Magdeburg l Fast drei Meter ragt eine neu gepflanzte Bergulme inzwischen in die Höhe. Der Baum im Hof des neuen Karrees des Wohnviertels an der Kreuzung des Breiten Wegs mit der Danzstraße in Magdeburg ist etwas Besonderes. Denn er ist der Spross eines wahren Politikums, das sich hier im Jahr 2015 und 2016 abgespielt hat. Gewachsen ist der junge Baum aus einem der Reiser, die Falko Beyme von der Baumschule in Pechau im Jahr 2015 aus einer rund 120 Jahre alten Ulme geschnitten hatte, die im Zuge der Bauarbeiten am neuen Domviertel im Jahr 2016 ebenso wie eine große Platane gefällt worden war.

Karin Sasse ist Vorstand der Wohnungsbaugenossenschaft „Otto von Guericke“ und sagt: „Ich bin überglücklich, dass rund 30 der Reiser, die damals geschnitten wurden, zu jungen Ulmen herangewachsen sind. Für den Innenhof im Domviertel haben wir den schönsten ausgewählt.“

Fällung war vor einigen Jahren ein Politikum

Ein Politikum war die Fällung der Ulme seinerzeit aus mindestens drei Gründen. Zum Ersten ist angesichts steigender Durchschnittstemperaturen der Wert großer Bäume fürs Stadtklima immens. Viele Menschen sorgen sich, dass durch Fällungen an wichtigen Standorten das Leben in der Stadt bei hochsommerlichen Temperaturen unerträglich wird. Zum Zweiten galt gerade die Ulme vielen Menschen als eine Art hölzerner Zeitzeuge. Hatte sie doch Kaiserreich, Weimarer Republik, den Nationalsozialismus und die DDR überdauert und sollte nun gefällt werden.

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Zum Dritten sind viele Ulmenarten – darunter auch die Bergulme – durch das Ulmensterben bedroht. Durch einen Pilz sterben weltweit die Bäume der betroffenen Arten. Viel tun kann der Mensch nicht – außer zu beobachten, welche Exemplare der Gehölze gegen den Pilz resistent sind. Da die Ulme vom Domplatz nicht vom Pilz befallen war, war sie Kandidat. Wenngleich: Mit einem Gutachten war dem Gehölz bescheinigt worden, dass es in keinem guten Zustand mehr ist. Klar war also: Selbst wenn gar nichts passiert wäre, wäre der alte Baum in absehbarer Zeit aus dem Bild der Magdeburger Innenstadt verschwunden.

Unter anderem waren dennoch völlig neue Grundrisse der Neubebauung auf der Ecke Breiter Weg/Danzstraße gefordert worden, um den Baumstandort und damit die bereits mit deutlichen Alterszeichen belegte Ulme erhalten zu können.

Junge Bäume sind Klone

Nun also gibt es mit der neue gepflanzten Ulme nicht allein einen Kandidaten, denn alle Ulmenkinder, die aus den Reisern des alten Baums gezogen worden sind, sind Klone. Sprich: Sie alle haben die gleichen genetischen Eigenschaften und damit womöglich auch die Resistenz gegen den Pilz, der das Ulmensterben auslöst.

Wo die einzelnen Bäumchen gepflanzt werden, steht zwar noch nicht genau fest. Aber ein guter Zeitpunkt dürfte der April sein. Dann nämlich wird die Otto-von-Guericke-Genossenschaft ihren alljährlichen Baumpflanztag begehen. Und für eine solche Aktion bieten sich – so denn genügend geeignete Standorte auch an anderen Häusern der Genossenschaft zu finden sind – die jungen Ulmen aus dem Domviertel an.

Neben den Reisern, die angesichts des nicht mehr sonderlich guten Zustands des alten Baums erstaunlich gut angewachsen sind, wurde auch das Holz des Baums nicht entsorgt sondern weitergenutzt. Im Vermietungsbüro der Genossenschaft im Domviertel, in der „Wohnbar“ steht – gewissermaßen als Bartisch – ein Möbel, das aus eben jenem Holz gezimmert ist. Ein eigens entworfenes Brandzeichen erinnert an die Herkunft des Materials: „Berg-Ulme 120 Jahre“ steht da zu lesen. Aus weiteren Teilen des Stamms sollen weitere Möbel getischlert werden, berichtete Karin Grasse im Gespräch mit der Volksstimme. Damit die Möbel jedenfalls von Dauer sind, gelte es, nichts zu überstürzen: Das Holz muss langsam getrocknet werden, damit es keine Risse bekommt.

In der zweiten Septemberhälfte übrigens möchte die Genossenschaft mit ihren Wohn- und Gewerbemietern aus dem Domviertel feiern. Selbstverständlich wird es sich dabei um ein Ulmenfest handeln.

Klimaschützer für die Innenstadt

Doch ob all dies den Verlust des großen Baumes aufwiegen kann? Klar ist schließlich: Bis die jungen Ulmen zur Größe ihres Mutterbaums herangewachsen sein werden, müssen Jahrzehnte vergehen. Und klar ist auch: Da der Baum im Hof steht, ist er fürs Klima von Interesse – ein Blickfang für die Passanten, die auf der Danzstraße unterwegs sind, wird die junge Ulme nicht wieder werden.

Auf der anderen Seite wird beim Blick in den Innenhof auch deutlich, dass sich die Genossenschaft der Bedeutung des Themas bewusst ist. Im Hof wachsen jetzt Obstgehölze, deren Früchte erklärtermaßen von den Bewohnern geerntet werden sollen und die auch für die innerstädtische Insektenwelt als weitaus wertvoller einzuschätzen ist als die gepflegteste Buchsbaumhecke. Vor allem aber: Mehrere alte Bäume sind im Gegensatz zur Ulme gerettet worden.

Sie standen der nicht zuletzt vom Stadtrat beschlossenen Blockbebauung nicht im Weg, waren in einem deutlich besseren Zustand als die Ulme und wurden von den Bauarbeitern, die das von der Magdeburger Wohnungsgenossenschaft (MWG) gebaute „Parkhaus am Dom“ bauten, pfleglich behandelt. Das Parkhaus schließt den gemeinsam von Gebäuden der MWG, der Wobau und eben der Wohnungsbaugenossenschaft „Otto von Guericke“ umstandenen Hof zur Leibnizstraße hin ab.