Von Magdeburg nach China

Matthias Bauer ist in Sudenburg aufgewachsen und hat 1992 im Magdeburger Armaturenwerk (MAW) eine Berufsausbildung mit Abitur abgeschlossen. Anschließend studierte er Architektur an der TU Dresden.

Nach Studienschluss arbeitete Bauer als Architekt in England und wurde 2003 vom dortigen Arbeitgeber nach China entsandt – ursprünglich für zwei Monate.

In Zeiten des chinesischen Immobilien-Booms wollte der chinesische Firmensitz Bauer behalten – er blieb. Nach drei Jahren in Tianjin ging der Architekt für ein Jahr nach Shanghai, dann für zehn Jahre nach Peking und kehrte 2018 nach Tianjin zurück, wo er heute mit Frau und Kind seinen Lebensmittelpunkt hat.

Beruflich ist Bauer in China mit städtebaulichen Konzepten und Strategien, zum Beispiel für Wohnviertel, Tourismus-Attraktionen, Geschäftsviertel und Gewerbeparks befasst, aber auch mit Planungen für den öffentlichen Nahverkehr und zu neuen Hochgeschwindigkeitsstrecken der Eisenbahn. „Als ausländischer Experte wird von mir erwartet, dass ich innovative Ideen einbringe, etwa zur nachhaltigen Regenwassernutzung, zum Hochwasserschutz oder moderne Konzepte für öffentliche Verkehrsmittel oder fürs Radfahren.“

Magdeburg l Seit 17 Jahren lebt der Magdeburger Matthias Bauer in China. Der Architekt wohnt und arbeitet in der 15-Millionen-Metropole Tianjin. Im über die Kontinente per E-Mail geführten Gespräch mit Volksstimme-Redakteurin Katja Tessnow berichtet Bauer aus persönlichem Erleben über den Umgang Chinas mit der Corona-Krise.

Volksstimme: Wie geht es Ihnen und Ihrer Familie in Tianjin aktuell?

Matthias Bauer: Niemand in meiner Familie oder meinem Freundes- und Bekanntenkreis hat sich infiziert. In Tianjin gibt es seit zwölf Tagen (Stand 13. März 2020) keinerlei neue Infektionen mehr und nur noch eine Handvoll Patienten, nach letztem Stand zwei Personen, sind noch im Krankenhaus. Wir denken, wir haben hier das Gröbste überstanden.

Volksstimme: Wie haben Sie die vergangenen Wochen und Monate in der chinesischen Millionenstadt erlebt?

Matthias Bauer: Der Ausbruch Ende Januar 2020 begann kurz vor dem chinesischen Neujahrsfest. Eigentlich hatten wir Pläne für einen Kurzurlaub, die wir natürlich abgeblasen haben. Stattdessen haben wir die Feiertage bei den Schwiegereltern in der nahe gelegenen Kleinstadt verbracht. Nach dem Neujahrsfest sind wir nach Tianjin zurückgekehrt, wo seitens der Regierung empfohlen wurde, in Selbst-Quarantäne zu Hause zu bleiben und nach Möglichkeit nicht raus zu gehen. Ein striktes Ausgehverbot gab und gibt es jedoch nicht. Am Eingang der Wohnsiedlung werden die Namen registriert und die Körpertemperatur gemessen. Man kann sich in der Stadt problemlos frei bewegen, zu Fuß, mit dem Fahrrad oder Auto. Reisen außerhalb der Stadtgrenzen, in andere Provinzen, sind jedoch stark eingeschränkt.

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Volksstimme: Haben Sie sich an die Quarantäne-Empfehlung gehalten?

Matthias Bauer: Ja, in den ersten zwei Wochen sind wir komplett zu Hause geblieben und haben uns mit Lebensmittellieferungen aus dem Internet versorgt. Später habe ich von zu Hause aus gearbeitet und wir sind ab und zu mal rausgegangen; inzwischen gehe ich wieder ins Büro. Der Online-Lebensmittelhandel hat während der ganzen Zeit tadellos funktioniert. Frisches Obst und Gemüse waren jederzeit erhältlich, auch importierte ausländische Lebensmittel wie zum Beispiel Käse. Während der selbst auferlegten Quarantäne haben wir viel selbst gekocht und Brot und Kuchen gebacken. Mit unserer Tochter haben wir gebastelt und gemalt. Meine Frau machte Yoga und ich selbst hatte endlich mal genug Zeit, um mich fit zu halten und mir ein paar Muskeln anzutrainieren. Grundsätzlich ist es aber schon eine Belastung und eine Bewährungsprobe für die Familie und die Ehe, wenn man wochenlang so eng beieinander ist.

Unterricht via Live-Stream

Volksstimme: Wie geht das chinesische Bildungswesen mit der Krise um? Sind die Schulen in Tianjin geöffnet?

Matthias Bauer: Unsere Tochter ist neun Jahre alt und geht auf eine lokale chinesische Schule, die der hiesigen Universität angegliedert ist. Alle Schulen wurden im Januar geschlossen und bis heute auch noch nicht wieder geöffnet. Unterrichtet wird übers Internet. Morgens gibt es eine etwa einstündige Online-Konferenz, also einen Live-Stream, bei dem die Lehrer mit den Kindern per Video kommunizieren und Aufgaben erteilen. Danach gibt es digitale Hausaufgaben, vor allem in Chinesisch, Mathematik und Englisch. Das funktioniert ganz gut, ist aber sicher nicht so effektiv wie richtiger Unterricht und für die Kinder auf Dauer auch ein bisschen eintönig ohne Kontakt zu den Schulfreunden.

