Demografiepreis

Familienhilfe: Magdeburger Engel helfen Eltern bei der Kinderbetreuung

Das Unterstützungsangebot „wellcome“ in Magdeburg hat 2020 einen Demografiepreis Sachsen-Anhalts gewonnen. Bei diesem Landeswettbewerb werden innovative und nachhaltige Sozialprojekte ausgezeichnet.

Von Lena Kaltenbach
Wetvolle Hilfe in Magdeburg: „Engel“ Birgit Röstel mit Joana Rönsch und  ihren Zwillingen.
Wetvolle Hilfe in Magdeburg: „Engel“ Birgit Röstel mit Joana Rönsch und ihren Zwillingen. Foto: Lena Kaltenbach

Magdeburg - Wenn Birgit Röstel die Wohnung betritt, ist die Freude groß. Die zwölf Monate alten Zwillinge Julian und Marius kommen neugierig angekrabbelt, Papa Norman und Mama Joana können kurz verschnaufen. Ihr Engel ist da.

Die 64-jährige Birgit ist eine von 16 Ehrenamtlichen des Projekts „wellcome“, ein Angebot des Spielwagen e. V.

Die Engel, wie die Helfer genannt werden, werden durch eine Teamkoordinatorin – in Magdeburg ist das Carolin Kreutzer – in junge Familien vermittelt, die im ersten Jahr nach der Geburt zusätzliche Hilfe in Anspruch nehmen möchten.

Neben ihrer hauptberuflichen Arbeit als Schulsozialarbeiterin und der Betreuung ihrer eigenen zwei Kinder begleitet Kreutzer fachlich Engel und Familien bei Fragen und Problemen.

Unterstützung im Alltag

„Es ist nicht viel, aber es ist Gold wert!“, sagt Joana Rönsch (35) über die zwei bis drei Stunden, die Birgit Röstel wöchentlich da ist. Sie und ihr Mann Norman (40) hatten mit Elisabeth bereits eine dreijährige Tochter, als die beiden Zwillinge zur Welt kamen.

Sie waren Frühchen, mussten drei Monate im Krankenhaus bleiben. Dort erfuhren die Eltern im Rahmen der Nachsorge auch vom „wellcome“-Projekt und stellten Ende Oktober einen Antrag auf Unterstützung.

„Norman musste auch Elternzeit nehmen, alleine war das gar nicht zu schaffen“, erinnert sich Joana. Hinzu kommt ihre Schwerbehinderung. Sie hat eine spastische Lähmung, das bedeutet: „Die Steuerung meiner Beine funktioniert nicht richtig. Das macht den Alltag schwieriger, langsamer“, erklärt sie. Die Kinder auf den Arm nehmen und für längere Zeit tragen ist für sie nicht möglich. Ein Kleinkind und zwei Neugeborene sind schon ohne persönliche Einschränkungen eine Herausforderung. Da ist sie besonders froh, dass Birgit auch mal sehr spontan vorbeikommen kann.

Füttern, anziehen oder spazieren gehen. Während sich Engel Birgit um den Nachwuchs kümmert, nutzt Joana die Zeit, um aufzuräumen, Behördengänge zu erledigen oder zur Physiotherapie zu gehen. Mittlerweile arbeitet sie wieder in Vollzeit als Ärztin in einer Kinderpsychiatrie, Norman 20 Stunden die Woche als Informatiker.

Die Kleinen sind kürzlich auch in die Kita gekommen und oft helfen die Großeltern. „Und Birgit ist wie unsere dritte Oma“, beschreibt Joana das gute Verhältnis.

Besser als Babysitter

Wie Carolin Kreutzer betont, müsse sich eine Familie keineswegs in einer Problemsituation oder besonderen Lebenslage befinden, um das Angebot von „wellcome“ in Anspruch nehmen zu können. Die einzige Bedingung ist ein Neugeborenes. Das Besondere an dem Projekt sei außerdem das niederschwellige Angebot. Die Stadt biete selbst die „Frühe Hilfe“ an, ein Beratungs- und Unterstützungsangebot für Familien. An eine praktische, schnelle Hilfe zu kommen, sei jedoch nur bei „wellcome“ möglich, so Carolin Kreutzer.

Joana und Norman schätzen es, dass die Engel ihre Freizeit dafür nutzen, anderen zu helfen, dadurch teilweise flexibler und enthusiastischer seien als beispielsweise Babysitter. „Die Motivation ist eine ganz andere“, findet Norman. Familie Rönsch ist bereits Birgits vierter Einsatz als helfender Engel. Mit dem Ruhestand kam viel freie Zeit, die sie sinnvoll nutzen wollte. „Es ist toll mitzuerleben, wie die Kinder sich entwickeln“, freut sie sich jedes Mal. Die gelernte Bauingenieurin steckt Familie und Kinder mit ihrer lebensfrohen Art an.

Dass Birgit keine pädagogische Ausbildung hat, sei Joana nicht wichtig. Wichtig sei nur das Vertrauen, denn wenn Freunde und Verwandte bei der Kinderbetreuung helfen, hätten die schließlich auch keinen professionellen Hintergrund.

Das sei, so Carolin Kreutzer, ein zentraler Punkt des Angebots. Die Engel seien weder Erzieher noch Haushaltshilfen, sondern helfen frischgebackenen Eltern bei der Entlastung im Alltag „und sind eine zusätzliche Bereicherung für die Familien“, fasst Kreutzer das Projekt zusammen.