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Gesundheit in Magdeburg: Wie künstliche Intelligenz bei Diabetes helfen kann

Diabetes gehört zu den großen Volkskrankheiten. In Magdeburg hat ein Mediziner eine Spzialsohle entwickelt, die wertvolle Daten für Patienten und Ärzte liefert.

20.07.2022, 05:00
Diabetes ist eine Volkskrankheit. In Magdeburg hat ein Mediziner ein Hilfsmittel entwickelt, das wichtige Daten liefert.
Diabetes ist eine Volkskrankheit. In Magdeburg hat ein Mediziner ein Hilfsmittel entwickelt, das wichtige Daten liefert. picture alliance/dpa/PA Wire

Magdeburg - vs

Mit einer innovativen Fußsohle hilft Prof. Dr. med. Peter Mertens Diabetes-Erkrankten. Die Digitalisierung der Medizin hilft ihm, Zusammenhänge besser zu verstehen.

Die Informationen und Bilder, die Ärzte im Kopf behalten sollen, werden immer mehr. Das weiß Prof. Dr. med. Peter Mertens aus eigener Erfahrung. Er ist Direktor an der Magdeburger Universitätsklinik für Nieren- und Hochdruckkrankheiten, Diabetologie und Endokrinologie. Er beschreibt es als natürlichen Prozess, dass die Mediziner bei der Menge an Informationen im Kopf selektionieren.

300 Patienten an einer Diabetes-Studie

Eine künstliche Intelligenz könnte hingegen ohne weiteres aus einer Datensammlung Muster und Zusammenhänge erkennen und ein wirkliches Signal von Rauschen unterscheiden. „Sollte ich als Arzt einen ganzen Zettel mit vielen Normalwerten durchlesen müssen, oder sollte ich das sehen, was auffällig ist, und die Zusammenhänge aufgelistet bekommen?“

Die Entscheidung ist für Mertens eindeutig. Eine digitale und automatisierte Auswertung kann Arbeit abnehmen, auch Fehler könnten so vermieden werden.

Dass Digitalisierung eine tatsächliche Hilfe und keine zusätzliche Belastung sein kann, erlebte Peter Mertens kürzlich im Zuge einer Studie. Mit einem Team entwickelte er eine Einlegesohle mit eingebauten Sensoren zur Messung von Temperatur und Druck am Fuß. 300 Patienten mit Diabetes nahmen an der Studie teil und wurden über Jahre hinweg begleitet. Die Hälfte von ihnen nutzte die Sohle, die andere Gruppe sollte weiterhin ohne auskommen.

80.000 Datensätze sind zu verarbeiten

Es kamen über 80.000 Datensätze zusammen, mit denen das Team um Mertens „umgehen“ musste. Eine digitale Plattform wurde entwickelt. Ein Dashboard lieferte eine übersichtliche Aufbereitung der Daten, „und plötzlich erkennt man Muster“.

Ein Beispiel: Bei über 50 Patienten entstand eine Minderdurchblutung im Fuß, die bislang nicht entdeckt worden war. In einigen Fällen bestand ein zeitlicher Zusammenhang zu einem Herzinfarkt oder Schlaganfall.

Der Aufwand für die Programmierung war anfangs hoch, doch aus Sicht von Prof. Mertens lohnend. Bei Auffälligkeiten schlägt eine künstliche Intelligenz jetzt Alarm, ein Arzt kann innerhalb von wenigen Minuten die Daten nachverfolgen – und somit rechtzeitig eingreifen.

Digitalisierung: 90 Prozent wollen die Sohle

Die Digitalisierung gibt ein Gefühl von Sicherheit, „ähnlich wie das Zähneputzen“. Aus diesem Grund wollten über 90 Prozent der Beteiligten am Ende der Studie die Einlegesohle nicht abgeben.

Noch stehen einige Mediziner der Digitalisierung ihrer Arbeit skeptisch gegenüber. Sie befürchten, überflüssig zu werden. Laut Peter Mertens ist diese Sorge unbegründet: „Letztendlich gibt der Arzt nicht so viel ab.“ Die künstliche Intelligenz ist ein Ratgeber, Entscheidungen treffen kann weiterhin nur das ärztliche Personal.

Sie haben auch weiterhin den Kontakt zu den Betroffenen, beziehen das Umfeld sowie Lebensumstände mit ein und leisten Aufklärungsarbeit. Mertens vergleicht einen Arzt mit einem Astronauten: „Bei seiner Reise zum Mond versteht der Astronaut nicht alles, was um ihn herum passiert. Er vertraut auf die Informationen, die ihm davor gegeben wurden.“ Jede Behandlung ist eine Raumfahrt.

Sind die Ärzte geschult im Umgang mit digitalen Tools, werden sie die Zeit, die sie früher in Bürokratie investieren mussten, nun für Patientengespräche nutzen können. Damit kommt die Digitalisierung letztendlich den Erkrankten zugute. Eine Ärztin in Magdeburg könne dann mit einem Patienten in der Altmark digital kommunizieren und Daten auswerten, ohne dass jedes Mal ein Besuch in der Praxis nötig ist.

Bis es so weit ist, müssen einige Hürden überwunden werden. Noch gibt es keine einheitlichen Standards zur Verwaltung medizinischer Daten, in Magdeburg werden andere Systeme verwendet als in Halle. Benötigt wird eine Schnittstelle.

Gemeinsam in eine Richtung gehen

Und wir müssen gemeinsam in eine Richtung arbeiten, so Mertens. In den kommenden Jahren will er die papierlose Datenübertragung und Krankenversorgung im Krankenhaus ausbauen. Dazu braucht es auch Vertrauen und etwas Risikobereitschaft. „Die Digitalisierung wird uns keine Wahl lassen. Die Welle kommt und entweder gehen wir unter oder wir schwimmen oben auf“, so Mertens.