Volksstimme. Gibt es seit Januar 2020 überhaupt ein öffentliches Leben in Tianjin?

Matthias Bauer: In der Innenstadt und auf den Straßen ist nicht viel los, aber die Situation normalisiert sich langsam wieder. Restaurants und Cafés waren und sind immer noch weitgehend geschlossen. Auch die großen Einkaufszentren waren alle zu. Einige haben aber seit Mittwoch (11. März 2020) endlich wieder aufgemacht. Supermärkte waren während der gesamten Krisenzeit stets geöffnet. Ich glaube, die lokale Bevölkerung kann es kaum erwarten, endlich wieder raus zu gehen und mit Freunden und Familienmitgliedern essen gehen zu können. Chinesen sind normalerweise sehr gesellig!

Ausreise erwogen

Volksstimme: Als das Virus in Teilen von China massenhaft ausbrach, haben Sie an eine Ausreise ins damals noch nicht betroffene Deutschland gedacht?

Wir haben das diskutiert. Für meine Tochter hätte es aber eine Unterbrechung der Schule bedeutet und für mich eine Unterbrechung des Arbeitsverhältnisses. Letztendlich ist in Tianjin die Situation nie so schwerwiegend gewesen wie in Wuhan und der Hubei-Provinz. Insgesamt gab es in der Stadt nur 136 bestätigte Fälle des Corona-Virus, das ist nur ein Bruchteil der Fälle in Wuhan und entspricht 0,001 Prozent der Bevölkerung. Nichtsdestotrotz gab es Einschränkungen und Quarantäne-Maßnahmen, die sich letztlich aber als wirksam erwiesen haben. Ein lokaler Ausbruch in einem Kaufhaus in einer nördlich von Tianjin gelegenen Vorstadt konnte so zum Beispiel schnell eingedämmt werden.

Volksstimme: Welche Vorkehrungen treffen Sie zu Ihrem Schutz?

Erstens: Außerhalb der Wohnung tragen wir immer eine Gesichtsmaske. Auch bei der Arbeit im Büro tragen alle Mitarbeiter eine Maske. Der Zweck der Maske ist nicht, sich selbst vor Ansteckung zu schützen, sondern vielmehr, andere Menschen zu schützen, wenn man selbst unwissentlich das Virus mit sich trägt. Das Virus kann durch Husten, Niesen oder Tröpfchen in der Atemluft übertragen werden, deshalb ist eine Maske – entgegen der landläufigen Meinung in Deutschland – absolut sinnvoll.Dies gilt umso mehr, weil die Infektion zu Beginn oft keine Symptome aufweist und die Infizierten ungewollt das Virus weiterverbreiten.

Zweitens: Wir waschen regelmäßig die Hände mit Seife und benutzen Desinfektionsmittel für die Hände und für Gegenstände, die man häufig anfasst, zum Beispiel das Handy, die Computer-Tastatur oder Türklinken.

Drittens: Am Eingang unseres Wohnviertels und am Eingang meines Bürogebäudes werden alle ein- und ausgehenden Personen registriert und die Körpertemperatur gemessen. Desinfektionsmittel für die Hände stehen überall bereit. Die Knöpfe im Aufzug werden regelmäßig desinfiziert.

Viertens: Im öffentlichen Raum wird empfohlen, mindestens 1,5 Meter Abstand zu anderen Personen zu halten und Menschenansammlungen zu vermeiden.

Fünftens: Man selbst sollte sich gesund und fit halten, sich vitaminreich ernähren und die Abwehrkräfte stärken.

Masken tragen!

Volksstimme: Was raten Sie den Menschen in Ihrer Heimatstadt Magdeburg, in der die ersten Infektionsfälle eben erst registriert werden?

Matthias Bauer: Meine Bitte an die Magdeburger: Bitte tragt alle (!) eine Gesichtsmaske vor Mund und Nase, wenn Ihr rausgeht, auch wenn es unbequem ist. Tut es nicht für Euch selbst, sondern um Eure Mitmenschen vor ungewollter Ansteckung zu schützen! Ihr selbst könntet das Virus in Euch tragen, ohne es zu wissen! Macht Euch nicht über Leute lustig, die eine Maske tragen – sie tun das, um andere zu schützen, nicht sich selbst. Wascht euch regelmäßig die Hände und benutzt Desinfektionsmittel.

Und ganz wichtig: Gebt nicht den in Sachsen-Anhalt lebenden Chinesen oder anderen asiatisch aussehenden Menschen die Schuld! Sie sind nicht persönlich für die Epidemie verantwortlich, repräsentieren nicht die kommunistische Partei und sind bei uns in Sachsen-Anhalt, weil es ihnen hier gefällt. Jetzt wäre eine gute Gelegenheit, mal mit chinesischen Studenten in Magdeburg ins Gespräch zu kommen. Fragt sie doch einfach mal, wie es ihrer Familie zu Hause in China ergeht.

Nach dem Interview schickte Matthias Bauer noch ein PS an die Redaktion. Er schreibt: Ich habe gestern mit meinen Verwandten in Deutschland gechattet, darunter eine Grundschullehrerin und eine Altenpflegerin. Beide berichteten, dass niemand Masken trägt, weder die Lehrerinnen noch die Altenpflegerinnen. Auch die Desinfektionsmaßnahmen klangen eher halbherzig. Aus chinesischer Sicht ist das alarmierend und nicht recht nachvollziehbar.