Magdeburg l Jedes Jahr verleiht der Architekten- und Ingenieur-Verein zu Magdeburg von 1876 (AIV) eine oder mehrere Auszeichnungen fürs Bauwerk des Jahres. Mit dem undotierten Preis sollen Arbeiten von Architekten und Ingenieuren gewürdigt werden, die mit besonderen Ideen und Leistungen neue Bauwerke schaffen oder bestehende aufwerten.

In diesem Jahr geht der „Magdeburger Architekten- und Ingenieurpreis“ an das Gemeindehaus der Evangelisch-reformierten Gemeinde Magdeburg, das im vergangenen Jahr als moderner Einbau in das Schiff der gotischen Wallonerkirche fertiggestellt wurde. Dieses Bauwerk an der Neustädter Straße hatte sich bei der Diskussion der Jury relativ schnell als Preisträger herauskristallisiert.

Diskussion in der Jury

Uwe Blechschmidt steht dem Architekten- und Ingenieur-Verein vor und sagt: „Es handelt sich um eine faszinierende Idee, das Gemeindehaus in das historische Kirchenschiff einzubauen.“ Wenngleich genau dies auch zu Diskussionen in der Jury führte: Was ist das Kriterium der städtebaulichen Wirkung wert, wenn sich am Äußeren nichts ändert? Vielleicht ist das ja gerade der Wert, dass auf einen Anbau an die Kirche verzichtet werden kann und die Kirche als Wahrzeichen der mittelalterlichen Bedeutung Magdeburgs unverändert erhalten wird? Im Zuge der Diskussion einigten sich die Jurymitglieder, das eine Kriterium nicht zum Dogma zu erheben: Die Aufwertung der Kirche selbst sei schon ein Grund für die Auszeichnung mit dem Titel „Bauwerk des Jahres 2015“.

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Bei dem Gemeindehaus handelt es sich um ein zweigeschossiges Gebäude, das im Langschiff der Kirche aus dem Jahr 1285 seinen Platz gefunden hat. Es ersetzt die bisherigen angemieteten Räume der Gemeinde. In der Beschreibung zu dem Bauwerk heißt es, dass der Baukörper mit verglasten Öffnungskonstruktionen die Breite des Raums einnimmt. Dank der Rückverlegung des bisherigen, seitlich angeordneten Haupteingangs ins alte Westportal werde die historisch gewollte Raumwirkung beim Eintritt in die Hallenkirche mit Blick in Chorrichtung wiederhergestellt. „Die beabsichtigte Transparenz und Leichtigkeit des Einbaus wurde dabei durch die zartgliedrige Stahlkonstruktion mit zwischengestellten Innenraumwänden und Glasflächen erzielt“, heißt es in der Vorstellung des Preisträger-Bauwerks.

Große Aufmerksamkeit erzeugt

Für Freude sorgt die Auszeichnung nicht zuletzt beim Bauherrn. Der Presbyter Thomas Böttcher ist im Vorstand der Evangelisch-reformierten Gemeinde Magdeburg. Er berichtet: „Der Bau unseres Gemeindehauses im Inneren der Hallenkirche hat sehr viel Aufmerksamkeit nach sich gezogen.“ Immer wieder kommen Besucher eigens, um sich diese moderne Ergänzung für das im Zweiten Weltkrieg zerstörte und wieder aufgebaute Kirchengebäude anzuschauen. Der Aufbau wurde in den 1960er Jahren maßgeblich von der Altstadtgemeinde ausgeführt. Immer wieder wird das Gemeindehaus auch für Veranstaltungen über das übliche Gemeindeleben hinaus genutzt.

Der Vorsitzende des Presbyteriums, wie sich der Gemeinderat bei der reformierten Gemeinde nennt, berichtet, dass sich die Zusammenarbeit mit den Architekten Ulrike und Alexander Tietze vom Büro Steinblock Architekten als sehr fruchtbar erwiesen hat. Die Idee, das Gemeindehaus direkt in die Halle zu setzen, war ein Vorschlag der Architektin. Beispielsweise wurde neben dem reinen Bau des Gebäudes auch die Installation eines neuen Beleuchtungskonzepts in der Hallenkirche umgesetzt. Bei der Finanzierung, so Böttcher, konnte vollständig auf Fördermittel verzichtet werden.

Auch Beimssiedlung im Fokus

Lobende Anerkennungen sprach die Jury aus Mitgliedern des Vereins und weiteren Sachverständigen für das Jahr 2015 für den Neubau von B.T. Innovation in der Sudenburger Wuhne 60 sowie für den vierten und fünften Bauabschnitt des Gebäudeensembles der Getec in der Albert-Vater-Straße 50 aus. In der Diskussion um die Preisvergabe spielte daneben aber auch die Sanierung von Wohnhäusern in der Völpker Straße in der Beimssiedlung aus der Bauhauszeit eine wichtige Rolle.