Magdeburg l Gerade erst wurde der Magdeburger Johannes Mallow zum Superbrain Vietnam gekürt, da ging die Reise auch schon weiter nach China, wo die Weltmeisterschaften im Gedächtnissport ausgetragen wurden. Seit 15 Jahren trainiert der heute 38-Jährige seine grauen Zellen und vollbringt dabei erstaunliche Leistungen. So kann er sich die Abfolge eines Kartenspiels mit 52 Karten in nur 19??Sekunden merken.

Zauberei ist das nicht, sagt er, und sein Gehirn unterscheide sich nicht von anderen. Es seien Techniken und Training, die es ihm ermöglichen, sich lange Zahlenfolgen, Gesichter und dazugehörige Namen oder eben Kartenspiele einzuprägen. Und dabei erzählt er sich immer wieder Geschichten. Die Zahlen von 000 bis 999 zum Beispiel hat er in Konsonanten übersetzt. Durch das Einfügen von Vokalen entstehen Wörter, und aus diesen Wörtern baut sich Johannes Mallow in der Reihenfolge der Zahlen eine Geschichte. Die prägt sich nämlich viel einfacher ein.

Fiktive Wege helfen beim Merken

Bei anderen Merkaufgaben hingegen durchschreitet er fiktive Wege durch seine Wohnung und legt gedanklich an Türen, Tischen und Schränken Bilder ab. Zahlreiche solcher Wege hat er im Kopf und wendet sie auf unterschiedliche Aufgaben an. Etwa 100 Gedächtnissportler in Deutschland sind im Verein Memory?XL organisiert. Johannes Mallow ist einer von ihnen.

Dabei hat er sich mit dem Gedächtnissport gewissermaßen selbst gerettet. Denn der 38-Jährige hat eine Muskelerkrankung. „Ich mochte eigentlich immer den Wettbewerb“, erzählt er. Früher spielte er zum Beispiel Tischtennis. Doch mit Fortschreiten der Krankheit musste er mehr und mehr verzichten. Auch kurze Wege wurden zur Tortur. Bald traute er sich nicht mehr aus dem Haus, aus Angst zu stürzen.

Fernsehshow mit Verona Feldbusch inspirierte

2003 sah er eine Fernsehshow, in der ein Gedächtnissportler Verona Feldbusch beibrachte, wie sie sich eine Reihe aus 20 Zahlen durch eine bestimmte Technik problemlos merken konnte. Das faszinierte Johannes Mallow, der aus Rathenow stammend inzwischen zum Studieren nach Magdeburg gekommen war. Im Internet informierte er sich über den Sport und fand schnell Gefallen daran: „Hier konnte ich mich messen und hatte gleichzeitig Spaß“, erinnert er sich.

Zunächst behielt er für sich, was er tat, aber er wurde besser und besser. 2004 nahm er bereits an der ersten Norddeutschen Meisterschaft teil. Und dann versetzte er auch Freunde, Familie und Bekannte in Staunen. Vor allem regelmäßig müsse man trainieren, um erfolgreich zu werden. Und mit dem Erfolg kam die Motivation, die Motivation, irgendwann Weltmeister zu werden. Und jene Motivation war es, die ihn mit dem Rollstuhl versöhnte, auf den er durch die schwächer werdenden Muskeln angewiesen war.

Im Rollstuhl um die Welt

Jahre hatte er sich dagegen gewehrt. Doch um Weltmeister werden zu können, „musste ich das Haus verlassen und konnte mich nicht zu Hause eingraben“, erzählt er. 2012 wurde sein großer Traum wahr. Inzwischen reist Mallow, der sich mit dem Gedächtnissport selbstständig gemacht hat, im Rollstuhl um die Welt und sieht darin nicht mehr die Einschränkung, sondern die Freiheit, all das tun zu können, was er möchte. Ganz nebenbei wird er dadurch auch zum Botschafter und Werbeträger für die Stadt Magdeburg, deren Name an entfernte Orte gebracht wird.

Meistens reist er schon einige Tage vor den Meisterschaften an, um sich vom Jetlag zu erholen. Und dann geht es noch mal in die intensive Vorbereitung, eine Mischung aus Training und Ausruhen, „schließlich möchte ich ja erfolgreich sein“, sagt er. Da hat der Sport Priorität vor touristischen Entdeckungen. Erst nach den Wettbewerben nimmt sich Johannes Mallow noch einige Tage Zeit, um die Orte, zu denen er reist, zu besichtigen.

Freie Zeit für Freunde und Spiele reserviert

Wenn er nicht mit seiner Leidenschaft beschäftigt ist, dann trifft er Freunde, seine Freundin lebt in Würzburg, klar, dass gegenseitige Besuche an der Tagesordnung sind. Und besonders gern spielt er Brettspiele, vor allem jene, die kooperativ angelegt sind. Dabei bilden alle Spieler ein Team und müssen dann Strategien entwickeln, wie sie die unterschiedlichen Aufgaben lösen können. „Man besiegt nicht den Gegner, sondern das Spiel selbst.“ Und das gefällt ihm. Und auch von Filmen lässt sich Johannes Mallow begeistern. Aber auch hier gilt: Sie müssen eine gute Geschichte erzählen.

Unter den Gedächtnissportlern zählt er bereits zu den alten Hasen. Wer heute große Meisterschaften gewinnt, ist meist erst Anfang 20. Für Johannes Mallow ist das aber umso mehr eine Herausforderung. „Ich möchte wissen, ob ich es auch in meinem Alter noch mal an die Spitze schaffen kann“, sagt er. Zukunftsmusik sind für ihn große Träume von einer Magdeburger Gedächtnissport-Hochburg. Früher trainierte er bereits Kinder, die heute längst erwachsen sind und Jobs oder einem Studium nachgehen. Darauf würde er in Zukunft wieder gern mehr den Fokus legen.

In Magdeburg promoviert

Parallel zu seiner Leidenschaft studierte er Informationstechnologie, promovierte und arbeitete an der Uni in Magdeburg. In Magdeburg fühlt er sich heimisch, auch wenn es am Anfang eine ganz schöne Umstellung gewesen sei. Was Johannes Mallow vom Leben gelernt hat, beschreibt er auf seiner Internetseite unter www.johannes-mallow.com: „Egal in welcher Lebenssituation Sie sich befinden, es ist immer möglich, mehr aus sich zu machen.“ Er hat es bewiesen.

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