Magdeburg l Der Aufstieg des 1. FC Magdeburg lässt eine ganze Region jubeln. Die Blau-Weißen sind wieder da - und rühren mit ihren Fans deutschlandweit die Werbetrommel für Magdeburg. Für diesen Weg stehen zwei Namen stellvertretend: Sportchef Mario Kallnik und Trainer Jens Härtel.

Stadion Magdeburg. Erdgeschoss. Fenster zum Parkplatz. Schrank. Tisch. Flipchart. Fernseher. Weiße Tapete. Das also ist sie, die Schaltzentrale des FCM-Aufstiegs. Wer es nicht besser wüsste, würde das Büro von FCM-Sport- und Finanzvorstand Mario Kallnik wohl eher dort verorten, wo er bislang noch hauptamtlich beschäftigt ist: bei einer Krankenkasse.

Lauftext

Den FCM schon als Kind bewundert

Und trotzdem ist sie es: Die Keimzelle des neuen 1. FC Magdeburg. Hier sitzt Mario Kallnik und schmiedet mit Trainer Jens Härtel die Pläne für „unseren“ FCM, wie er sagt. Und diese Pläne tragen dann im Einklang mit dem Präsidium jene Handschrift, die zum nüchtern eingerichteten Managerbüro passt: Grundsolide, ehrlich, überschaubar, auf Kasse und sportliche Qualität achtend - und ehrgeizig.

Ehrgeiz war es auch, der den gebürtigen Spremberger Mario Kallnik einst beim Klub hielt, als viele das Weite suchten. Als er noch Spieler war, blieb er 2002 nach der Insolvenz als einziger Kicker beim Klub. „Das konnte es doch nicht gewesen sein“, sagt er heute über den Grund, warum er nicht wechselte. „Der FCM gehörte schon zu meinen Kinderzeiten zu den Klubs, die ich neben Dresden und Jena immer bewundert habe. Das konnte doch hier nicht alles den Bach runtergehen.“

Motiviert etwas aufzubauen

Kallnik blieb als Spieler bis zum Karriereende 2008 und war zur Stelle, als 2012 nach tragischen sportlichen Zeiten neue Macher für neue Strukturen gesucht wurden. Und wieder war es der Ehrgeiz, der ihn zurückkehren ließ.

„Ich bin immer dann besonders motiviert, wenn ich gestalten kann und die Chance sehe, etwas aufzubauen. Und das war und ist definitiv so beim FCM mit seinen Klasse-Fans und seinem enormen Potenzial“, sagt Kallnik über den Reiz, bei den Blau-Weißen als Vorstand Sport und Finanzen ehrenamtlich anzuheuern. „Ich war mir damals schon sicher, dass wir die Rückkehr in den bezahlten Fußball schaffen können. Ich wusste nur noch nicht wann.“

Diese Frage ist inzwischen geklärt. 2015 schaffte der Klub bekanntlich den Sprung in die dritte Liga. Eine ganze Region wurde bis heute in einen kollektiven Freudentaumel versetzt.

Keine Namen, sondern Leistung kaufen

Kallniks Strategie war eine Grundlage dafür. Er legte in enger Abstimmung mit dem Aufsichtsrat, Präsidium und den Sponsoren die Weichen. Sein Credo: Wir kaufen nicht große Namen, sondern entwicklungsfähige sportliche Leistung.

Nicht wenige sahen das kritisch, wurden ungeduldig. Doch Kallnik ließ sich nicht beirren. Er setzte auf seinen Drei-Jahres-Plan und sieht ihn mit dem Aufstieg nun vorfristig erfüllt. Die Euphorie darüber nimmt er wahr, sagt aber auch klipp und klar: „Über den Erfolg freuen wir uns. Aber er ist niemals allein mein Werk. So etwas ging nur, weil alle an einem Strang zogen: Die Vereinsführung, die Spieler, die Mitarbeiter des Klubs, die Fans, die Sponsoren, die Politik mit dem Stadionbau und natürlich der Trainer Jens Härtel.“

"Es gibt keinen Personenkult"

Doch der wehrt auch ab: „Der Aufstieg ist nicht das Werk eines Einzelnen, sondern des gesamten Teams des 1. FC Magdeburg inklusive der Fans.“

Und Kallnik fügt hinzu: „Es gibt hier keinen Personenkult, weder bei den Spielern noch beim Manager, Trainer oder in der Vereinsführung. Alles, was wir tun, wird dem Erfolg des 1. FCM untergeordnet. Und über allem steht das blau-weiße Emblem.“

Holpriger Start für Jens Härtel

Getreu diesem Motto ist offenbar auch die Trainersuche erfolgt.

