Projekttag

Wehret den Anfängen

Klaus Pacholik aus Ristedt wünscht sich ein friedliches Zusammenleben von Juden und Nicht-Juden. Das vermittelte er Beetzendorfer Schülern.

Von Markus Schulze

Klötze l Am 6. Juni 1944 landeten 150 000 alliierte Soldaten in der Normandie. 75 Jahre ist das jetzt her. In den vergangenen Tagen fanden Gedenkfeiern in England und Frankreich statt. Das Manöver bedeutete für Hitler-Deutschland, in dem mehr als fünf Millionen Juden systematisch gefoltert oder getötet worden waren, einen herben Schlag. Das Ende des Dritten Reiches rückte näher, ein Jahr später endete der Zweite Weltkrieg mit der Kapitulation Deutschlands.

In der Folge war sich die internationale Staatengemeinschaft einig, dass es nie wieder Judenfeindlichkeit oder gar einen neuerlichen Holocaust geben dürfe. Dennoch sind rechte Parteien auf dem Vormarsch, nicht erst seit der Europawahl. Auch Ultra-Linke und fundamentale Moslems stimmen in den Chor gegen Isreal ein. Und kürzlich warnte der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung davor, an bestimmten Orten eine Kippa, die traditionelle Kopfbedeckung, zu tragen. Ansonsten würden sich Juden in Gefahr begeben.

Klaus Pacholik aus Ristedt sieht all das in einem Kontext und betrachtet die aktuelle Entwicklung mit großer Sorge. Seit Jahren setzt sich der evangelische Pfarrer im Ruhestand für einen Dialog mit den Juden ein. 2013 gründete er den Israel-Kreis und weckte die Erinnerung an das jüdische Leben in Klötze. Sein Credo: „Wehret den Anfängen.“ Er findet es traurig und beschämend, dass Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus wieder um sich greifen. Sein Ansatz ist Aufklärung. „Und damit muss man bei Schülern anfangen.“ Darum lud er am Freitag die vierte Klasse der Beetzendorfer Grundschule zu einem Aktionstag nach Klötze ein. Thema: Adolph Frank.

Adolph Frank gehört zu den berühmtesten Söhnen der Stadt Klötze. Er kam 1834 in der Purnitzstadt zur Welt. Das Grundstück der Familie, auf dem sich eine Synagoge befand, war das Zentrum des jüdischen Lebens in Klötze. Heute befindet sich an gleicher Stelle die Stadt- und Kreisbibliothek. Es ist das Geburtshaus von Adolph Frank, der eine Apothekerlehre in Osterburg machte, in Berlin studierte (Chemie und Technologie) und in Straßburg ein Verfahren entdeckte, um Abraumsalze für die künstliche Düngung in der Landwirtschaft verwenden zu können.

All das und noch viel mehr erfuhren die Beetzendorfer Grundschüler von Klaus Pacholik. Die 25 Kinder durften auch in die Rolle eines Apothekers schlüpfen und Heilkräuter verarbeiten. Außerdem stellten sie sich vor, in einer Synagoge zu sein und sangen auf hebräisch das Lied „Wir wünschen Frieden euch allen.“

Anschließend ging es zum Klötzer Rathaus, wo die Kinder von Bürgermeister Uwe Bartels im großen Ratssaal empfangen und zu Getränken und Süßigkeiten eingeladen wurden. Sie durften ihm Fragen zur Arbeit als Bürgermeister stellen und bekamen erklärt, was die Aufgaben eines Stadtrates sind. Auch Adolph Frank engagierte sich in der Politik, informierte Klaus Pacholik. So war er Stadtverordneter in Berlin-Charlottenburg und sorgte dafür, dass die dortigen Straßen mit Gaslampen ausgestattet wurden. In Charlottenburg war es auch, wo Adolph Frank im Jahr 1916 verstarb.

In Klötze hingegen gibt es kaum noch Anzeichen für die jüdische Vergangenheit. Von zwei Friedhöfen ist nur noch der hinter dem Seniorenwohnpark erhalten. Dort ruht einsam und allein der Kaufmann David Nelke, geboren 1799, gestorben 1859. Auf seinem Grabstein legten Klaus Pacholik und die Viertklässler einen Stein nieder, so wie es Tradition bei den Juden ist. Genauso wie der aaronitische Segen, den aber auch Christen von den Gottesdiensten kennen und der von Klaus Pacholik zum Abschluss des Aktionstages gesprochen wurde. Religionslehrerin Claudia Dennhof überreichte ihm zum Dank ein Geschenk, auch im Namen der Grundschüler.

Das schönste Geschenk für Klaus Pacholik wäre es aber, wenn die Menschen in Frieden zusammen leben würden, unabhängig von Nationalität, Hautfarbe und Religion. Daran zu arbeiten und Adolph Frank nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, bleibt sein Ziel.