Magdeburg l Gleich zu Beginn des Gespräches betonen Sebastian Klaus und Maximilian Reiher zwei Dinge: Sie würden wieder so handeln und eigentlich sei das doch keine große Sache gewesen. „Mir war damals sofort klar, dass wir helfen müssen“, sagt Maximilian Reiher. Die beiden Freunde besuchten gemeinsam mit Lucas Pfeil und Domenic Hellmer - die bei dem Gespräch mit der Volksstimme nicht dabei sein konnten – im März dieses Jahres eine kleine Feier bei einer Freundin in Stadtfeld-Ost. „Eigentlich ein ganz normaler Abend, an dem wir ein bisschen unentschlossen waren, ob wir noch irgendwo hinwollen“, erinnert sich Sebastian Klaus.

Es war ungefähr 2 Uhr in jener Märznacht, als die vier Jungs Zeugen eines Verbrechens wurden. „Ich hörte die Schreie einer Frau und konnte das erst nicht richtig einordnen, ob das Spaß oder was Ernstes war“, erinnert sich Reiher. Dann habe er den Hilferuf deutlich gehört. „Danach ging alles ganz schnell“, sagt er.

Er rannte raus. Sebastian, Domenic und Lucas folgten ihm. An der Albert-Vater-Straße/ Ecke Gagernstraße sah er einen Mann, der auf einer Frau saß und sie würgte. „Mein Gedanke war nur noch, dass der Typ von der Frau runter muss“, sagt er. Maximilian Reiher redet sehr ruhig und wiegt die Worte ab, bevor er spricht. Von den vier Jungs ist er der leiseste. Der 20-Jährige ist durchtrainiert, geht regelmäßig ins Fitnessstudio, macht Kampfsport und hat sich für acht Jahre bei der Bundeswehr verpflichtet.

Bilder

Als er den Mann nach einem Sprint erreicht hat, zieht er ihn von der Frau runter, hält ihn fest. „Der war wie von Sinnen“, erinnert er sich.

Die Frau hatte eine Kopfplatzwunde, Blutergüsse sowie Kratzwunden am ganzen Körper. Trotz der heftigen Szenerie haben die vier Jungs keine Gedanken an Selbstjustiz verschwendet. „Mir war klar, dass wir es irgendwie schaffen müssen, den Typen festzuhalten und die Polizei zu rufen“, sagt Sebastian Klaus. Der Fall sei eine Sache für Polizei und Justiz und nicht für Rache, sagt er.

Im Oktober fiel das Urteil. Der 30-Jährige Magdeburger muss für drei Jahre und sechs Monate hinter Gitter. Zudem muss er dem Opfer 5000 Euro Schadensersatz zahlen. 2000 Euro hatte der bei einer Zeitarbeitsfirma tätige Mann bereits während des Prozesses überwiesen. Vor Gericht stritt der Mann sexuelle Motive ab, gab nur den Angriff und die Körperverletzung zu. Das Motiv blieb nebulös.

„Es war schon komisch, ihn vor Gericht wiederzusehen“, sagt Klaus. Er sei einem Augenkontakt immer wieder ausgewichen. „Mir tut es vor allem um die Frau leid“, sagt er.

Wie sich bei den Ermittlungen herausstellte, war die Frau ein Zufallsopfer. Die 49-Jährige kam damals selbst von einer Feier. Sie und der Täter kannten sich nicht. Inzwischen geht die Magdeburgerin wieder arbeiten. Sebastian, Maximilian, Domenic und Lucas stehen heute noch in Kontakt mit der Familie.

Bereits kurz nach der Tat meldeten sich die Eltern der 49-Jährigen bei der Volksstimme und suchten den Kontakt zu den vier Jungs. Gemeinsam waren sie essen. Eine handgeschriebene Karte mit einer Danksagung hängt bei Sebastian Klaus in der Wohnung an einer Pinnwand. Auch bei der Geburtstagsfeier der Tochter der 49-Jährigen waren die Jungs eingeladen. „Das war schon alles sehr emotional“, sagt Klaus, der in Hannover eine Ausbildung zum Fahrdienstleiter bei der Deutschen Bahn macht.

Er und sein Kumpel Maximilian kennen sich schon seit der 1. Klasse, sind beste Freunde, treffen sich so häufig es geht, unternehmen viel gemeinsam. „Nach der ganzen Sache wurden wir von fremden Menschen auf der Straße angesprochen“, sagt Reiher. Das habe sich aber wieder gelegt. „War ja schließlich Ehrensache, dass wir der Frau geholfen haben“, sagt er.

Alle Informationen zur Abstimmung finden Sie auf unserer Seite zum "Magdeburger des Jahres".