Magdeburg l Friederike Drewes aus Magdeburg ist an Multipler Sklerose erkrankt. Daher ist sie auf den Rollstuhl angewiesen. Doch die Selbstständigkeit, die sie sich auf diesem Wege erhalten kann, wird an anderer Stelle erheblich eingeschränkt. Um genau zu sein: an der Haltestelle der Magdeburger Verkehrsbetriebe. Friederike Drewes wohnt unweit des Kroatenwegs und sagt: „Kein Rollstuhlfahrer kommt hier in eine Straßenbahn.“

Hier nicht – und auch nicht an den folgenden Haltestellen. Nicht an der Braunlager Straße, nicht am Ambrosiusplatz, auch nicht am Eiskellerplatz. „Wenn ich in die Stadt muss – zum Beispiel zu einem Arzttermin –, muss ich mit dem Rollstuhl bis zur nächsten barrierefreien Haltestelle fahren.“

20 Minuten bis zum Südring

Diese befindet sich am Südring. Für die Strecke benötigt Friederike Drewes etwa 20 Minuten. Selbst bei angenehmem Wetter hat sie dabei ein Problem: „Die Laufzeit eines Akkus ist begrenzt. Der weite Weg zur Straßenbahn kostet Energie, die ich an einer anderen Stelle der Stadt noch gebrauchen könnte.“ Zudem: Auch für den weiten Rückweg muss der Akku noch genügend Strom für den Rollstuhl liefern.

Abgesehen von diesem Aspekt ist der weite Weg bei nasskaltem Wetter oder bei Dunkelheit auch keine Freude. „Ich fühle mich dann auch einfach nicht sicher“, sagt die Rollstuhlfahrerin.

Wichtige Station bleibt außen vor

Was sie verwundert, ist der Umstand, dass schon lange über die Schaffung von Barrierefreiheit im Umfeld der Endhaltestelle in Sudenburg gesprochen wurde. „Seit Jahren ist davon die Rede. Aber passiert ist noch nichts“, sagt Friederike Drewes. Sie wundert sich nicht zuletzt darüber, da dieser Bereich besonders wichtig ist: An den Haltestellen treffen in diesem Bereich auch mehrere Buslinien auf die Straßenbahn. Unter anderem werden von hier aus Ottersleben und Lemsdorf an das weitere Netz des öffentlichen Personennahverkehrs angeschlossen.

Nicht allein Menschen, die wie Friederike Drewes auf den Rollstuhl angewiesen sind, würden von einer barrierefreien Haltestelle profitieren: Auch Menschen, die aufgrund ihres Alters nicht mehr gut zu Fuß sind, die vielleicht einen Rollator nutzen müssen, aber auch die mit viel Gepäck oder Kinderwagen wären Nutznießer von ebenerdigen Zustiegsmöglichkeiten in die Fahrzeuge des öffentlichen Personennahverkehrs.

Nachdem barrierefreie Haltestellen auch als Provisorium an anderen Stellen immerhin beschlossen sind – nach der Haltestelle Adelheidring geht es hier zunächst um die Haltestellen am Westfriedhof und am Neustädter Friedhof –, hat die Kommunalpolitik die Barrierefreiheit im südlichen Sudenburg weiter im Blick. So hat der Bauausschuss einen vom Linke-Ex-Fraktionschef Oliver Müller unterzeichneten Antrag in Sachen Barrierefreiheit an den Haltestellen in Sudenburg dem Stadtrat zur Annahme empfohlen. Im Beschlusstext heißt es: „Der Oberbürgermeister wird beauftragt, unverzüglich den Antrag auf Durchführung eines Planfeststellungsverfahrens zu stellen.“

Beschluss nicht umgesetzt

Der hohe Puls, der in dieser Formulierung zu erkennen ist, trifft auch die Kritik von Friederike Drewes: Seit 2015 ist es nämlich bereits beschlossene Sache, dass die Verkehrsbetriebe, die ja von der Stadt kontrolliert werden, die Umsetzung bereits bestehender Pläne auf den Weg bringen sollen. Als Skandal bezeichnet der Sudenburger Politiker der Linkspartei, dass ein entsprechender Beschluss gefasst wurde – aber innerhalb von vier Jahren kein Planfeststellungsverfahren eingeleitet worden sei.

Der Bauausschuss befürwortet nicht allein den Antrag aus der Fraktion Die Linke, sondern er unterstützt auch eine Ergänzung aus der SPD-Fraktion: Solange der endgültige Ausbau nicht auf den Weg gebracht werde, müsse hier ein Provisorium eingerichtet werden. Ein Augenmerk haben die Sozialdemokraten dabei auch auf dem Sozialamt, das sich unweit der Endhaltestelle der Straßenbahn befindet und das auch für viele in ihrer Mobilität eingeschränkte Menschen ein wichtiges Ziel ist.

Vielleicht sind neue Planungen nötig

In einer Stellungnahme hat die Stadtverwaltung derweil darauf verwiesen, dass die alten Planungen womöglich gar nicht mehr ausreichen. Gegenwärtig werde geprüft, inwieweit eine Aktualisierung ausreichend ist. Angesichts neuer Standards sei möglicherweise sogar eine vollständige Neuplanung erforderlich. Zudem müsse geprüft werden, wann die Maßnahme finanzier- und umsetzbar wäre.

Hintergrund: Durch das Europarecht sind alle Kommunen gefordert, für Barrierefreiheit zu sorgen. Keine deutsche Kommune dürfte die dafür gesetzte Frist bis zum Jahr 2022 einhalten können. Zum einen angesichts hoher Kosten von rund einer Million Euro pro Haltestelle und zum anderen angesichts der ausgelasteten Baukapazitäten in Magdeburg.

Verwaltung hält Provisorium für Alternative

Als Entschuldigung mögen Betroffene wie Friederike Drewes dies nicht gelten lassen. Dies auch vor dem Hintergrund, dass – wie Oliver Müller es formuliert – schon 20 Jahre über das Thema diskutiert wird, dass also schon Zeit war, Planung und Finanzierung sicherzustellen.

Angesichts dessen, dass noch nicht klar ist, ob komplett neu geplant werden muss, stellt sich die Verwaltung sogar hinter den Vorstoß der SPD: Möglicherweise sei auch ein provisorischer Ausbau in diesem Bereich sinnvoll. Bislang hatte die Stadt hier stets Zurückhaltung an den Tag gelegt, da die Provisorien oft auch nicht billig sind. Für die erwähnten Friedhofshaltestellen dürften die Kosten jeweils mehr als eine Viertelmillion Euro betragen.