Magdeburg l „Ich habe erst gar nicht so richtig mitbekommen, was sich da gerade abspielte“, beginnt Rami El Matine zu erzählen, was am 18. April 2019 in Magdeburg geschah. Es ist Gründonnerstag. Die Sonne scheint. Der Medizinstudent fährt am frühen Nachmittag vom Universitätsklinikum in Richtung Innenstadt und bemerkt im Augenwinkel eine Auseinandersetzung.

„Ich sah, wie ein Typ auf ein junges Mädchen einschlug und dachte zunächst, dass ich mir das einbilde – schließlich saßen ringsherum Fahrgäste und keiner reagierte“, sagt der 29-Jährige. In Höhe des Landgerichts in der Halberstädter Straße kommt die Bahn zum Stehen. Das junge Mädchen torkelt auf die Straße, der wesentlich ältere Angreifer folgt ihr. Rami El Matine will helfen und brüllt den Fremden an. „Ich wollte einfach, dass er aufhört.“

Heftige Schläge gegen Studenten

Als der Schläger wieder in die Bahn einsteigt und auf ihn zugeht, beginnt der zweite Teil des Gewaltexzesses. Der Fremde schlägt unvermittelt zu. Der Student fällt aufgrund der Wucht zu Boden. Es folgen weitere Schläge und auch Tritte. Minutenlang. Die anderen Fahrgäste verlassen die Straßenbahn, die Türen schließen sich. „Es fühlte sich wie eine Ewigkeit an. Ich habe gehofft, dass der Typ von jemandem gestoppt wird, endlich Hilfe kommt“, so El Matine. Irgendwann zieht ihn jemand weg, so seine Erinnerung.

Kurze Zeit später ist der Student wieder zurück im Universitätsklinikum. Allerdings in der Notaufnahme. Platzwunden am Kopf müssen versorgt werden. Die Vorderwand seiner Stirnhöhle ist gebrochen. Eine Operation folgt wenige Tage später, eine Platte wird eingesetzt. Auch das junge Mädchen ist im Krankenhaus. Ihre Nase und ein Augenhöhlenring sind gebrochen, so ein Auszug der Liste ihrer Verletzungen.

Angreifer ist polizeibekannt

Die 18-Jährige ist zur falschen Zeit am falschen Ort, als sie wahllos und ohne Vorwarnung zur Zielscheibe des Schlägers wird. Das ergeben die Ermittlungen. Es stellt sich heraus, dass es sich beim Angreifer um einen 34-jährigen Mann aus Syrien handelt, der wegen mehrerer Körperverletzungen bereits polizeibekannt ist. Dass er nach seiner Prügelattacke in der Bahn in eine Psychiatrie eingewiesen wird, aus der er sich selbst entlässt, wirft Fragen auf.

„Ich hätte es nicht mit meinem Gewissen vereinbaren können, wenn ich ihr nicht geholfen hätte“, sagt Rami El Matine Freunden und seiner Familie. Und jedem, der ihn nach den Ereignissen in der Straßenbahn fragt und wissen will, warum er der Gymnasiastin geholfen hat. Es sind nicht wenige. „Mir ist die ganze Aufmerksamkeit etwas zu viel geworden. Ich musste das alles erst einmal verarbeiten“, sagt er mit ruhiger Stimme. Noch Wochen kreisen seine Gedanken um die Ereignisse vom 18. März. „In der Straßenbahn habe ich ständig drauf geachtet, wo ich mich hinsetze und wer zusteigt. Das ist jetzt schon wesentlich entspannter“, sagt er mit einem Lächeln.

Schläger würdigt Opfer keines Blickes

Beim Verarbeiten hilft ihm der Prozess gegen den Angreifer, bei dem er als Nebenkläger auftritt. Auch wenn sich Rami El Matine unsicher ist, im Gerichtssaal zu erscheinen, tritt er dem Schläger gegenüber. „Er hat mich nicht eines Blickes gewürdigt. Die Entschuldigung kurz vor Prozessende war wohl auch nur für das Protokoll“, so El Matine. Dennoch fühlt er sich irgendwie befreit. Ein gutes Gefühl gibt ihm auch der Kontakt mit der Gymnasiastin und ihrer Familie. Sie tauschen sich über das Erlebte aus und lernen sich kennen. „Dass sie das Abitur bestanden hat, ist nach diesem Vorfall unglaublich und freut mich sehr“, so El Matine.

Er ist vor drei Jahren für das Medizinstudium aus Ostfriesland nach Magdeburg gekommen. Zur Vorbereitung absolvierte er eine Ausbildung zum Rettungssanitäter. „Der eine oder andere Freund rümpfte mit der Nase, weil er Magdeburg nicht kannte. Ich hatte einen sehr guten Eindruck, als ich das erste Mal hier war“, so El Matine, dessen Eltern Lehrer sind und oft mit ihm und seiner Schwester umgezogen sind.

So gesehen ist sein Studium in Magdeburg schon eine lange Zeit, die er an einem Ort verbringt. Sie soll nach den Prüfungen im kommenden Jahr in die Verlängerung gehen, wenn das Praktische Jahr (PJ) ansteht. „Das würde mich freuen. Daran hat der Vorfall vom Donnerstag vor Ostern nichts geändert“, so El Matine, der in Paderborn geboren wurde. Gerade ist er von einer WG in eine Wohnung gezogen und ist in einer Beziehung. Die Zeichen stehen auf Anfang.

Alles rund um die Wahl zum "Magdeburger des Jahres 2019" finden sie hier.

Direkt zur Abstimmung geht es hier.