Heimtageschichte

Bad, Fernwärme und Keller: Wie Plattenbauten in der DDR in Magdeburg zu begehrten Wohnungen wurden

Die Besonderheiten im Wohnkomplex Magdeburg-Olvenstedt, der ab 1981 in vier Bauabschnitten entstand, umfassen nicht nur integrierte Bäder, Fernwärmeversorgung und Keller- bereiche für jede Wohnung. Einige Bauten machten mit Durchgängen die Siedlung zu einem Experimentalkomplex.

Von Marco Papritz
Der Kletterball war einst an der Ecke Bruno-Taut-Ring/Olvenstedter Chaussee ein beliebter Kindertreff. Der Wohnkomplex Olvenstedt wurde mit vielen Bereichen geplant, in denen Fahrzeugverkehr nicht zugelassen war.
Der Kletterball war einst an der Ecke Bruno-Taut-Ring/Olvenstedter Chaussee ein beliebter Kindertreff. Der Wohnkomplex Olvenstedt wurde mit vielen Bereichen geplant, in denen Fahrzeugverkehr nicht zugelassen war. Archivfoto: Harri Schäfer

Neu-Olvenstedt - Der Wohnkomplex Magdeburg-Olvenstedt (WKO) schreibt eine fast 50-jährige Baugeschichte für die Stadt Magdeburg und das Land Sachsen-Anhalt. Viele Bezeichnungen und Namen sind mit dieser Großsiedlung, die zwischen dem Stadtteil Nordwest und der ehemaligen Gemeinde Olvenstedt auf einer Ackerfläche für 40 000 Bewohner vorgesehen war, verbunden. In erster Linie mit den Begriffen „Experimental-Wohnkomplex Neu-Olvenstedt“, der ab 1972 geplant wurde, sowie „Einheitsplatten-Siedlung“ und „Wohnquartier“.

„Der Teil-Baukomplex ist ein Block von Gebäuden, die baulich miteinander verbunden sind und als eine Einheit gelten“, sagt Wolfgang Redlich, ehemaliger Produktionsdirektor des Wohnungsbaukombinats (WBK) Magdeburg. Maßnahmen wie die Öffnung der Baukörper oder die langgezogenen Wohngebäude mit Durchgängen zur Verbesserung der Infrastruktur (um Innenräume wie die Wohnhöfe schneller erreichen zu können) kann man als ein bauliches Experiment bezeichnen, „weil ständig an der Struktur der Bauten gearbeitet wurde“.

Auch planerisch geht man mit dem WKO einen neuen Weg – beispielsweise in Form von Bereichen wie die Innenhöfe der Wohnquartiere und ganze Wegesysteme, die ausschließlich Fußgängern und Radfahrern vorbehalten sind.

Freiheiten für den Betrieb der Vorfertigung

In allen Bezirken der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik habe er ähnliche Baukomplexe wie den WKO entstehen sehen und sich über diese informiert, ob das in Neubrandenburg mit den denkmalgeschützten Objekten oder in Rostock mit einer Sonnenblumen-Giebelgestaltung und „natürlich Berlin, wo unsere Fachleute in Hellersdorf auf dem Bersarin-Platz mit einer vielseitigen künstlerischen Gestaltung bauen konnten“, so der Oberingenieur. Vieles konnte auch in Olvenstedt angewandt werden – die Rostocker Treppeneingänge fanden sich auch hier wieder, da die Bautätigkeit durch das Übernehmen bewährter Prozesse und Bauteile beschleunigt werden konnte. „Das bedeutete auch eine Arbeitssicherheit“, so Wolfgang Redlich.

Die Wohnungsbaugenossenschaften und -unternehmen, die in der heutigen Zeit in Neu-Olvenstedt Wohnraum anbieten, waren in den zurückliegenden Jahren kräftig dabei, die vor 40 Jahren in der Montagebauweise errichteten Wohnhäuser zu sanieren und ihnen ein angenehmes wie zeitgemäßes Aussehen zu verschaffen.

„Es gilt damals wie heute – Heimat bewegen und einfach machen“, sagt Wolfgang Redlich. Ab Mitte der 1980er Jahre wird in Anwendung der damals neuen Wohnungsbauserie (WBS) 70 im vierten Bauabschnitt vom Wohnkomplex Olvenstedt die Modifizierung der Plattenbauweise für geschlossene Baublöcke – den „Riegel“, wie die Baufachleute sagen – mit Durchgängen und Haussegmenten ebenfalls als Experimentalbau entwickelt. Waren die ersten beiden der insgesamt vier Bauabschnitte noch reglementiert, sprich die Bauweise durch die Bauakademie strickt vorgegeben, gab es ab dem dritten Bauabschnitt gewisse Freiheiten für den Betrieb der Vorfertigung, welche die Bauteile für die Bauten herstellte.

Wolfgang Redlich: „Die Architekten arbeiteten akribisch mit der Vorfertigung zusammen und nutzten die Möglichkeit, in Magdeburg Anpassungen wie den Einbau von Loggien vorzunehmen, um regionaltypische Besonderheiten umsetzen zu können.“ Zur gemeinschaftlichen Entwicklung dieses Experimental-Wohnkomplexes habe es einen regen Austausch mit den Bezirken Dresden, Suhl und Schwerin gegeben.

Eine Rechtfertigung erfährt die WBS 70 – bis einschließlich des letzten Bauabschnitts bis zur Wiedervereinigung Deutschlands entsteht die gesamte Großsiedlung mit diesem Bautyp, damals von der Bauakademie. Diese schreibt der Entwicklung dieser Bauaufgabe städtebauliche und sozialkulturelle Kriterien zu.

Der erarbeitete Sortimentkatalog wurde mit allen Funktionsbausteinen der WBS 70 im Wohnungsbaukombinat Magdeburg im ersten und zweiten Bauabschnitt im Wohnkomplex Olvenstedt übernommen. Der dritte Bauabschnitt sei von den Projektanten im WBK eigenständig modifiziert worden, so Wolfgang Redlich.

Mit dem Jahr 1983 vollzieht sich straff die Weiterentwicklung der Wohnungsbauserie für die Anwendung auf innerstädtische Standorte. In der Bahnhofstraße und im Bereich Hasselbachplatz etwa konnten Loggien integriert werden, so einige Beispiele, „stets mit dem Blick darauf, vorhandene Strukturen zu erhalten und nicht abzureißen“. Das war die letzte Etappe von zentralen Veränderungen der Gebäudetypen. „Der Experimental-Wohnkomplex Neu-Olvenstedt war nunmehr kein Versuchskaninchen mehr“, wie Wolfgang Redlich sagt.

Innerstädtische Baulücken mehr im Blick

Die materiellen Grundfonds haben das Wohnungsbaukombinat befähigt, die innerstädtischen vernachlässigten Standorte, die beispielsweise einen Neubau oder Lückenschluss erforderten, anzugehen, ohne dabei die Erkenntnisse aus Olvenstedt zu vernachlässigen. Das heißt, die Bauaktivitäten mussten sich nicht mehr auf einen Bereich in der Stadt konzentrieren. Mit dem letzten Bauabschnitt wird die modifizierte WBS 86 als Nachfolger der WBS 70 als Lückenschließer im südlichen Stadtzentrum etwa im Bereich rund um den Hasselbachplatz von Magdeburg eingesetzt.

Wolfgang Redlich
Wolfgang Redlich
Marco Papritz