürtige Bützower (Mecklenburg-Vorpommern) als Lehrer. Das weiß er noch wie heute. „Ein Jahr war ich an der Kuseyer Schule mit der Zusage, für Klötze vorgesehen zu sein“, erinnert er sich. 16 bis 18 Schüler pro Klasse, das waren optimale Bedingungen für einen Neulehrer. „Denn, wenn man vom Studium kommt, ist man noch kein Lehrer“, weiß er aus Erfahrung.

Ab 1978 war dann die Klötzer Salvador-Allende-Schule Arbeitsort für Jörg Kägebein. Er unterrichtet Mathematik und Physik. „Mit 21 Jahren übernahm ich eine 5. Klasse“, berichtet er. Doch er konnte die Klasse nicht bis zum Abschluss führen: Er ist für eineinhalb Jahre zur Nationalen Volksarmee der DDR einberufen worden. Da kam der junge Lehrer nicht drumherum.

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Er wollte immer unterrichten

Wieder in Klötze, sollte er Erfahrungen in der Schulleitung sammeln. Das machte er von 1982 bis 1984. „Ich bin ein Mensch der Praxis. Ich wollte immer unterrichten“, betont Jörg Kägebein. Doch dazwischen stand ein Studium „Leitung und Organisation“ bis 1984 in Potsdam. „Das hat Spaß gemacht“, sagt Jörg Kägebein. „Ich hab‘ vieles gelernt.“

Als der damalige Schuldirektor Walter Martin sein Amt aus gesundheitlichen Gründen abgeben musste, wurde Kägebein mit 29 Jahren zum jüngsten Schulleiter berufen. Schon damals hatte er seine Prinzipien: „Der Schüler steht im Mittelpunkt, also die Pädagogik.“

Wer nun glaubt, die Karriere des Jörg Kägebein war damit vorgezeichnet und verlief glatt wie ein Kinderpopo, der irrt gewaltig. Es kam die politische Wende und der junge Schulleiter ist vom Kreistag abberufen worden. „Ich musste mich neu bewerben und bekam den Zuschlag“, erinnert er sich. Doch Ruhe kehrte damit in das Berufsleben des Klötzers nicht ein. „1991 ging es los mit den Schulreformen. Ich musste mich wieder neu bewerben.“

Jörg Kägebein bekam seinen Posten als Schulleiter wieder zugesprochen, ist aber im Jahr 2005 erneut abberufen worden. Auslöser war dieses Mal die geplante Fusion von Schulen. „Wir hatten 18 Sekundarschulen im Altmarkkreis und einen Überhang an Schulleitern“, erläutert Jörg Kägebein die damalige Situation. „Er ist deshalb „zu einem fachlichen Gespräch nach Magdeburg“ eingeladen worden. Schulräte des Landesverwaltungsamtes saßen ihm dabei gegenüber.

Ergebnis dieser Gespräche war eine Art Direktoren-Ranking. Jörg Kägebein bekam Ende Mai 2005 Bescheid: Er ist wieder Schulleiter und wird verbeamtet.

39 Jahre arbeitet Jörg Kägebein nun schon als Lehrer. Fast 2000 Schüler hat er unterrichtet, rund 1800 junge Menschen zum Schulabschluss begleitet. Ein Ergebnis, das sich sehen lassen kann. Viele ehemalige Schüler schickten inzwischen ihre eigenen Kinder zu ihm. Ob auch schon Enkel der ersten Schüler darunter sind, weiß er nicht genau. „Wäre aber möglich“, sagt er und lächelt.

Spaß am Knobeln mit Zahlen

Warum er gerade Mathe und Physik wählte, beschreibt Jörg Kägebein so: „Ich hatte schon immer Spaß am Knobeln mit Zahlen, am logischen Verknüpfen. Stur auswendig lernen, war nie mein Ding.“ Und hat er mal seine Berufswahl bereut? „Aus heutiger Sicht war es die richtige Wahl, ich habe es nie bereut. In der Regel hatte ich Freude an meiner Arbeit.“

Besonders gefallen habe ihm die Kommunikation mit Lehrerkollegen und Eltern der Schüler. „Das werde ich vermissen“, betont er, „diese Gespräche, die Suche nach Lösungen.“ Denn meistens hat Jörg Kägebein eine Lösung für Probleme gefunden. „Doch es gibt auch Grenzen, zum Beispiel das Schulgesetz“, räumt er ein.

