Ristedt l Klaus Pacholik ist nicht oft auf Fotos zu sehen. Er hält sich lieber bescheiden im Hintergrund auf. Und dennoch erregte er in den vergangenen Jahren mit seinem herausragenden Einsatz für die christlich-jüdische Verständigung große Aufmerksamkeit, die bis zu Menschen in den Vereinigten Staaten von Amerika reichte. Dafür bekommt er den Werner-Sylten-Preis von der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM).

„Ich war völlig überrascht, als ich davon erfuhr“, betonte Klaus Pacholik im Gespräch mit der Volksstimme. „Das hatte ich nicht im Blick und fragte mich, wie ich dazu komme.“ Eigentlich würde der von ihm initiierte Israel-Kreis den Preis erhalten müssen, denn nur zusammen mit ihm habe er das alles bewegen können.

Dass er neben der ehemaligen Magdeburger Dompredigerin Waltraud Zachhuber und dem Evangelischen Schulzentrum Mühlhausen einer der drei Preisträger ist, erfuhr er zuerst von Superintendent Matthias Heinrich, später aus einem Brief der EKM. „Erst danach beschäftigte ich mich mit dem Lebenslauf von Werner Sylten, dessen Namen der Preis trägt“, verriet Klaus Pacholik beeindruckt. „Da muss man innehalten. Sylten hatte ein pädagogisches Konzept erarbeitet, das ich großartig finde. Er unterrichtete Frauen und geriet als Jude mit den Nationalsozialisten in Konflikt.“ 1942 ist er umgebracht worden. Pacholik: „Wenn man das liest, kann man nur still werden und den Namen in Ehrfurcht nennen.“

Ehrfurcht vor jüdischen Ideen und jüdischem Leben zieht sich wie ein roter Faden durch das Leben von Klaus Pacholik. Er war es, der im Jahr 2013 zusammen mit dem von ihm gegründeten Israel-Kreis die erste Gedenkveranstaltung auf dem in Vergessenheit geratenen jüdischen Friedhof bei Klötze anregte. „Uns bubberte das Herz“, erinnerte er sich. „Die Polizei war dabei, weil wir nicht wussten, ob es Aktionen dagegen geben wird.“ Doch alles blieb ruhig. Inzwischen wird in jedem Jahr am 9. November auf dem jüdischen Friedhof an die Opfer der Pogromnacht der Nazis 1938 erinnert. „Heute ist der jüdische Friedhof hergerichtet sowie mit einem neuen Zaun und Gedenksteinen auch als solcher erkennbar. Nichts ist demoliert worden“, freute sich Klaus Pacholik.

Nachfahren aus den USA in Klötze

Als er 2012 erstmals von dem jüdischen Friedhof erfuhr, recherchierte er weiter. In ihm keimte bald die Idee, eine Gedenkveranstaltung für den wohl berühmtesten Sohn der Stadt Klötze, den jüdischen Chemiker Adolph Frank, zu organisieren. Dieser erkannte die Bedeutung von Kalisalz als Pflanzendünger. Frank gilt als Begründer der Kali- und Celluloseindustrie in Deutschland.

Für das Gedenken bot sich der 100. Todestag des großen Klötzer Bürgers im Jahr 2016 an. Klaus Pacholik schaffte es nicht nur, die Klötzer für eine große Gedenkveranstaltung zu gewinnen. Im Ergebnis seines Engagements ist auch an den weiteren Wirkungsstätten von Adolph Frank in Staßfurt und Berlin an den jüdischen Wissenschaftler mit Festakten erinnert worden. Sogar Nachfahren von Frank aus den USA und Großbritannien reisten nach Klötze und enthüllten eine Stele auf dem Platz, der den Namen ihres Ahnen trägt.

Beispiel für friedliches Miteinander

„Adolph Frank ist für mich das Beispiel schlechthin, dass Christen, Juden und Atheisten friedlich zusammenleben können“, erklärte Klaus Pacholik. Frank habe sich über seinen wissenschaftlichen Duktus hinaus in das gesellschaftliche Leben eingebracht. „Er war ein Mann, der immer auf Notlagen hin reagiert hat“, erfuhr Pacholik bei seinen Recherchen. „Jüdisches Leben hieß für ihn, zu helfen.“

Das Thema jüdisches Leben war für Klaus Pacholik bisher „immer irgendwie präsent“, wie er selbst sagte. Er holte interessante Gesprächspartner wie Johannes Guagnin vom Jüdischen Nationalfonds nach Klötze. „Er berichtete, dass in Israel immer innovativ gearbeitet werde. Machen Sie mal aus einer Wüste einen Garten, das machen die dort“, zeigte sich Pacholik beeindruckt. Was er in Gesprächen mit Guagnin erfahren habe, widerspreche „dem ständig an den Pranger gestellt werden. Das sollten wir überwinden“, wünschte sich Klaus Pacholik.

Doch woher kommt das ungewöhnlich große Engagement des evangelischen Pfarrers für den Dialog mit Juden? „Theologisch gesehen, berufen sich Christen auf Israel“, erklärte er. „Ohne Judentum hat der Baum keine Wurzeln.“ Und seine Motivation? „Ich bin ein Kind von Eltern, die nationalsozialistisch geprägt waren. Es galt nur Gehorsam oder Ungehorsam“, erinnerte Klaus Pacholik an seine Kinderzeit. Als er vom Holocaust erfuhr, begann bei ihm das Umdenken. „Ich wollte neu entdecken, was geschehen war. Ich schrieb mir auf die Fahnen, mich dafür einzusetzen, dass so etwas nicht wieder passiert.“

Großen Eindruck hinterließ bei Klaus Pacholik auch die Begegnung mit einer Überlebenden des Holocaust. „Sie hat Unleidliches erfahren müssen und strahlte nur Liebe aus“, erinnerte er sich an die Frau. Das alles wolle er in den Blickpunkt der Menschen rücken. Dankbar sei er, weil der frühere Klötzer Bürgermeister Matthias Mann und dessen heutiger Amtsnachfolger Uwe Bartels seine Ideen aufgriffen. „Für mich ist wichtig, dass weiterhin jüdische Themen aufgerufen werden“, betonte Klaus Pacholik. „Ich will den Menschen deutlich machen: Die jüdischen Wurzeln dürft ihr nicht vergessen. Ihr müsst wissen, woher ihr kommt.“

Der Preis, den der 78-jährige Klaus Pacholik bekommt, sei für ihn Ermutigung, „den eingeschlagenen Weg weiterzugehen – gegen die jüdischen Vorurteile, die sich wie Gift ausbreiten“.