Klötze l Normalerweise wäre die Klötzer Innenstadt seit ein paar Tagen gesperrt. Normalerweise hätten dort dutzende Schausteller ihre Geschäfte aufgebaut. Normalerweise würde heute der Martinimarkt beginnen. Aber was ist in Zeiten von Corona schon normal? Fakt ist, dass der Martinimarkt in diesem Jahr wegen der Pandemie ausfallen muss. Für alle, die sich darauf gefreut haben, ist das natürlich eine Enttäuschung. Ein harter Schlag ist die Absage aber vor allem für die Schausteller, die ohnehin schwere Zeiten durchmachen.

„Klötze ist ein fester Termin in unserem Jahreskalender“, sagt Sebastian Lorenz, dessen Vater Jürgen mit dem Riesenrad seit mehr als zehn Jahren zu einer Institution auf dem Martinimarkt geworden ist. „Wir wären gerne wieder nach Klötze gekommen. Der Martinimarkt ist lukrativ“, betont der Junior, der mit einem eigenen Riesenrad über die Lande zieht und sich über die wenigen Termine freut, die stattfinden.

Eine Absage gab es jetzt aus Spremberg, für den Weihnachtsmarkt in Schwerin gibt es eine Zusage, „aber ob das so bleibt, müssen wir abwarten. Ich traue dem Braten nicht“, sagt Sebastian Lorenz. Und genau das ist das Problem der Schausteller. „Wir können nicht planen.“

Um auf die Situation hinzuweisen und eine Lockerung bei den Corona-Beschränkungen zu erreichen, hat sich Sebastian Lorenz im Juli mit Tausenden Kollegen an einer Demonstration in Berlin beteiligt. Der Staat hilft zwar, „aber das ist ein Tropfen auf den heißen Stein“, klagt Sebastian Lorenz. Allerdings, einen Vorwurf will er der Politik nicht machen. Denn: „Eine Krise wie jetzt, die kann man nicht in allen Bereichen auffangen.“

Familie Lorenz hat beschlossen, sich nicht allein auf fremde Hilfe zu verlassen und setzt eher auf sogenannte „Pop-up-Parks“. Dabei handelt es sich um Ersatzveranstaltungen, die die größte Not der Schausteller lindern sollen und von ihnen oft auch selbst organisiert werden. Die Besucherzahl ist zwar begrenzt, „aber zumindest haben wir ein paar Einnahmen“, wie Sebastian Lorenz erklärt. Und: „Wir wollen arbeiten, nicht aufs Arbeitsamt.“ Er stellt fest: „Das ist eine schwierige Situation. Wirklich schwierig.“

Für Hans-Joachim Neutzsch, der mit seiner Jaguarbahn seit 1991 zu den Stammgästen auf dem Klötzer Martinimarkt gehört, ist das noch viel zu milde ausgedrückt. „Es ist eine schlimme Zeit“, sagt er. „Ich hatte fest mit Klötze gerechnet“, doch vor etwa vier Wochen bekam er von der Stadtverwaltung die Absage, verbunden mit der Empfehlung, sich für das nächste Jahr zu bewerben. Hans-Joachim Neutzsch, genannt „Jochen“, hofft inständig, dass das klappt. Am 28. Oktober 2021 wird er nämlich 70 Jahre alt. Gerne würde er auf dem Martinimarkt seinen runden Geburtstag und gleichzeitig seinen Abschied feiern.

Bereits seit fünf Jahren ist er Rentner, hat sein Auskommen. Doch für seine Kinder, die ebenfalls als Schausteller unterwegs sind, schwant ihm Böses. „Die haben enorme Anschaffungen getätigt, müssen Kredite tilgen.“ Aber wie soll das gehen? „Seit Corona haben wir keine Einnahmen, sind zur Untätigkeit verdammt“, berichtet Neutzsch. Jede Absage schmerzt, jene aus Klötze kann er noch irgendwie nachvollziehen. „Da ist es zu eng. Mit den Abständen lässt sich das nicht regeln. Würde man den Markt auseinanderziehen, ginge das Flair verloren.“

Für die Absage aus Klötze hat er Verständnis, für die Corona-Politik der Bundesregierung keineswegs. „Über die Grippe hat man nie ein Wort verloren, aber jetzt, bei Corona, spielen alle verrückt“, meint Neutzsch. Verärgert fügt er hinzu: „In die U-Bahn, in die Baumärkte, da dürfen die Leute rein, aber bei uns, und wir sind an der frischen Luft, wird alles verboten. Wo ist der Unterschied, wo ist die Verhältnismäßigkeit?“

Und: „Die gesamte Unterhaltungsbranche wird auf Eis gelegt, bekommt keine Unterstützung. Da geht es um die nackte Existenz.“ Besserung sei nicht in Sicht. „Auf Dauer hält das keiner durch. Die Pleitewelle ist vorprogrammiert“, ahnt Neutzsch, der allen rät, sich weiter auf „harte Zeiten“ einzustellen. Denn: „Dieses Virus verschwindet ja nicht einfach. Normalität wird erst in sechs, sieben Jahren wieder einkehren. Wenn überhaupt.“