Gut findet der scheidende Schulleiter das „System der Demokratie an der Schule mit der Gesamtkonferenz“ aus Vertretern des Schulträgers, der Lehrer, Eltern und Schüler. „Viele Ideen wurden dort geboren. Dadurch hatte ich es als Schulleiter manchmal leichter, manche Dinge durchzusetzen. Beispiel Handyverbot.“

Konzepte sind dort erstellt worden wie das zur Sanierung der Schule und zur Umwandlung in eine Ganztagsschule. „Als eine von acht Schulen im Land sind wir ausgewählt worden“, das mache ihn stolz. Jörg Kägebein setzte sich sehr für seine Schule und die Schüler ein. Manchem Funktionär trat er dabei zu sehr auf die Füße. Er selbst ist heute der Meinung, „manchmal ein bisschen viel gemeckert zu haben“.

Die Ganztagsschule hat sich seiner Ansicht nach bewährt. 23 Ortschaften umfasst der Einzugsbereich, „Wir haben viele Fahrschüler, die ihre Hausaufgaben hier zusammen machen. Schwächere helfen den Stärkeren.“ Das fördere das Zusammengehörigkeitsgefühl.

Besonders gern erinnert sich Jörg Kägebein „an den Fleiß des Kollegiums, den Mut zum Besonderen, an das Beantragen von Fördermitteln“. „Das alles wäre ohne das Kollegium nicht zu machen gewesen.“ Zu den schönen Dingen zählt er auch die Klassenfahrten, die Erfolge der Schüler und wenn sie einen Abschluss erreichten.

Doch es gibt Dinge, die Jörg Kägebein Sorgenfalten auf der Stirn wachsen lassen. Die Abschaffung der Förderstufe an den Schulen gehört dazu. „Die Laufbahnempfehlung kann es nicht schon nach der 4. Klasse geben“, erklärt er. „Das ist nach der 6. Klasse aussagekräftiger.“ Neun Schüler seien dieses Jahr vom Gymnasium zurückgekehrt. „Der reine Elternwille reicht nicht, damit die Kinder bestehen. Die Laufbahnempfehlung ist in eine Schieflage geraten“, sagt er. 70 Prozent der Schüler würden zum Gymnasium gehen. „Das ist Vergeudung von Steuergeldern“, macht Jörg Kägebein deutlich. Diese Schieflage führe zur Schwächung von Gymnasium und Sekundarschule, beide Schulformen würden leiden. „Aber das will man nicht wahrhaben.“

Mehr Zeit für den Schulleiter

Zudem wünscht sich Jörg Kägebein „mehr Einheitlichkeit in der Bildungslandschaft der Bundesländer. Das würde vieles einfacher machen. Einheitlichkeit, aber nicht Einheitsschule.“ Und: „Ein Schulleiter sollte mehr Zeit für seine Leitungsaufgaben bekommen. Stichwort: Asylbewerber.“

Das alles bewegt ihn sehr, das ist spürbar. Das wird ihn auch im Ruhestand nicht sofort loslassen. Der Ruhestand wird ohnehin „am Anfang komisch sein“, wie er sagt. „Aber ich habe Ziele: Sport treiben, meinen Garten. Ein Gewächshaus zum Pflanzenziehen habe ich schon aufgestellt.“ Darauf freut er sich. Und auf mehr Zeit für die Familie, den einjährigen Enkel Kai, Besuche bei den Eltern. Aufs Reisen und mehr. Jörg Kägebein: „Langeweile wird nicht aufkommen. Ich will weiterhin etwas bewegen.“

Lehrer und Schüler werden ihn vermissen. Absolventen der Schule schenkten ihm einen Stuhl mit der Aufschrift „Legende im Ruhestand“. Am Freitag ist er von allen Schülern und Lehrern in bewegenden Momenten verabschiedet worden. Da bleibt nur zu sagen: „Alles Gute, Jörg Kägebein.“