Jens Härtel, der seit seinem holprigen Start 2014 mit mehreren verlorenen Spielen am Stück sogar mit „Härtel-raus“-Rufen konfrontiert war und dann doch den sportlichen Erfolg auf dem Platz organisierte, ist zumindest in der Öffentlichkeit kein Lautsprecher wie so manche seiner Zunft.

Ja, am Spielfeld-rand explodiert er auch schon mal - vielleicht auch heute beim Auswärtsspiel in Würzburg. Aber in Interviews und Gesprächen trägt er analytisch seine Sichtweisen vor, wirkt manchmal sogar in sich gekehrt. Nur einmal übermannte es ihn. Das war nach der Relegation in Offenbach. „Ja, da bin ich auch in die Kurve gegangen und habe mit Fans und Spielern gefeiert.“

Stimmung und Tradition hallten nach

Ansonsten überlässt er solche Szenen lieber seinen Schützlingen. „Die sollen den Erfolg bei den Fans auskosten“, sagt er, was nicht an fehlender Begeisterung für den Klub und seine Fans liegt. „Ganz im Gegenteil. Ich habe den FCM schon früher immer verfolgt und gesehen, welche Tradition und Begeisterung es hier gibt.

Als ich dann mein erstes Spiel als Co-Trainer des SV Babelsberg hier im Stadion Magdeburg machte, war ich beeindruckt von der Fanstimmung, obwohl es doch nur Regionalliga war. Einzigartig.“

Diese Erfahrung war ein Grund, in Magdeburg anzuheuern und aus seinem sicheren Job als U19-Trainer bei RB Leipzig von der Pleiße an die Elbe zu wechseln. „Das ist hier schon was anderes, viel Schöneres mit großer Verantwortung und Herausforderung hier in Magdeburg“, schätzt Jens Härtel seine ersten 16 Magdeburger Monate ein und lächelt verschmitzt.

"Der FCM ist ja auch fast eine Religion"

Doch Hand aufs Herz: Ist diese Fankultur nicht mehr Last als Lust?

„Es ist eine Mischung. Die Fans treiben uns an. Aber es gibt auch eine große Erwartungshaltung, der wir gerecht werden wollen, weil wir wissen, was der Fußball in Magdeburg bedeutet. Und wenn es mal nicht so läuft, muss man sich natürlich auch Kritik gefallen lassen“, so Härtel, und fügt locker hinzu: „Der Trainer ist eine vorübergehende Erscheinung.“

Da blitzt sie wieder auf, die verschmitzte Art des in Rochlitz geborenen Jens Härtel mit seinem sympathischen Sächsisch, das ihm in solchen Fragen sonst so kritischen Magdeburg längst keiner krumm nimmt. Ganz im Gegenteil: Jens Härtel ist einer der bekanntesten Magdeburger.

„Ich kann kaum noch durch die Stadt gehen, ohne erkannt zu werden. Das war vor einem Jahr noch anders.“ Das ist so, obwohl Magdeburg nicht sein Lebensmittelpunkt ist. Entspannung findet er zwar schon an der Elbe. Rund um den Dom kann man ihn finden, mit ihm im Kabarett lachen, im Gottesdienst neben ihm sitzen (Härtel: „Der FCM ist ja auch fast eine Religion.“) oder ihm beim Nudelessen bei Vapiano auf den Teller sehen.

Aber in der wenigen Zeit neben „seinem“ FCM ist er auch gern zu Hause bei seiner Frau in Michendorf, die übrigens noch kein Heimspiel in Magdeburg verpasste.

Nominierung ist dem Duo unangenehm

Dass er trotzdem gemeinsam mit seinem Manager von den Lesern der Volksstimme für den Magdeburger des Jahres nominiert wurde, freut und ehrt ihn, ist ihm aber wie Mario Kallnik zugleich unangenehm.

„Ich werde ja für meine Arbeit bezahlt und stehe von Berufs wegen im Rampenlicht. Ich würde mich deshalb sehr freuen, wenn andere Kandidaten die Wahl gewinnen, die etwas für die Stadt bewegt haben und nicht so stark wie wir in der Öffentlichkeit stehen. Die vier Jungs, die eine Frau vor einem Vergewaltiger schützten, das ist doch was ganz anderes als das, was wir hier so tun“, so Härtel.

Und Kallnik fügt hinzu: „Wenn man so etwas liest wie von den vier Jugendlichen, die eine Frau vor einem sexuellen Übergriff retteten, dann merkt man: Fußball beim FCM ist etwas ganz Schönes, etwas ganz Aufregendes und auch etwas sehr Wichtiges. Aber es ist und bleibt nur Fußball.“

Alle Informationen zur Abstimmung finden Sie auf unserer Seite zum "Magdeburger des Jahres".