Klötze l Es ist gar nicht einfach, in der chinesischen Hauptstadt Peking Straßenbahnen oder Busse zu finden, die auf der Linie 4 verkehren. Diese Erfahrung musste die Berliner Autorin und Journalistin Annett Gröschner machen, als sie in der Millionen-Metropole unterwegs war.

Das Fehlen der Vier hat einen einfachen Grund, wie die gebürtige Magdeburgerin bei ihrer Lesung in der Klötzer Stadt- und Kreisbibliothek erklärte. Der Aberglaube ist schuld: Denn das Wort für vier klinge im Chinesischen ähnlich wie das Wort für Tod. „In Asien ist das eine absolute Pechzahl, schlimmer als die 13 bei uns“, berichtete sie. Damit stand die Schriftstellerin vor einem Problem. Denn fahren musste sie unbedingt mit einer Linie 4. Der Titel ihres Buches, in dem sich Reportagen aus den Jahren 2003 bis 2016 finden lassen, verrät, warum das so ist. Überschrieben ist es mit „Die Städtesammlerin – Mit der Linie 4 an die entlegensten Orte der Welt“. In der Klötzer Bibliothek stellte Gröschner ihr Werk vor.

Neues Genre kreiert

Veranstaltet wurde der Abend in Zusammenarbeit mit der Klötzer Buchhandlung Metzing. Solche Kooperationen hatte es schon einmal gegeben, erklärte Buchhändlerin Ramona Metzing. Sie übernahm auch die Aufgabe, Annett Gröschner dem Publikum vorzustellen. Kreiert habe die Autorin ein neues Genre, das Dokumentation und Erzählung miteinander verbinde. „So erfahren wir nicht nur, in welchem Jahr die Linie 4 erbaut wurde“, leitete Ramona Metzing ein und ergänzte, dass auch von den Menschen erzählt wird, die mit der Linie fahren.

Vor einigen Jahren habe sie in Berlin damit begonnen, mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu fahren, um anschließend darüber zu schreiben, blickte Gröschner zurück. Immer da, wo Grenzen überschritten werden, etwa zwischen armen und reichen Stadtteilen, sei sie unterwegs gewesen. Dieses Konzept habe sie weiterverfolgt.

Gesittete Chinesen

Immer mit der Linie 4 – egal ob als Straßenbahn oder Bus. Und warum nicht die Linie 1 oder 6, fragte sie und gab die Antwort selbst, als sie aus ihrem Buch vorlas. Die Linie 4, so berichtete sie, sei die Linie ihrer Kindheit gewesen. Damals in Magdeburg, wo sie 1964 geboren wurde. In der Linie 4 habe sie gelernt, wie öffentliche Verkehrsmittel genutzt werden, dass man erst die Fahrgäste aussteigen lässt oder Schwangeren und Älteren einen Sitzplatz anbietet. Detailliert beschreibt Gröschner ihre Erinnerungen: An die Zahlboxen, die für 15 Pfennig eine Fahrkarte ausspuckten oder an die Leuchtreklame der Versicherung, die immer wieder die einfache Botschaft aufblinken ließ: „Versichert – Gesichert“.

Berichtet wird aber auch von einer Tour im ägyptischen Alexandria, mit der ältesten Straßenbahn Afrikas, wie Gröschner sagte. Das System dort sei nur etwas für Eingeweihte. Im ersten Wagen nehmen immer die Frauen Platz, die ungeniert tuscheln, mit den Handys spielen oder sich die gerade gekauften Dessous zeigen würden. Die Gleise seien alt, es gehe nur langsam vorwärts, weil sich die Bahn die Straße mit Autos und Lastwagen teilen müsse, die schon mal liegenblieben. „Fahrpläne sind sinnlos, die Bahn kommt, wenn sie kommt“, stellte die Autorin fest. Regeln werden missachtet: Es werde geraucht, der Fahrer bereite sich schon mal einen Tee. Fußgänger wechselten nur Bruchteile von Sekunden vor der Bahn die Straßenseite.

Im alten Bus durch Peking

Gesitteter geht es in Peking zu. Abgrenzungsgitter und -geländer würden die Massen an den Haltestellen lenken. Dispatcher hielten Ordnung in der Warteschlange. Die Busse und U-Bahnen seien sehr sauber. „Man könnte vom Fußboden essen, wenn es nicht unhöflich wäre.“ Am Ende fand sich in der Hauptstadt dann auch noch ein Ersatz für die fehlende Linie 4. Mit dem alten Doppeldecker-Schnellbus „T 4“ ging es auf Tour durch die Metropole.