Magdeburg l Geistig behindert – in diese „Schublade“ steckte das Jobcenter André Bohrmann. Entmündigt sollte er werden, einen Vormund wollte man ihm zur Seite stellen und in einer Behindertenwerkstatt sollte er arbeiten. Der 35-Jährige war entsetzt. Er sei keinesfalls behindert. Er kann nur nicht lesen und schreiben.

Als der aus Hohenwarthe stammende Mann erzählt, wirkt er gefasst. Obgleich seine Geschichte eher nach dem Drehbuch eines schlechten Filmes klingt. In einem Café im Innenhof des Hundertwasserhauses in Magdeburg sitzt er mit Jutta Schmitt. Sie teilen dasselbe Schicksal, sie sind Analphabeten.

Analphabet nicht geistig behindert

André Bohrmann lehnt sich zurück, trinkt einen Schluck Kaffee und zeichnet in Worten sein Martyrium nach. Hier und da verwendet er beim Sprechen den falschen Artikel oder eine falsche Zeitform, doch von einer geistigen Behinderung ist keine Spur.

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Besonders gut sei er in Deutsch noch nie gewesen, erzählt er. „Ich habe ganz normal die Schule besucht und lesen und schreiben gelernt.“ Er stammt aus einer Schaustellerfamilie und begann schon früh auf den Festen und Jahrmärkten auszuhelfen.

Rechnen war wichtig, Lesen nicht

Nach seinem Hauptschulabschluss – er war gerade erst 16 Jahre alt – bekam er von seinem Vater ein Autoscooter-Fahrgeschäft geschenkt. „Von da an habe ich jeden Tag gearbeitet, ich war auf gut 45 Festen im Jahr und begann das Lesen und Schreiben zu verlernen.“ In seinem täglichen Tun brauchte er es schlichtweg nicht. Rechnen konnte er hingegen gut, er musste schließlich mit Geld umgehen.

Wann er bemerkte, nicht mehr lesen und schreiben zu können, kann er nicht sagen. Es sei vielmehr ein schleichender Prozess gewesen. Zunehmend entwickelte er im Alltag Strategien, das Lesen und Schreiben zu umgehen. Er ließ sich von seinen Eltern, die seine Probleme scheinbar nicht ernst nahmen, vorlesen und entwickelte ein gutes visuelles Gedächtnis.

Im Jobcenter geoutet

Erst als sein Vater starb und er beschloss, dem Schaustellerdasein den Rücken zu kehren, bekam er Probleme. „Ich wollte arbeiten und habe mich vor der Sachbearbeiterin im Wolmirstedter Jobcenter geoutet“, erzählt er. Bisher waren seine Eltern die einzigen, die wussten, dass er nicht lesen und schreiben kann. Es habe ihn viel Überwindung gekostet, doch für einen Neustart war es notwendig.

Was jedoch begann, war ein Martyrium, das vor Gericht endete. Entmündigen lassen wollte sich der 35-Jährige nicht. „Ich bin Analphabet und nicht behindert“, sagt er.

Martyrium für Analphabeten

Während er seine Geschichte erzählt, entgleiten Jutta Schmitt immer wieder die Gesichtszüge. „Unfassbar! Man wird einfach in eine Schublade gesteckt“, sagt sie.

Die 59-Jährige weiß zu gut, was er durchgemacht hat. Auch sie konnte nicht richtig lesen und schreiben. „Ich bekam die Buchstaben und Wörter in meinem Kopf nicht zusammen, ich konnte die Reihenfolge nicht erfassen – es war wie ein Bilderrätsel“, erklärt sie.

Leseschwäche in Grundschule bekannt

Dass sie große Probleme hat, kristallisierte sich schon in der Grundschule heraus. Doch statt auf die Lese-Rechtschreibschwäche einzugehen, wurde sie auf die hinterste Schulbank gesetzt und musste Texte abschreiben.

In der 5. Klasse wurde sie auf eine Sonderschule geschickt. Sie hatte kein Verständnis dafür, wurde gemobbt, rebellierte und begann zu schwänzen. Im Alter von 18 Jahren zog sie nach München. „Ich konnte nicht mehr als der, die, das, meine Adresse und meine Unterschrift.“

Farben und Codes auswendig gelernt

Trotzdem machte sie eine Ausbildung und arbeitete in einer Fabrik als Elektrikerin. „Ich lernte einfach Farben und Codes auswendig.“

Im Laufe der Jahre arbeitete sie in verschiedenen Jobs, immer wieder auch mit Leitungsfunktion. „Mein Mann war der einzige, der wusste, dass ich nicht lesen und schreiben kann.“ Wie André Bohrmann auch entwickelte Jutta Schmitt Strategien, Arbeit und Alltag zu bewältigen. „Ich habe sehr viel gefragt und um Hilfe gebeten. Den Schriftkram habe ich immer mit nach Hause genommen und mit meinem Mann gemeinsam aufgearbeitet.“ So hatte sie oft 12- bis 15-Stunden-Tage.

Druck im Beruf nahm zu

Das forderte seinen Tribut. Als in ihrem Unternehmen das Papier zusehends vom Computer abgelöst wurde und E-Mails sofort beantwortet werden mussten, wurde der Druck so groß, dass sie sich einem Kollegen anvertraute. Da begann für sie der Spießrutenlauf, denn für sich behielt der Kollege das nicht. Der große Knall kam und mündete in einem Nervenzusammenbruch. Das war der Moment, in dem Jutta Schmitt ihr Leben ändern wollte.

Hilfe fand sie beim Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung e. V., konkret bei den Mitarbeitern des Alfa-Mobil-Projektes. Diese haben ihr eine Lerngruppe in der Volkshochschule vermittelt. Und auch André Bohrmann besucht seit vier Jahren einen Volkshochschulkurs in Haldensleben, in dem er gefördert wird.

Im Kurs entstehen Freundschaften

Beide fühlen sich sehr wohl in ihren Gruppen mit nicht mehr als acht Personen. „Es sind echte Freundschaften entstanden. Es hat nicht wirklich etwas von Schule. Vielmehr ist es wie ein Hobby“, sagt Jutta Schmitt.

Mit dem Alfa-Mobil sind beide nun in Deutschland unterwegs, um ihre Geschichte zu erzählen, Leidensgenossen Mut zu machen und in der Gesellschaft für Verständnis zu werben. „Wir sind nicht behindert, wir haben eine Schwäche“, betont André Bormann noch einmal.