Puppentheater

Das Foto eines Kindes im Kühlschrank wird in Magdeburg zum Sinnbild der Corona-Pandemie

Wie die Theaterpädagoginnen des Puppentheaters Kultur trotz Beschränkungen durch den Corona-Lockdown zu Kindern und Jugendlichen bringen

Von Christina Bendigs • 12.4.2021, 00:17 • Aktualisiert: 10:03

Magdeburg. Er sitzt zusammengekauert in einem ausgeräumten Kühlschrank und löffelt einen Joghurt. Der Schüler Esteban Bernez ließ sich zu diesem Fotomotiv inspirieren, das Célia Bernez aufnahm und schließlich an die Theaterpädagoginnen des Puppentheaters schickte. Die empfanden das Foto sinnbildlich für Kinder in der Corona-Pandemie – Schule findet zu Hause statt, auch viele Hobbys und Freizeitaktivitäten sind aufgrund des Lockdowns auf Eis gelegt. Kinder sind isoliert. Die beiden Theaterpädagoginnen griffen es nicht nur in einem offenen Brief an Bildungsminister Marco Tullner auf, sondern machten es auch zum Motto der neuen Saison des Puppenspielclubs „PSC Mini“.

Was kann in einem Kühlschrank passieren, lautete die große Frage. Und die Kinder haben inzwischen zahlreiche Antworten darauf gefunden, die zu einer Geschichte zusammengefügt werden. Von Zeitreisen bis zu geheimnisvollen Kühlschrank-Monstern sind viele Ideen entstanden, die man auch in dem Video auf der Seite der Theaterpädagogik des Puppentheaters sehen kann. Und die sollen nun zu einem Gesamtwerk zusammengefügt werden. Der genaue Termin für die digitale Werkschau steht noch nicht fest. Das Publikum wird dann eingeladen sein, Rätsel und kleine Aufgaben zu lösen. Ein ganzes Stück Arbeit liegt auch noch vor den PSC Minis. Digital, versteht sich. Denn nachdem es im Sommer vergangenen Jahres zunächst Lockerungen gegeben hatte und bis Oktober über einen kurzen Zeitraum wieder eine physische Begegnung möglich war, folgte der nächste. Die Theaterpädagoginnen waren darauf bereits vorbereitet. Die Kinder lernten, sich mit Internetplattformen auseinanderzusetzen und fanden auf diese Weise eine neue Spielpalette.

Auf den Brief an Marco Tullner hätten die Theaterpädagoginnen des Puppentheaters nie eine Antwort bekommen, berichten sie im Volksstimme-Gespräch. Sie hatten im Sommer 2020 gewarnt, dass jegliche kulturellen Aktivitäten für Kinder und Jugendliche nicht nur vorübergehend bedingt durch die Covid-19-Pandemie zurückgestellt werden könnten. Sie verwiesen gleichermaßen auf die Gefahr, dass bei den Rettungsversuchen kulturelle Bildung zunehmend ins Abseits geraten könnte. Anlässlich des Welttages des Theaters für Kinder und Jugendliche wandten sie sich am 19. März dieses Jahres erneut an den Bildungsminister und die Kultur- und Bildungspolitik im Allgemeinen.

Bildungsminister Tullner soll Kindern Zugang zur Kultur auch in der Pandemie ermöglichen

„Der prophezeite Frostschaden scheint bereits eingetreten zu sein“, heißt es etwa ein dreiviertel Jahr nach dem ersten Brief. „Bis heute sind die Möglichkeiten, Kindern und Jugendlichen Angebote zu machen, sich kulturell zu beteiligen, ihnen ein Sprachrohr für ihre Kreativität und Hoffnungen zu geben, immens eingeschränkt.“ Und eine Lösung der Problematik sei nicht in Sicht. Kulturelle Bildung sei in die hinterste Ecke des Kühlschranks geschoben worden. Sie fordern Tullner auf, Rahmenbedingungen zu schaffen, die es jedem Kind ermöglichen, sich an Kunst und Kultur zu beteiligen. „Kunst ist kein Luxusgut – Kunst ist ein Lebensmittel.“

Damit dieses Lebensmittel die Kinder erreicht, haben sich die Theaterpädagoginnen auf die neue Situation eingestellt und nicht nur Forderungen gegenüber der Politik aufgemacht, sondern auch selbst die Initiative ergriffen.

Die Theaterpädagoginnen boten beispielsweise Fortbildungen für Lehrer an, wie sie mit Schülern digital arbeiten können, gestalteten Videos zu geplanten Premieren, um Kindern einen Blick hinter die Kulissen einer Puppentheaterproduktion zu ermöglichen, schrieben als eine Art Nebengeschichte zur ausgefallenen Premiere von „Der kleine Maulwurf“ ein digitales Mit-Mach-Hörspiel für Kinder ab 3 und ihre Familien, gestalteten einen interaktiven Parcours zum Thema Verdauung, der zum Nachahmen einlädt. Das museumspädagogische Format „Escape Kasper“, das an den Trend der Exitgames angelegt ist, bauten sie zum digitalen Format um, das Kinder und Jugendliche bald direkt aus dem Klassenzimmer besuchen können, ohne dafür das Klassenzimmer zu verlassen. „Das ist etwas, das wir auch über die Pandemie hinaus anbieten können“, sind sich die beiden Theaterpädagoginnen sicher, die versuchen, der Pandemie Positives abzuringen. Weitere Ideen für neue Formate seien noch in der Planung.

Kita-Erzieherinnen entwickeln Puppentheater unter Anleitung der Theaterpädagoginnen

Und manchmal sind es die potenziellen Zuschauer, die selbst die Initiative ergreifen. Die Kindertagesstätte Wolkenschäfchen etwa ging auf die Theaterpädagoginnen zu: Wenn das Puppentheater nicht in die Kita kommen kann und die Kita nicht ins Puppentheater, vielleicht wäre es dann möglich, dass die Erzieherinnen unter Anleitung der Theaterpädagoginnen ein Stück für die Kinder entwickeln. Los geht’s nun am 15. April. Die Premiere ist für den Sommer geplant. „Wir merken im Allgemeinen, dass die Kindertagesstätten sehr aufgeschlossen sind“, berichten die Theaterpädagoginnen. Der Weg in die Schulen sei angesichts der schwierigen Situation von digitalem Unterricht und die Arbeit im Homeoffice eher schwierig.

Immer wieder sind die Theaterpädagoginnen daher am Hadern: Sind die positiven Effekte wirklich positiv? Was macht die Distanz mit allen Beteiligten? Was macht der Lockdown mit Sprache? Was macht es mit dem Menschen, der sich bei jeder Handlung in der Videoübertragung sofort gespiegelt sieht? Verlernen wir es, analog miteinander zu kommunizieren? Welche Auswirkungen hat der langhaltende Stillstand perspektivisch auf die Arbeit der Theaterpädagoginnen? Daraus leitet sich auch die Frage ab: „Wie können wir die Kinder auffangen mit dem, was sie fühlen und erlebt haben?

Bei aller Skepsis und dem Wunsch nach einem analogen Wiedersehen in den Räumen des Puppentheaters bleibt dennoch eines zurück: die Dankbarkeit für jede Alternative. „Die Situation lehrt einen, einfach zu machen und zu gucken, ob es funktioniert“, da sind sich die beiden einig. Und sie wollen kreativ und mutig bleiben, um auch etwaige neuerliche Lockdown-Zeiträume zu überbrücken.