Magdeburg l Am Herrentag 2019 ziehen viele Menschen durch Magdeburg und verbringen die Zeit mit ihren Freunden. Auch eine Familie aus dem Iran, bestehend aus Vater, Mutter und Sohn, die Tochter ist zu Hause geblieben, ist an diesem Tag unterwegs. Sie besuchen das Fest der Kulturen im Nordpark. Veranstalter sind Familienhaus und Polizeiinspektion Magdeburg. Das Fest ist auch ein Zeichen gegen Ausländerfeindlichkeit und wirbt für Toleranz.

Sohn Samyar (7) stößt bereits am Eingang auf ein freundliches Gesicht. Es ist das von Bürgerpolizistin Maja Hendrich. Sie sind sich schon einmal begegnet, denn Samyar, sein Vater Saeid, Mutter Somayeh und die Schwester Sarina leben in der Flüchtlingsunterkunft in der Breitscheidstraße. Die Bürgerpolizisten schauen dort regelmäßig vorbei und helfen den Migranten beim Verstehen der deutschen Normen und Gesetze.

Erinnerungsbutton von Magdeburg

Der Junge und die Polizistin pressen gemeinsam einen Erinnerungsbutton vom Fest der Begegnung. Ein vermeintlich glücklicher Tag für die Familie. Aber Stunden später kommt es anders. In der Folgenacht gegen 3 Uhr bekommt die Familie wieder mal Polizeibesuch in der Flüchtlingsunterkunft. Anders als sonst geht es aber nicht um Beratung, sondern um Abschiebung.

Beamte des Zentralen Einsatzdienstes (ZED) erklären der Familie, dass sie abgeschoben wird. Und zwar nach Volksstimme-Informationen in die Niederlande. Hintergrund: Dort hatte die Familie vor sechs Monaten zuerst einen Asylantrag gestellt. Die Rechtslage schreibt vor, dass dann dort auch die Klärung des Antrages zu erfolgen hat. Offizielle Auskünfte dazu gibt es nicht.

Wut und Tränen bei Abschiebung

Eine Bekannte der Familie, die lieber unerkannt bleiben möchte, schildert später gegenüber der Volksstimme den Einsatz in gebrochenem Englisch. „Die Polizisten betraten den Raum der Familie und weckten diese.“ Anschließend sei den Eltern eröffnet worden, dass sie nun abgeschoben würden. Daraufhin seien beide in Tränen ausgebrochen. Wut und Trauer hätten in diesem Moment dicht beieinander gelegen.

„Natürlich waren die beiden schockiert und sauer zugleich“, schildert die Bekannte weiter. Anschließend habe man die Familie in einem Bus weggefahren. „Ich verstehe die Welt nicht mehr, wie kann man eine Familie, die so sehr geplagt ist, einfach abschieben?“, fragt sich die Bekannte, die ebenfalls in der Unterkunft wohnt.

Aufnahmelager in Halberstadt

Der Weg der vier sei nicht einfach gewesen. Nach dem Antrag in den Niederlanden ist die Familie nach Deutschland gekommen. Hier wurden sie in ein Aufnahmelager nach Halberstadt gebracht. Dieses lag außerhalb des Stadtzentrums.

Eine schwere Hürde für die Familie, denn der Sohn leidet unter Epilepsie, ist auf medizinische Unterstützung eines Arztes jederzeit angewiesen. Im Winter liefen Vater und Sohn zum Teil bis zu einer Stunde zum Arzt, um die dringend benötigte Medizin zu besorgen.

Suizidversuch wegen Abschiebung

Dass Vater und Mutter von der drohenden Abschiebung wussten, offenbart sich in einem Suizidversuch von Somayeh. Dieser passiert, als sie, mittlerweile in Magdeburg untergebracht, einen Brief bekommen. In diesem wird ihnen erklärt, dass sie auf ihre Abschiebung warten sollen. Wann diese passieren wird, bleibt offen.

Der Fall von Samyar und seiner Familie ist nur einer von vielen, die tagtäglich so oder ähnlich in Deutschland geschehen. Allein in Magdeburg wurden im Jahr 2018 genau 114 Abschiebemaßnahmen und Rücküberstellungen durchgeführt. Das bestätigt Stadtsprecher Michael Reif. „In diesem Jahr wurden bisher 46 Maßnahmen durchgeführt.“ Die letzte habe am 31. Mai 2019 stattgefunden, an dem Tag, als die Familie aus dem Iran in den Bus steigen musste.

Polizei leistet Vollzugshilfe

„Die Polizei leistet lediglich Vollzugshilfe im Rahmen der Amtshilfe. Entscheidungen, die mit der Festlegung der Rückführung einhergehen, liegen nicht im Ermessensbereich der Polizei“, erklärte Siawash Ebadi von der Polizeiinspektion Magdeburg. Letztendlich würden das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) sowie die Ausländerbehörde darüber entscheiden.

Sauer stößt der Freundin der Familie auch auf, dass die Familie kaum persönliche Gegenstände hätte mitnehmen können. Lediglich der Button sei an Samyars Pyjama befestigt gewesen. Er stammt vom Fest der Begegnung.