Stendal l Der Standwahlkampf ist immer noch die ehrlichste Form, mit der Politiker um Stimmen werben. Die Bürger äußern Zuneigung oder Ablehnung gleichermaßen direkt. Diskussionen auszuweichen, ist schlechterdings unmöglich Das kann entweder frustrierend sein oder erbaulich. Umso mehr, wenn man einer so polarisierenden Partei wie der AfD angehört. Erst am vergangenen Dienstag musste eine von der Volksstimme an der Hochschule Magdeburg-Stendal geplante Debatte der Kandidaten für die Landratswahl nach massivem studentischen Protest abgesagt werden. Den AfD-Kandidaten Arno Bausemer wollten Teile der Studentenschaft unter keinen Umständen in der Aula der Hochschule sehen.

Einen Tag später geht es in der Stendaler Fußgängerzone deutlich entspannter zu. Bausemer steht abwechselnd am Stand seiner Partei, um zu diskutieren, oder drückt Passanten Flyer in die Hand. Von feindseliger Stimmung ist an diesem grauen Oktobernachmittag wenig zu spüren. Konfrontativ wird es nicht.

Gegen Windkraft und Aufnahmestelle

Wer für die Partei und jenen Mann, der am 10. November an die Spitze der Kreisverwaltung gewählt werden möchte, wenig übrig hat, zeigt maximal Desinteresse und macht einen großen Bogen um den Kandidaten. Für all jene, die Sympathien hegen für die Rechtspopulisten, präsentieren sich Bausemer und sein Anhang als Kümmerer. Als Unterstützer erschienen sind unter anderem der Bundestagsabgeordnete und AfD-Landesvorsitzende Martin Reichardt und der Tangermünder Landtagsabgeordnete Ulrich Siegmund. Für Gespräche nehmen sich die AfD-Leute ostentativ viel Zeit.

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Es soll eine klare Botschaft transportiert werden: Arno Bausemer ist jener Kandidat, der sich wirklich für die Anliegen der Bürger interessiert. „Ich habe das Gefühl, dass sich viele Menschen im Landkreis nicht mehr ernst genommen fühlen. Diese Unzufriedenheit ist überall spürbar“, sagt der Kandidat. Ein Schlüsselmoment sei für ihn dabei eine Verhandlung vor dem Magdeburger Verwaltungsgericht im August dieses Jahres gewesen, als Richter Niels Semmelhaack die Kalkulation des Landkreises für die Gebühren der Müllentsorgung regelrecht zerpflückt habe. „Ich glaube nicht, dass sich eine Behörde schon einmal dermaßen blamiert hat“, schätzt der gebürtige Havelberger ein. Danach sei endgültig die Überzeugung gereift, dass er bei der Landratswahl antreten müsse.

Während Bausemer seine Beweggründe erklärt, klingelt immer wieder sein Handy. Weitere Wahlkampftermine müssen organisiert werden. Nach der Standwerbung fährt der Vorsitzende der Stendaler AfD-Stadtratsfraktion direkt weiter nach Osterburg. Dort erregt ein Windpark die Gemüter. „Die Anwohner sind zu Recht verärgert, denn hier wurden Zufahrtswege versiegelt und Brutstätten einheimischer Vogelarten wie des Rotmilans mit Windrädern zugepflastert“, sagt der AfD-Mann. Von Windkraft hält er ohnehin wenig. Sollte er Landrat werden, so kündigt er es an, würde er sich dafür einsetzen, den Windkraftausbau zu stoppen.

Wirtschaftsförderung ankurbeln

Ebenfalls auf seiner roten Liste: Die Straßenausbaubeiträge und die geplante Zentrale Aufnahmestelle für Flüchtlinge im Stendaler Ortsteil Wahrburg. Dass er als Leiter der Kreisverwaltung bei diesen Themen kauf Spielraum für eigene Entscheidungen hat, sei ihm durchaus bewusst. Ganz lassen möchte er von diesen Herzensangelegenheiten der AfD trotzdem nicht. Ankurbeln möchte er die Wirtschaftsförderung. Die sei unter der Ägide von Landrat Carsten Wulfänger (CDU) nämlich sträflich vernachlässigt worden. Schulschließungen solle es unter ihm auch nicht geben.

Dass er sich zutraut, in der öffentlichen Verwaltung eine Behörde mit knapp 800 Angestellten zu führen, daran lässt er keinen Zweifel, verweist auf seine zehnjährige Tätigkeit als Schöffe am Verwaltungsgericht Magdeburg. Das sei wie ein praktischer Kurs im Verwaltungrecht gewesen. Davon abgesehen, habe er während seiner politischen Tätigkeit oft unter Beweis gestellt, Probleme lösen zu können.

Nach Standwerbung und Abstecher nach Osterburg ist dieser Wahlkampftag noch nicht zu Ende. Um 18 Uhr beginnt im Landratsamt ein vom Landkreis organisiertes Forum, bei dem sich alle drei Kandidaten vorstellen. Der große Sitzungssaal ist bis auf den letzten Platz gefüllt, trotz zusätzlicher Stühle müssen einige Besucher stehen. Nachdem Moderator Norbert Lazay, Vorsitzender des Altmärkischen Heimatvereins, begrüßt hatte, bekommt der AfD-Kandidat gleich als Erster die Gelegenheit, in 15 Minuten sich und sein Programm vorzustellen, denn das Alphabet bestimmt die Reihenfolge.

Die Zeit schöpft der 36-Jährige nicht aus. Er will an diesem Abend keine langen Reden halten, er möchte Fragen beantworten, möchte die Sorgen der Bürger hören. Denn das, sagt Bausemer, sei ein Anliegen von ihm und seiner Partei: „Wir sorgen dafür, dass viele Menschen in den demokratischen Prozess zurückkehren.“ Vom Moderator auf seinen Wahlkampfslogan „Zukunft gestalten“ angesprochen, betont der Stendaler: „Ich möchte die Potenziale im Landkreis wecken, sie nicht nur verwalten.“

Zur Auflockerung lädt der Moderator zum Ausflug in die Heimatkunde ein, fragt die Kandidaten nach Orten im Kreis und nach historischen Persönlichkeiten, die mit dem Buchstaben ihres Nachnamens anfangen. Weil Bausemer Otto von Bismarck schon beim Einstiegsstatement behandelt hat, fällt der hier raus. Kurzes Grübeln, dann die launige Antwort: „Bausemer ... ne, Quatsch, das war ein Spaß.“ Und an den Moderator der Hinweis: „Ich bewerbe mich hier als Landrat und nicht als Historiker.“ Diese Bewerbung geht dann auch mit einer Frage-Antwort-Runde weiter. Kurz nach 20 Uhr endet nicht nur das Forum, sondern für Arno Bausemer einer von derzeit vielen langen Wahlkampftagen.

Jeder Kandidat hat von der Volksstimme das Angebot bekommen, einen Wunschtermin für die Berichterstattung über ihn zu wählen. Arno Bausemer (AfD) und Patrick Puhlmann (SPD) hatten eingeladen, sie an einem Wahlkampftag zu begleiten. Carsten Wulfänger (CDU) hat bisher nicht auf das Angebot reagiert.