Quarnebeck/Walton l „Quiet please.“ Ludwig Lenz bittet um Ruhe. Sein Handy klingelt. Am anderen Ende der Leitung: Papa Andreas, Mama Karin und Schwester Mathilda. Zwischen ihnen liegen mehrere tausend Kilometer. Während Ludwig in den USA gerade eine Mußestunde mit seinen Gastgeschwistern Brennan (12), Maleigh (8) und Oaklee (5) verbringt, ist über Quarnebeck der Abend hereingebrochen. Und seine Eltern wollen einfach mal erfahren, wie es ihrem Sprößling geht.

Vermisst deutsches Brot

Dem geht es gut. Er hat schulfrei. Es liegt Schnee, die Straßen sind vereist und es ist bitterkalt. Der Zeitunterschied zu Deutschland beträgt sechs Stunden. In Quarnebeck ist es 18 Uhr, in Walton (Indiana) steht der Zeiger auf zwölf. „Wir schieben uns gleich eine Tiefkühlpizza in den Ofen“, kündigt Ludwig an. „Das Essen ist der größte Unterschied“, sagt der 15-Jährige. „In den USA ernähren sich die Leute vor allem von Fast Food“, Fertiggerichten. Und Sandwich. „Am meisten vermisse ich deutsches Brot“, bekennt Ludwig. Außerdem leugnen die Amerikaner den Klimawandel. Und den Müll trennen sie auch nicht, ist ihm aufgefallen. Ansonsten fühlt er sich bei den „Yankees“ aber pudelwohl.

Gymnasiast will vor allem sein Englisch verbe

Seit August lebt Ludwig nun schon in Walton. Das liegt zwischen Chicago und Indianapolis. Seine Gastfamilie, die Deters, zu der noch Gastvater Blain und Gastmutter Jennifer gehören, hat ihn herzlich aufgenommen. Heimweh verspürt Ludwig nicht. Hingegen wird er von seiner Familie in Deutschland sehr vermisst. Es ist leer geworden im Haus. Zumal auch sein Bruder Hermann, der Ausbildung wegen, das Nest verlassen hat. Mit ihm steht Ludwig fast täglich in Verbindung. Der Kontakt mit den Eltern findet seltener statt, „seiner Meinung nach aber immer noch zu oft“, scherzt Vater Andreas. Er und seine Frau möchten natürlich wissen, was ihr Filius so treibt.

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Der war erst 14, als er über die Austauschorganisation AFS (American Field Service) in die Staaten ging. Dafür brauchte der blutjunge Ludwig eine Ausnahmegenehmigung. Um ein Jahresvisum zu bekommen, musste er sogar bei der amerikanischen Botschaft in Berlin vorstellig werden, eine Lehrerin unterstützte die Familie bei den Formalitäten. Andreas und Karin Lenz kennen AFS gut, hatten selbst schon Austauschschüler bei sich in Quarnebeck zu Gast, unter anderem aus Frankreich und Malaysia.

Hierzulande besucht ihr Ludwig das Gymnasium in Beetzendorf. „Es hat ihn gereizt, mal was anderes zu erleben“, erzählt Vater Andreas. „Ludwig war schon immer ein Draufgänger, neugierig, aufgeschlossen“, sagt Mutter Karin, die froh darüber ist, dass Ludwig in einer „ganz tollen“ Gastfamilie gelandet ist. „Man muss schon viel Vertrauen haben, um sein Kind in fremde Hände zu geben.“ Es wird unheimlich viel unternommen. Dazu zählen Ausflüge nach Washington, Alabama, Florida und Las Vegas. Die Flüge zahlen seine deutschen Eltern, ansonsten kümmern sich seine amerikanischen Eltern um alles. „Von uns kriegt er Taschengeld“, erklärt Andreas Lenz. „Er hat eine Jugendkreditkarte, die wir auffüllen.“

Umgekehrt sind auch seine Gasteltern von Ludwig begeistert. Er bringt sich im Haushalt ein, hilft, wo er kann. Das ist er von zuhause gewohnt.

Dass er in die USA ging, hat insbesondere den Grund, dass er sein Englisch verbessern will. „Das kann mir später noch nützlich sein“, ist Ludwig überzeugt. Was er beruflich einmal machen möchte, weiß er noch nicht, vielleicht irgendwas mit Technik. „Bisher“, so räumt er ein, „war ich in Englisch keiner der Guten.“ Das hat sich geändert. Mittlerweile kann er schon alles verstehen. „Mit dem Sprechen klappt es auch allmählich.“ Seine Gastfamilie verständigt sich nur auf Englisch mit ihm.

Football ist in den Staaten eine ganz große N

In den USA besucht Ludwig die elfte Klasse der Lewis Cass School. Der Unterricht beginnt um 7.45 Uhr und dauert bis 14.45 Uhr. Ein Klassensystem wie in Deutschland gibt es in den USA nicht. Stattdessen darf man sich die Fächer frei wählen. Nach dem Unterricht geht es gleich zum Training.

Football. Das ist den Staaten eine große Nummer. Sogar zu den Spielen von Ludwigs Schülermannschaft, den Kings (Königen), strömen tausende Besucher. Ludwig, der in der Heimat beim VfB Klötze Fußball spielt, ist aus der Truppe nicht mehr wegzudenken. Er ist Kicker - das ist eine der wichtigsten Positionen, die es im Football gibt – stand schon in der Zeitung und hat den Spitznamen „Boot“ bekommen. Übersetzt bedeutet das Stiefel. Seine Teamkameraden bewundern ihn für seine Schusskraft und Präzision. „Dadurch, dass er so gut ist, hätte Ludwig sogar die Chance auf ein Stipendium“, berichtet Andreas Lenz stolz. Dafür wird hart trainiert. Jeden Tag zweieinhalb Stunden lang. Gespielt wird freitagabends. Weil die Spiele so lange dauern, darf er danach noch länger aufbleiben. Morgens, beim Frühstück, schaut sich Ludwig im Fernsehen dann gerne die Fußball-Bundesliga an. Er ist Fan von Bayern München.

Seinen Aufenthalt in den USA bewertet Ludwig Lenz schon nach den ersten Monaten absolut positiv. „Das lohnt sich auf jeden Fall“, ist er sich sicher. Das Schuljar möchte er auf jeden Fall zu Ende bringen. Vor dem nächsten Sommer wird der 15-Jährige also nicht nach Deutschland zurückkehren, nicht mal zu Weihnachten. Mutti Karin hat jetzt schon einen Kloß im Hals, wenn sie daran denkt. „Damit es nicht so schlimm wird, fährt der Rest von uns zum Skifahren.“