Die Baustelle

Seit Anfang des Jahres haben die Bauarbeiten zum Gleisbau der zweiten Nord-Süd-Verbindung der Magdeburger Verkehrsbetriebe (MVB) den Stadtteil Buckau im Griff.

Die MVB lassen eine etwa 1,1 Kilometer lange neue Straßenbahnverbindung zwischen der Schönebecker Straße und der Leipziger Straße über die Warschauer und die Raiffeisenstraße errichten. Parallel wird auf 500 Metern die bestehende Gleisstrecke in der Schönebecker Straße zwischen der Benediktinerstraße und der Budenbergstraße ausgebaut. Dieses Vorhaben ist der siebente Bauabschnitt des Großprojektes zweiten Nord-Süd-Verbindung.

In der zweiten Bauphase ist eine Vollsperrung für den Kfz-Verkehr zwischen Warschauer Str. und Bleckenburgstraße/Budenbergstraße vom 27. April bis 29. November 2020 vorgesehen

Buckau l Eine Katastrophe nennt Aleksandr Davidov die seit Monaten andauernde Situation in Buckau. Die Großbaustelle an der Schönebecker Straße zerstöre Existenzen. Kunden bleiben fern. Mehr als 40 Prozent Umsatzeinbußen hat der Schuhmacher aus dem Engpass. Seit 2012 betreibt er dort sein Geschäft. Nun zwing der Baustellenfrust ihn in die Knie. Der Vertrag ist gekündigt. Er zieht nach Stadtfeld. „In eine lebendige Straße“, wie er sagt. „Buckau ist tot.“ Lange habe er versucht durchzuhalten, doch vor dem Hintergrund, dass von April bis September 2020 die Schönebecker Straße auch noch komplett gesperrt wird, sieht der 45-Jährige keinen anderen Ausweg.

Früher kamen die Kunden aus dem gesamten Stadtgebiet gezielt zu ihm in den Engpass. Schließlich gibt es nicht mehr viele seiner Zunft. Doch diese Kunden kommen nicht mehr. Bevor man überhaupt nach Buckau kommt, stehe man ewig im Stau. Gerade zum Feierabendverkehr benötigen Autofahrer allein von der großen Kreuzung Steubenalle/Schönebecker Straße bis zum Engpass, eine Strecke von etwa einem Kilometer, gut 20 Minuten. „Und wenn man es einmal nach Buckau rein geschafft hat, kommt man nicht mehr raus. Das tut sich doch keiner an.“ Zumal der Baustellenslalom und die verstopften Straßen im gesamten Stadtgebiet ohnehin an den Nerven der Menschen zerren. Eine Tortur, die sich auch auf die Paketzustellung auswirkt. Bisher war das Geschäft des Schuhmachers zugleich Annahmestelle für Pakete. Drei Lieferanten habe er gehabt. Jetzt sei es nur noch einer. „Ich will hier wirklich nicht weg, aber es geht einfach nicht mehr.“

Basteleck schloss auch bereits

Damit ist Aleksandr Davidov der nächste, der der Baustelle zum Opfer gefallen ist. Erst vor wenigen Wochen schloss das „Basteleck Bertram“. Auch in dem langjährig im Stadtteil beheimateten Fachgeschäft Ecke Dorotheenstraße/Karl-Schmidt-Straße halbierte sich der Umsatz. Nico Lühr, der das Geschäft 2016 von Gründer Horst Bertram übernommen hatte, konnte die finanziellen Einbußen nicht mehr kompensieren. Seit dem Frühjahr, der einseitigen Sperrung der Schönebecker Straße sowie der Vollsperrung der Warschauer Straße, sei der Umsatz deutlich zurückgegangen. Die Sperrung mittels Errichtung einer Mauer in der Coquistraße habe diese Entwicklung weiter beschleunigt.

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Ebenfalls wegen der Baustelle in finanzielle Not geraten, ist die Kantine B an der Schönebecker Straße. Das Betreiber-Duo Andreas Sachsenmaier und Heinz Schäfer beklagte schon im Frühjahr Umsatzeinbußen von 40 Prozent beim Mittagessen und etwa 70 Prozent beim Frühstück. Es waren vor allem Mitarbeiter von Entsorgungsunternehmen, der Stadtwirtschaft und der Deutschen Bahn, die in die Kantine zum Essen kamen – der große Parkplatz vor dem Gebäude bot ihren Fahrzeugen genügend Stellfläche. Doch mit Beginn der Bauarbeiten auf der Schönebecker Straße blieb der Parkplatz so gut wie leer. Obgleich die Betreiber eine Schließung ankündigten, hat die Kantine B nach wie vor geöffnet.

Nach den Problemen der Kantine und der Schließung des Bastelecks verabschiedet sich nun der Schuhmacher. Bis Mitte Februar sei er noch im Engpass, ab 15. März in der Olvenstedter 15 Straße zu finden. Dort übernimmt er einen Schlüsseldienst mit Schuhreparatur, wie er verrät. Aleksandr Davidov arbeitet seit 1995 als Schuhmacher. Zunächst in seiner Heimat Usbekistan. 2004 zog er nach Hettstedt, 2006 kam er nach Magdeburg.