Volksstimme: Herr Müller, Sie sind Geschäftsführer des Unterhaltungsverbandes Obere Ohre. Können Sie erklären, wie es zu diesen Extremen in der Wasserführung der Gräben kommt?

Hagen Müller: Die Ohre und die Mehrzahl ihrer Nebengräben werden in unserem Verbandsgebiet vorrangig aus oberflächennahem Grundwasser gespeist. Dies bildet sich aus Niederschlägen und versickert teilweise in tiefere Schichten. Ein Teil gelangt durch Zufluss in die Gräben und fließt dort ab oder wird gestaut. Bei sehr geringem Grundwasserstand fließt jedoch den Gräben wenig oder gar kein Wasser mehr zu. Sie fallen dann irgendwann temporär trocken.

„Ein Grund ist der fehlende Niederschlag. Hinzu kamen hohe Temperaturen mit intensiver Sonneneinstrahlung.“

Im nördlichen Drömling zwischen Röwitz und Buchhorst haben sich auf dem Grünland große Seen gebildet. Ist hier wieder genug Wasser vorhanden?

Zwischen Mai und November vergangenen Jahres hatten wir auch in diesem Niederungsgebiet ein ständiges Absacken des Wasserstandes. Wasser kann man nur dann aufstauen, wenn welches fließt. Der Zufluss aus den höherliegenden Bereichen hat durch Grundwasserneubildung erst im November wieder eingesetzt. Niederschläge nahmen zu, die potenzielle Verdunstung nimmt in der vegetationsarmen Zeit ab. Durch Stauhaltung konnten wir diese vorgesehenen hohen Wasserstände realisieren. Grundwasserstände und Abfluss haben sich jedoch insgesamt noch nicht normalisiert.

Die Ohre bei Steimke und Jahrstedt war 2019 über Monate völlig trocken. Das gab es noch nie. Wo liegen die Ursachen?

2019 sind die Grundwasserstände im immerhin 140 Quadratkilometer großen Einzugsgebiet der Ohre zwischen Ohrdorf und Jahrstedt auf ein historisches Tief gesunken. Die Ohre bekam kaum noch Wasser. Ein Grund ist der fehlende Niederschlag in 2018 und zeitweise auch in 2019. Das Defizit an Regen betrug in mehrmonatlicher Summe zeitweise bis zu 230 Millimeter. Hinzu kamen hohe Temperaturen mit intensiver Sonneneinstrahlung, die zu weitaus höherer Verdunstung als den normalen zirka 430 Millimeter pro Jahr führten. Nicht zu unterschätzen ist zudem die Entnahme von Grundwasser für Beregnung oder andere Zwecke, auch wenn diese vorrangig aus dem zweiten Grundwasserleiter erfolgen.

„Die Funktionstüchtigkeit des Systems dürfen wir nicht gefährden. Das nächste Hochwasser kommt bestimmt.“

In Steimke sieht man auch in den Bromer Teichen eine Ursache für den Wassermangel. Die Teiche waren im Sommer 2019 gefüllt, die Ohre bei Steimke war leer.

Der Einfluss der Teiche auf den Abfluss in der Ohre ist gering. Die Teiche werden ja nicht in der abflussarmen Zeit befüllt. Hier geht es nur um den Ausgleich der Verluste, die zum Beispiel durch die höhere Verdunstung von der offenen Wasserfläche entstehen. In Summe entspricht dies einem Abfluss von wenigen Litern pro Sekunde. Der würde in Steimke gar nicht ankommen. Auch ein gefordertes Ablassen des Sees führt nicht zur Verbesserung der Situation. Dies ist wasserrechtlich nicht umsetzbar und außerdem wäre nach drei bis vier Tagen beides leer, der See bei Brome und die Ohre.

Der Steimker Ortschaftsrat fordert Aktivitäten. Was kann man tun?

Kurzfristig sicher wenig. Klimaveränderungen, sollten diese ursächlich und dauerhaft sein, kann man örtlich wenig entgegensetzen. Für die Wasserbilanzierung, einschließlich der Wasserentnahmen, sind die Landkreise in beiden Bundesländern zuständig. Bei der Bewirtschaftung der Gräben werden wir als Unterhalter mit dafür sorgen, dass dort, wo möglich, viel Wasser in der Fläche verbleibt. Hierdurch kann die Grundwasserneubildung gefördert werden. Mit dem vorhandenen, funktionierenden Stausystem haben wir dazu gute Voraussetzungen. Die Funktionstüchtigkeit des Gewässersystems dürfen wir jedoch nicht gefährden. Das nächste Hochwasser kommt bestimmt. Und auch hier sind größere Extreme vorausgesagt.