Magdeburg l Der Lohnzettel für den Monat November ist das letzte Schriftstück, das Jan Ehrecke von seiner Zeitarbeitsfirma im vergangenen Dezember erhält. Doch das Gehalt wurde nie überwiesen. Als das Einkommen so kurz vor Weihnachten plötzlich ausbleibt, will der 33-Jährige bei seinem Arbeitgeber nachfragen. Jedoch: Niemand ist mehr zu erreichen, die Firma existiert in den ehemaligen Büroräumen nicht mehr, die Telefonnummer funktioniert nicht mehr.

Alles, was Jan Ehrecke noch per Post mitgeteilt wurde: Es soll einen neuen Geschäftsführer geben – in Hessen. Für den Angestellten ist keine Kontaktaufnahme möglich. Auch die Volksstimme hat versucht, diesen Mann zu erreichen. Im Handelsregister ist nur eine Adresse zu finden. Auf einen Brief gibt es keine Reaktion. Der Brief an die vorherigen Magdeburger Geschäftsführer kam zurück. Mit dem Vermerk: Firma unter der angegebenen Anschrift nicht zu ermitteln.

Kein Lohn, keine Versicherung

Wenige Tage vor Weihnachten dann die erschreckende Nachricht für Jan Ehrecke: Der Geschäftsführer aus Hessen sendet eine Kündigung. Zum 31. Dezember sei das Arbeitsverhältnis beendet. Bis dahin ist es nur noch knapp eine Woche. Ein Grund wird nicht genannt. Bis heute steht die Zahlung von zwei Monatsgehältern aus. Auch im Dezember arbeitet der zweifache Familienvater weiter für den Auftraggeber, an den er zu diesem Zeitpunkt verliehen war.

Als er nach der Kündigung sich bei der Krankenkasse meldet, erfährt Jan Ehrecke, dass er seit Anfang Dezember nicht mehr krankenversichert war, die Geschäftsführung seiner Zeitarbeitsfirma hatte ihn bereits abgemeldet. Für den 33-Jährigen ein Unding. Sieben Jahre lang hatte Jan Ehrecke für das Magdeburger Unternehmen gearbeitet. Regelmäßig wechselte die Anschrift der Büroräume. Sogar ein Insolvenzverfahren machte er bei der Firma mit.

Kein Weihnachtsgeschenk für die Frau

„Das kann jedem mal passieren“, erklärt der junge Mann verständnisvoll.

Doch mit dem Verständnis ist es vorbei. Jan Ehrecke kämpft mit Hilfe eines Rechtsanwaltes jetzt um das verlorene Geld – mehrere Tausend Euro. Die Kündigung sei unwirksam, hat sein Anwalt bereits deutlich gemacht. Denn: Nach sieben Jahren im Unternehmen müsste die Frist bei mehreren Monaten liegen. Der Anwalt sucht jetzt den Kontakt zu den Verantwortlichen. „Ich glaube schon nicht mehr daran, dass ich mein Geld jemals bekomme“, sagt der 33-Jährige, dem die angesammelten Rechnungen der vergangenen Wochen schwer zu schaffen machen. Zu Weihnachten habe er gerade noch Geschenke für die Kinder besorgen können. „Meine Frau musste leider verzichten.“

Sieben Jahre sind verloren

Jan Ehrecke hatte sich sofort nach einer neuen Firma umgesehen. Seit Anfang Januar ist er bei einem anderen Zeitarbeitsunternehmen angestellt und kann weiter für denselben Auftraggeber im Bereich Windenergie arbeiten. Allerdings zu den Konditionen eines Neueinsteigers – alles, was er sich in sieben Jahren Betriebszugehörigkeit erarbeitet hatte, ist verloren. Er ist nicht der Einzige. Auch einige seiner Kollegen waren bei der plötzlich verschwundenen Firma angestellt.

Im Bezirk der Magdeburger Arbeitsagentur gibt es fast 200 Zeitarbeitsunternehmen mit der Erlaubnis der Bundesagentur für Arbeit zur Arbeitnehmerüberlassung. Doch wie schützt man sich vor so einem dubiosen Vorgehen wie im Fall von Jan Ehrecke? Die Volksstimme hat beim Interessenverband Deutscher Zeitarbeitsunternehmen nachgefragt. Sprecher Wolfram Linke: „Wir haben einen eigenen Ethik-Kodex formuliert, dem alle Mitglieder zugestimmt haben.“

Zeitarbeitsfirma genau anschauen

Sobald ein Arbeitnehmer sich benachteiligt fühle, kümmere sich unter anderem eine unabhängige Kontakt- und Schlichtungsstelle um die Probleme. Arbeitnehmer sollten darauf achten, dass das jeweilige Zeitarbeitsunternehmen entweder zum Interessenverband oder zum Bundesarbeitgeberverband der Personaldienstleister gehört und sich an die Tarifverträge hält. In Jan Ehreckes Fall gehörte die Magdeburger Firma offensichtlich zu keinem der Verbände.